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Digitales Morgen:3. Kommunikation wird (noch) unbewusster

Der Satz "ich bin gerade im Zug" wird für künftige Generationen das sein, was für die erste Generation der Netznutzer heute das Rauschen eines Modems ist: ein Geräusch aus fremder Zeit. Wer in einer gewöhnlichen Großstadt mit der S-Bahn fährt, kann den Satz noch regelmäßig hören. Menschen sagen ihn in ihre Mobilfunkgeräte. In Zukunft wird das Telefon diese Information (wenn gewünscht) bereits übermittelt haben. Niemand wird mehr sagen müssen, wo er sich während eines Anrufs gerade befindet. Denn nicht nur das Telefon wird kommunizieren, ohne dass wir es bemerken - auch eine Brille oder Kleidungsstück kann diese Aufgabe übernehmen

Das bruchlose Teilen von Inhalten (frictionless sharing) ist eines der Schlagworte der Social-Media-Welt. Es beschreibt z. B. die automatische Anzeige von aktuell abgespielten Liedern im Profil eines Facebook-Nutzers. Dabei können die Kleinstcomputer natürlich viel mehr über- und ermitteln als nur den gerade laufenden Song: Ort, Begleitung, Blutdruck oder Körpertemperatur sind Metadaten künftiger Kommunikation, die selbst den Unkreativsten einfallen. Wer hier mehr Inspiration sucht, kann in der Quantified-self-Bewegung sehen, welche Möglichkeiten des (unbewussten) Datensammelns sich noch ergeben.

Vor dem Hintergrund der Geheimdienstüberwachung mag dies zunächst merkwürdig klingen, aber diese Daten stehen tatsächlich für positive Möglichkeiten der Kommunikation. Sascha Lobo geht sogar so weit, von einer Datenbegeisterung zu sprechen, die künftige Kommunikation prägen wird - wenn sie denn bewusst geschieht. Denn natürlich gilt auch für die Kommunikation der Metadaten das Prinzip des sozialen Austauschs: Es ist ein Geben und Nehmen. Und Menschen werden erkennen, dass sie den besten Schweinebraten in der Nähe nur dann genannt bekommen, wenn sie umgekehrt verraten, wo sie sich aufhalten. Wie weit sich dieses Prinzip auffächern lässt, erkennt man, wenn man eine vegane Alternative zum Schweinebraten in der Nähe sucht. Plötzlich bekommt die Expertise der Facebook-Freundin, die ständig fleischlose Rezepte postet, besondere Bedeutung - in einem anderen Kontext.

Um diese neuen Möglichkeiten der Kommunikation bewusst nutzen zu können, müssen wir ihr Prinzip verstehen. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass der wahre Schatz (auch für jeden selber) sich in den so genannten Privatsphären-Einstellungen findet, nicht in den Status-Updates. Man muss besser verstehen, welche Metadaten man wann an wen sendet, um zu bewerten, welche Möglichkeiten der Kommunikation sich daraus ergeben. Bei der Kommunikation des digitalen Morgen gilt das Gleiche wie im analogen Gestern: Geglückte Kommunikation setzt voraus, dass man - trotz aller Automatisierung - stets weiß, was man sagt.

Die Digitalisierung verändert unser Leben - wie, zeigt die neue, zwölfteilige Artikelserie Digitales Morgen von Süddeutsche.de und VOCER. Diskutieren Sie auf der Google-Plus-Seite mit uns über die Thesen unserer Autoren.