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Digitalisierung:Die Gefahren des beschleunigten Alltags

Dabei ist die Digitalisierung, anders als Schlüsseltechnologien der vergangenen Jahrhunderte, nicht auf einen Zweck beschränkt, etwa um von hier nach dort zu gelangen, wie mit dem Auto.

Die Digitalisierung ist wie ein Äther, der in sämtliche Winkel der Zivilisation vordringt, in Telefone, Waschmaschinen, Backöfen, Ladenkassen, Fahrstühle und Spielzeug. Schon bei Grundschülern beliebte Daddelmaschinen können Fotos schießen und haben Internet-Anschlüsse.

Die Geschwindigkeit dieser Entwicklung übertrifft die menschliche Anpassungsfähigkeit bei weitem. Davon zeugt nicht nur der Irrsinn, von dem die Webforen und Facebooks dieser Welt überquellen. Die Verunsicherung trifft auch komplette Industriezweige, Filmproduzenten, Musikhäuser und Verlage, die ratlos zusehen, wie sich ihre klassischen Geschäftsmodelle auflösen.

Die grenzenlosen Möglichkeiten der Kommunikation scheinen den einst von Bertolt Brecht bei der Einführung des Rundfunks geforderten Wechsel von einem Distributions- in einen Kommunikationsapparat perfekt zu erfüllen. Brecht wollte ein Medium, das die Zuhörer nicht isoliert, sondern sie in Beziehung setzt.

Ständige Erreichbarkeit und Pseudo-Produktivität

Doch jetzt, wo Glasfasern und Mikrochips diese Vielfalt gestatten, werden auch die Nachteile und Gefahren deutlich. Internet, E-Mails, Smartphones und Laptops erzeugen auch eine übertriebene Dynamik. Ständige Erreichbarkeit und ein Gefühl der Verpflichtung beschleunigen den Alltag auf pathologische Weise. In den Betrieben führt es zu Pseudo-Produktivität, bei der das Abarbeiten von redundanter digitaler Information mit Arbeit verwechselt wird.

Hinzu kommt, dass die multimedialen Möglichkeiten zunehmend das Gefühl erzeugen, man könne die Realität dieser Welt scheinbar auf Knopfdruck abrufen. YouTube-Videoschnipsel aus anderen Erdteilen und hektische Twittermeldungen fördern ein trügerisches Gefühl des Informiertseins.

In Wahrheit sind solche Kanäle Filter, die begrenzte Einblicke auf die reale Welt freigeben. Auf ähnliche Weise erzeugen auch die obligatorische Suchmaschine Google und das Mitmachlexikon Wikipedia die Illusion, das komplette Weltwissen anzubieten. Dabei gibt es noch eine Welt neben Google.

So gesehen ist auch 40 Jahre nach Kao, Boyle und Smith nicht klar, ob ihre Entdeckungen tatsächlich dem Wohl der Menschheit dienen. Doch das ist wie mit dem Dynamit des Preisstifters Nobel. Wie es genutzt wird, liegt nicht in der Hand des Entdeckers.