Digitaler Tatendrang "Bestimmte Generationen haben sich abgewendet"

Avaaz konzentriert sich auf wenige Kampagnen und testet zunächst deren Resonanz über eine E-Mail an 10 000 Mitglieder. Nimmt das Thema Fahrt auf, beginnt ein Team von Freiwilligen mit der Aktivierung von Unterstützern, einer Medien- und Viralkampagne und gezielter Lobbyarbeit. Statt thematisch in die Breite zu gehen, sucht Avaaz also breite Unterstützung für seine Kernthemen.

Die langfristigen Ziele machen Erfolg zwar häufig schwer messbar, doch sie lassen eine gesamtgesellschaftliche Vision erkennen. Avaaz steht in der Tradition von MoveOn.org, jener linken Demokraten nahestehende Bewegung, die um die Jahrtausendwende als Pionier in Sachen Graswurzel-Aktivismus im Netz galt. Patel war einst dort selbst engagiert.

"Bestimmte Generationen haben sich von der klassischen Machtpolitik abgewendet, wissen aber, dass die wichtigen Kämpfe politisch gewonnen und verloren werden", beschreibt er die Gegenwart. Im Zweifelsfall greift seine Organisation dabei zu unorthodoxen Mitteln: Während des Aufstands in Myanmar 2007 und in Syrien vor Ausbruch des Bürgerkriegs rüstete Avaaz Aktivisten aus, damit diese die Vorgänge dokumentieren konnten. Die Einmischung in Syrien blieb nicht ohne Kritik.

Logik der Aufmerksamkeit

Eine klassische Firma könnte einen solchen Einsatz nur schwer begründen, Avaaz fungiert jedoch als gemeinnützige Organisation und finanziert sich nach eigenen Angaben vorwiegend durch Kleinstspenden, die aber zusammen eine Millionensumme ergeben. Change.org ist als Unternehmen mit gesellschaftlichem Nutzen (B-Corporation) eingetragen und deshalb nicht nur seinen Investoren, die insgesamt 42 Millionen Dollar in die Firma gesteckt haben, sondern auch den festgelegten gemeinnützigen Zielen verpflichtet.

Beiden Plattformen ist gemein, dass sie im Zeitalter der viralen Link-Verbreitung weiter wachsen, aber in den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie gefangen zu sein scheinen: Je plakativer die Botschaft und je größer die Konsensmasse, desto mehr Unterstützer finden die Forderungen. Weil das Ziel ist, Druck aufzubauen, bleibt für Nuancen und Diskurs wenig Platz.

Dabei sehen sowohl Patel, als auch Rattray in zivilgesellschaftlichen Debatten die Zukunft des Online-Aktivismus. Die Frage aber bleibt, ob Change.org und Avaaz die richtigen Orte dafür sein werden.