Digitalisierung Arbeit aus dem Automaten

Das Programm bewertet jeden Jobsuchenden auf Basis verschiedener persönlicher Kenndaten.

(Foto: Mauritius images)
  • In Österreich sollen zukünftig Algorithmen beeinflussen, wer von der Arbeitsagentur welche Maßnahmen vorgeschlagen bekommt.
  • Das Vorgehen steht in der Kritik, weil es vorhandene Diskriminierungen, etwa gegen Frauen und Alte, in eine technische Lösung überführen könnte.
  • Weibliches Geschlecht und höheres Alter sorgen für eine schlechtere Bewertung durch den Algorithmus.
Von Valentin Dornis

Eine Maschine, die Menschen automatisch bewertet und in Gruppen sortiert, das klingt nach dem Albtraum aller Digitalisierungsgegner. Ein solches Programm soll in Österreich bald alltäglich sein: Der Arbeitsmarktservice (AMS), vergleichbar mit der deutschen Bundesagentur für Arbeit, will künftig einen Algorithmus einsetzen, um die Chancen von Arbeitslosen auf einen neuen Job zu bewerten. Kritiker fürchten nun, die Software könnte Frauen, ältere Menschen und Ausländer diskriminieren.

Es geht dabei um grundlegende Fragen der Digitalisierung, die sich auch in Deutschland stellen: Wie viel Verantwortung will die Gesellschaft an Computer abgeben? Und welche Rolle spielt das Schicksal des Einzelnen, wenn der Algorithmus nur nach Kennzahlen entscheidet?

Frauen und Alte haben schlechte Chancen

Das Programm in Österreich arbeitet auf Basis verschiedener persönlicher Kenndaten, die kombiniert werden. In die Berechnung fließen beispielsweise die Ausbildung und das bisherige Arbeitsleben ein. Aber auch Alter, Geschlecht und Staatsangehörigkeit spielen eine Rolle. Sucht nun jemand eine Arbeit, berechnet der Algorithmus seinen sogenannten "Integrations-Chancenwert", eine Prozentzahl. Die soll Auskunft darüber geben, wie gut die Aussichten dieses Menschen auf eine neue Stelle sind. Anhand dieses Werts teilt das Programm die Menschen dann in eine von drei Gruppen ein: Wer 66 Prozent oder mehr erzielt, landet in der "Hoch"-Gruppe mit guten Chancen, mit einem Wert unter 25 Prozent geht es in die "Niedrig"-Gruppe. Alle anderen werden in die "Mittel"-Gruppe einsortiert.

In einem Dokument, das der AMS zu dem Programm veröffentlichte, ist nachzulesen, welche Eigenschaften der Algorithmus als negativ oder positiv wertet. Das weibliche Geschlecht und ein höheres Alter haben zum Beispiel negative Auswirkungen auf den Chancenwert. Daran entzündet sich nun die Kritik.

Der AMS will mit dem Programm vor allem seine Effizienz steigern. Ein Schritt, der in Deutschland noch nicht getan wurde. "Solche Algorithmen nutzen wir nicht, und das ist derzeit auch nicht geplant", sagt ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit. Bei der Beratung von Arbeitssuchenden werde nur eine Art Jobplattform genutzt: Das Programm vergleicht Stellenangebote und Bewerberprofile und schlägt dann passende Jobs vor. Dabei seien vor allem Qualifikationen und Erfahrung wichtig, das Geschlecht oder die Herkunft spielten dagegen keine Rolle, betont der Sprecher.

Der AMS wehrt sich gegen Kritik

Werden Menschen nicht diskriminiert, wenn solche Merkmale bei der Suche nach Arbeit als Nachteil festgelegt werden? Johannes Kopf, Vorstand des AMS, wehrt sich gegen die Kritik. Die Chancenwert-Berechnung zeige nur, dass es auf dem Arbeitsmarkt eine Diskriminierung bestimmter Gruppen gebe. Ignoriere man diese Tatsache, könnten zum Beispiel Frauen nicht korrekt gefördert werden. "Unsere Aufgabe ist es, gegen Diskriminierung am Arbeitsmarkt vorzugehen", sagt Kopf. Deshalb gebe es klare Ziele für die Frauenförderung: Der AMS sei verpflichtet, 50 Prozent seines Geldes für Fördermaßnahmen für Frauen auszugeben, obwohl 2017 nur 43,3 Prozent der Arbeitssuchenden weiblich gewesen seien. Für andere Gruppen, etwa Langzeitarbeitslose, gebe es ebenfalls spezielle Programme, die sie auf einen Job vorbereiten sollen. Es sei deshalb nötig, dass der Algorithmus realistische Chancenwerte errechne: "Eine Abbildung der Realität kann nicht diskriminierend sein."