Digitalisierung Digitalisierung als Chance statt Katastrophe

Viel wichtiger wäre es, die Mechanismen des Neuen zu verstehen und zu analysieren, welche Entwicklungen dadurch angestoßen werden. Felix Stalder, der in Zürich an der Hochschule der Künste als Professor für Digitale Kultur und Theorien der Vernetzung arbeitet, hat sich diese Mühe gemacht. Sein Buch "Kultur der Digitalität", gerade bei Suhrkamp erschienen, kann man als Gegenentwurf zur alarmistischen Hitparaden-Literatur lesen. Stalder unternimmt den Versuch, das, was wir verallgemeinernd Digitalisierung nennen, genau zu definieren.

Er tut dies mit den Begriffen Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität , die er für bestimmend für das Digitale hält: Inhalte werden duplizierbar und beziehen sich stärker als bisher aufeinander (Referentialität); Menschen können sich leichter als je zuvor verbinden und nach Interessen organisieren (Gemeinschaftlichkeit); Orientierung entsteht immer mehr durch maschinelles Filtern und Sortieren (Algorithmizität). Dabei verfällt er nicht dem gängigen Fehler, das Neue einzig entlang der technischen Erfindungen zu erzählen. Er nimmt den Leser mit auf eine gesellschaftspolitische Analyse, die schon weit vor Instagram, Twitter und Facebook ansetzt, um zu erklären, warum Menschen sich heute dort organisieren.

Facebook Facebook ist das neue Fernsehen - und macht uns zu Analphabeten
Hossein Derakhshan

Facebook ist das neue Fernsehen - und macht uns zu Analphabeten

Das geschriebene Wort verliert an Bedeutung, im Internet dominieren Videos. Ein Geschenk für Demagogen - und eine Gefahr für unsere Zivilisation.   Gastbeitrag von Hossein Derakhshan

Ausgestattet mit diesem Rüstzeug erlebt der Leser den technischen Wandel nicht mehr als Katastrophe, die es zu bekämpfen gilt, sondern als gestaltbaren Raum, in dem "die Auseinandersetzung darüber, in welcher Welt wir leben wollen, auf welche Ziele die vorhandenen Potenziale ausgerichtet werden sollen", für Stalder "offener denn je" ist. Denn er erkennt nicht nur die Gefahr einer autoritären Postdemokratie durch die Schwächung etablierter Institutionen, sondern auch die Chance auf "radikale Erweiterung und Erneuerung der Demokratie von der Repräsentation hin zur Partizipation". Diese Option fasst er in der Entwicklung der sogenannten Commons zusammen, die man z. B. in der Open-Source-Bewegung erkennen kann und die für Stalder "eine echte, fundamentale Alternative auf der Höhe der Zeit" darstellt.

Dieses Denken basiert auf der Grundannahme, dass die Lösungen für die Probleme der Zukunft sich nicht einzig aus der (eigenen) Vergangenheit speisen können. Sie müssen im Gegenteil aus der Beobachtung dessen erwachsen, was sich als Veränderung ankündigt. Wer den Blick auf Übermorgen richtet, findet zum Beispiel heraus, dass bald ein Buch auf Deutsch veröffentlicht wird, das in diesem Sommer bereits auf Englisch erschienen ist. "The Inevitable" ("Das Unausweichliche") von Kevin Kelly kann als weiterer Titel gegen den Alarm der Hitparaden-Autoren gelesen werden.

Im Titel spielt der Mitgründer des Technik-Magazins Wired ironisch mit der Alarm auslösenden Annahme, technische Entwicklungen seien unausweichlich. Kelly hält sie im Gegenteil für gestaltbar. Dafür sei es aber unabdingbar, zu verstehen, worauf sie beruhen: "Mein Ziel in diesem Buch ist es, die Grundlagen des digitalen Wandels offenzulegen und sie anzunehmen. Wenn wir sie erkennen, können wir mit ihrer Natur arbeiten statt gegen sie zu kämpfen. Damit meine ich nicht, dass wir uns raushalten sollen. Wir müssen diese Innovationen zähmen und zivilisieren, aber wir schaffen dies nur durch intensive Beschäftigung, Erfahrungen aus erster Hand und wachsame Aufnahme."

"Cognifying": Wenn alle Dinge ein Bewusstsein bekommen

Der Wandel sei unausweichlich. Er zeige sich in zwölf Entwicklungssträngen, die er für so wahrscheinlich hält, dass er sie als "Das Unausweichliche" zusammenfasst. Er schränkt allerdings ein: "Diese Kräfte verstehe ich als Bahnen, nicht als Schicksal."

Die zwölf Richtungen sind nicht nur deshalb sehr lesenswert, weil er sie mit dem Punkt "Anfangen" beendet. Sie liefern ein Grundgefühl, was sich aus dem entwickeln wird, was Felix Stalder als Kultur der Digitalität analysiert hat. Zentrale Bedeutung misst Kelly dabei Entwicklungen wie dem Remixen, Filtern, Teilen und auch dem durchaus problematischen Tracking bei. Zu Letzterem schreibt er: Wir werden nicht verhindern können, dass Verhalten aufgezeichnet und gespeichert wird. Es kommt jetzt darauf an, dieses Tracking zu zivilisieren."

Vor allem aber kommt Kevin Kelly das Verdienst zu, den Oberbegriff "Cognifying" erfunden zu haben, unter dem er die Entwicklungen der künstlichen Intelligenz zusammenfasst - und mit der Elektrizität vergleicht. So wie mit Hilfe des elektrischen Stroms für die Reinigung der eigenen Kleidung die Waschmaschine erfunden wurde, sagt Kelly voraus, dass auch die künstliche Intelligenz weite Bereiche des Lebens erfassen wird. "Das Geschäftsmodell der nächsten 10 000 Start-ups ist leicht vorherzusagen", schreibt er, "Nimm X und ergänze es um künstliche Intelligenz. Suche etwas, das besser wird, indem man künstliche Intelligenz hinzufügt."

Und wie bei der Elektrizität empfiehlt sich dabei ein konstruktiver Umgang mit dem Neuen. "Wir müssen", schreibt Kelly, "diese neuen Technologien gestalten, um tatsächliche (statt rein hypothetische) Gefahren zu vermeiden." Offenbar scheint nach der alarmistischen Aufregung der vergangenen Jahre nun der Zeitpunkt für genau diese Form der Auseinandersetzung gekommen zu sein - wenn man nicht nur auf Titelgeschichten von Magazinen und die vorderen Plätze der Beststellerlisten schaut.

Felix Stalder: Kultur der Digitalität, Suhrkamp

Kevin Kelly: The Inevitable, Penguin Books

Internet Was wir von den Pionieren des Netzes lernen können

World Wide Web

Was wir von den Pionieren des Netzes lernen können

Vor 25 Jahren ging die erste Webseite online. Heute nutzen nicht nur Bürger die Technik, sondern auch Monopolkonzerne, Geheimdienste und Diktatoren. Wir müssen dringend etwas unternehmen.   Kommentar von Andrian Kreye