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Digitalisierung:Warum muss ich immer noch aufs Amt?

In Deutschland müssen die meisten Behördengänge noch analog erledigt werden - lange Wartezeiten inklusive.

(Foto: Robert Haas)

Den Wohnsitz online anmelden oder den Reisepass mit ein paar Klicks bestellen - technisch längst möglich. Doch deutsche Behörden hinken bei der Digitalisierung weit hinterher.

Bücher bestellen, Girokonten eröffnen, ein Bahnticket kaufen - nach wenigen Minuten und einigen Klicks ist das online erledigt. Und einen neuen Wohnsitz anmelden? In acht Wochen wäre da noch ein Termin beim Meldeamt frei. Natürlich muss der neue Einwohner persönlich erscheinen, im Amt am anderen Ende der Stadt, denn nur da war überhaupt noch ein Termin verfügbar. Die Anmeldung an sich dauert fünf Minuten.

Deutschlands Verwaltung hat Digitalisierung bitter nötig. Das ist auch ein Thema beim nationalen IT-Gipfel in Saarbrücken. Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Forschung wollen Projekte anstoßen. Bei Behörden sollen sie anfangen. Lange Wartezeiten bei Amtsgängen sind vor allem in Großstädten ein Problem. Das liegt - entgegen der landläufigen Meinung - nicht an saumseligen Beamten und Angestellten. Schuld ist vielmehr, dass mehr und mehr Menschen in die großen Städte ziehen und Stellen in den Ämtern abgebaut werden.

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Tatsächlich sind auch schon einige Funktionen über das Internet verfügbar. Vor allem die Terminvergabe wird digital organisiert. Da die Bürger oft trotzdem noch das unterbesetzte Amt aufsuchen müssen, ist damit aber nicht viel gewonnen. Eine Verwaltung, die innovativ sein will, ist genau das nicht, wenn Bürger Formulare zwar online ausfüllen und herunterladen können, aber noch immer per Post verschicken oder persönlich abgeben müssen - bloß um einen Parkausweis oder einen Reisepass zu beantragen. Der Gang zum Amt wäre mal etwas, das es sich lohnen würde, wegzurationalisieren.

Spitzenplatz 18 von 28

Das wissen auch die Behördenleiter. Die Hertie School of Governance hat diese nach den größten Herausforderungen in den kommenden fünf Jahren befragt. Platz eins: Digitalisierung. Zum Vergleich: Flüchtlinge aufnehmen und integrieren landete erst auf Platz fünf. Dabei wollte Deutschland Vorreiter bei der digitalen Verwaltung, auch E-Government genannt, werden. In der E-Government-Strategie hieß es 2010: "Im Jahr 2015 erreicht das deutsche E-Government einen europäischen Spitzenplatz." Und auf welchem Spitzenplatz steht Deutschland im EU-Vergleich heute tatsächlich? Platz 18 von 28 bei digitalen öffentlichen Leistungen, so eine Untersuchung der EU-Kommission.

An der Spitze steht Estland. Während der Deutsche seine Zeit auf der Kfz-Zulassungsstelle verbringt, Wartenummer 178, hat der Este von zu Hause aus online einen Vertrag unterschrieben, seine Steuererklärung abgegeben, ein Unternehmen gegründet, ein Busticket auf seinen Personalausweis geladen, die Krankenakte abgerufen und gewählt: 2015 hat jeder fünfte Wähler seine Stimme am Rechner abgegeben. Von Estland lernen, heißt digitalisieren lernen.