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Internet:Deutschland hat die Digitalisierung nicht verschlafen, sondern unterdrückt

Glasfaserausbau

Schutzhüllen für Glasfaserkabel ragen aus einem Acker. Der viel zu langsame Breitbandausbau steht exemplarisch für Deutschlands Umgang mit der Digitalisierung vor 2020. Alle sind dafür - eigentlich. Es passiert aber nichts.

(Foto: Sina Schuldt/dpa)

Das deutsche Digitalisierungs-Dilemma ist nicht einfach so passiert, sondern Ergebnis politischer Entscheidungen: Die neuen Möglichkeiten wurden absichtlich nicht genutzt.

Kommentar von Dirk von Gehlen

Was muss das für eine geruhsame, fast schon entspannende Zeit gewesen sein - vor Corona. Im Bildungsbereich, im Gesundheitswesen, in der Justiz und auch im Finanzsektor wurde ausgiebig geruht. Jedenfalls verkünden vermeintliche Auskennerinnen und Auskenner dort wie auch in der Gastronomie und in der Kulturbranche seit Tagen wortgleich die Erkenntnis: "Deutschland hat die Digitalisierung verschlafen."

Der Satz ist für die Transformationsdebatte zu dem geworden, was Mainstream-Radio für die Musik ist: der kleinste gemeinsame Nenner, der aber als größter Hit verkauft wird. Der Grund für den plötzlichen Erfolg: Das Verschlaflied mischt eine sanfte Gesellschaftsanalyse mit einer Prise vermeintlicher Selbstkritik, die in dem Allgemeinplatz-Appell mündet, jetzt aber endlich aufzuwachen. Das Problem dabei: Das Verschlaflied basiert auf einer grundlegenden Fehleinschätzung. Deutschland hat die Digitalisierung nicht verschlafen. In Deutschland wurden die Möglichkeiten der Digitalisierung im Gegenteil über Jahre absichtsvoll unterdrückt.

Das Verschlaflied läuft in der Heavy Rotation

Im Bildungsbereich, im Gesundheitswesen, in Justiz und Finanzsektor und auch in Gastronomie und Kultur haben Menschen sehr lange und sehr bewusst Entscheidungen getroffen, die das verhindern sollen, was man heute als Digitalisierung zusammenfasst. Als im Sommer 2015 der damalige Präsident des Deutschen Lehrerverbands zur heute so dringlich vermissten Digitalisierung an den Schulen befragt wurde, fiel ihm nicht mehr ein als eine Klage über vermeintliche Häppchen-Bildung und "Zwangsdigitalisierung". Er sagte: "Wogegen ich etwas habe, das ist die Euphorie, zu glauben, Schule könnte nun völlig anders gestaltet werden." Ganz so als sei der Wunsch oder gar die Euphorie, etwas gestalten und verändern zu wollen, per se falsch. Für diese abwehrende Haltung gegenüber dem Neuen und Fremden, finden sich zahlreiche Beispiele, die belegen: Ja, Deutschland hat die Möglichkeiten des Digitalen nicht ausgeschöpft. Aber nein, das ist nicht passiv einfach so passiert. Das deutsche Digitalisierungs-Dilemma ist das Ergebnis aktiver politischer Entscheidungen.

Das mag auf den ersten Blick merkwürdig klingen, denn im Hitradio der Digitalisierungs-Debatte lief bis zum Beginn der Corona-Krise seit Jahrzehnten die sehr alte Platte vom Breitbandausbau rauf und runter. Aber allein die Tatsache, dass mehr Menschen das Wort als dessen konkretes Erleben kennen, beweist, dass hier viel mehr angekündigt als getan wurde. Um damit durchzukommen, wurde ein Instrument entwickelt, das man folgenlose Zustimmung nennen könnte. Denn selbstverständlich ist in Deutschland niemand offen gegen den digitalen Wandel. Es wird im Gegenteil viel genickt, wenn die Bedeutung der Digitalisierung beschworen wird. Aber genauso selbstverständlich geht man davon aus, dass die damit verbundenen Veränderungen vor allem die anderen betreffen. Und so verhält man sich dann auch. Das Internet wird behandelt wie die Sonderausstattung am Auto: eine Spielerei, aber fürs Fahren nicht relevant.

Dieses Internet geht nicht mehr weg

Das hat sich in den vergangenen Monaten grundlegend verändert. Auch die Gestaltungs-Skeptikerinnen und -Skeptiker wissen: Das geht nicht mehr weg. Deshalb haben sie jetzt die Platte vom Verschlafen der Digitalisierung aufgelegt und hoffen, dass diese ebenso folgenlos in der Heavy Rotation laufen kann wie die alte Leier vom Breitbandausbau. Das ist ärgerlich, weil es davon ablenkt, dass in Vorstandsbüros, bedeutsamen Gremien und finanzstarken Kommissionen immer noch eine Haltung sehr präsent ist, die nicht die Möglichkeiten des digitalen Wandels, sondern dessen Gefahren betont. Ehrlich wäre es anzuerkennen: Deutschland hat die Digitalisierung nicht verschlafen, sondern im besten Fall zerredet. In den überwiegenden Fällen war es aber offene antidigitale Politik, die einen schnelleren Wandel verhindert hat und weiterhin verhindert.

Es mag verständlich sein, dass Menschen keine Lust haben, sich von "dem Internet" ihre mühsam erarbeiteten oder auch nur ererbten Privilegien streitig machen zu lassen. Es ist womöglich sogar legitim, dass sie dafür in Worten, Budget-Entscheidungen und konkreten Taten dem Neuen und Digitalen weniger Chancen eingeräumt haben. Aber es ist nicht richtig, dies nun als "Verschlafen" zu beschreiben. Besser wäre es, endlich auszusprechen, dass es in diesem Land einen offenen Konflikt über die Frage gibt, wie mit den Möglichkeiten der Digitalisierung umzugehen sei. Mit ihrem Verschlaflied wollen die Blockiererinnen und Zerreder jetzt genau davon ablenken und eine neue Strophe der folgenlosen Zustimmung anstimmen.

© SZ.de/mxm
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