Digitaler Entzug:Die digitale Fastenzeit

Lesezeit: 5 min

Wie auch immer: Carr traf einen Nerv. Wie entzündet dieser Nerv bei vielen mittlerweile ist, kann man an einer merkwürdigen Koinzidenz sehen: Immer mehr Leute versuchen, ganz unabhängig voneinander, ihren Netzkonsum auf die eine oder andere Art und Weise zu reglementieren.

In England hat eine ganze Familie das Internet aus dem Haus verbannt und schaut sich beim Entzug zu. Der Neon-Redakteur Christoph Koch hat sich für sechs Wochen ausgeklinkt und über diese Erfahrung ein Buch verfasst. Der englische Soziologe Richard Sennett schickt seit einiger Zeit auf Mails nur noch eine automatisch generierte Antwort, dass es ihm einfach zu viel geworden sei mit den Mails, weshalb er nicht mehr antworte.

Ich selbst habe ein halbes Jahr digital gefastet. All diese Selbst(schutz)versuche haben nichts mit Technikfeindlichkeit zu tun, sondern gehen auf ein Unbehagen zurück, das der Spiegel in seiner aktuellen Titelgeschichte ins Positive wendet: "Über die Kunst des Müßiggangs im digitalen Zeitalter".

Die Welt wird eine Google, das Netz dringt wie Wasser in alle Lebensbereiche. Ja, es gehört für die, die drin sind, mittlerweile so selbstverständlich zum Lebenshintergrund wie die Schwerkraft oder die Luft zum Atmen. Da ist es doch mal interessant, sich für eine Weile daneben zu stellen und zu schauen, inwieweit dieser Schritt das Leben entschleunigt.

Geräte könnnen nicht isoliert betrachtet werden

Wird man dadurch wieder konzentrierter? Bekomme ich meine Vergesslichkeit in den Griff? Was passiert mit dem Zeiterleben, wenn das zwanghafte, alltagszerstückelnde Mail-Checken wegfällt?

Kurzum: Hat Carr recht mit seiner Diagnose von der neuronalen Totalzerschredderung? Vordergründig betrachtet, ja. Ich zumindest habe während meiner digitalen Fastenzeit tatsächlich wieder sehr viel mehr Bücher gelesen als in der Zeit davor. Aber das hatte vor allem damit zu tun, dass ich während des halben Jahres immer wieder ganze Monate frei genommen habe. Und dass die Kollegen mich in dieser Zeit tatsächlich in Ruhe gelassen haben, statt mich spätabends noch mit Mails einzudecken.

Die Diskussion über das Netz krankt ja oftmals daran, dass die Geräte so isoliert betrachtet werden. Klar addieren sich Mail, Skype und Facebook zu einem nervtötenden Geprassel, klar ist es aufmerksamkeitszerstäubend, alle paar Minuten ins Netz abzubiegen, so wie andere eine rauchen.

Als ich noch online war (und seit ich es wieder bin), kamen und kommen mir Arbeitstage im Nachhinein oft so vor, als hätte ich in der staubtrockenen Luft eines Kopierladens nur leere Blätter in die Luft geworfen, bleiche, zerfaserte Zeit.

Als würde da einer hinter meinem Rücken, während ich in den Bildschirm starre, mit dem Tintentod über den Tag drübergehen: Kaum vergangen, ist alles verblasst. Aber das liegt nur zum Teil am Netz. Zu großen Teilen ist es ganz normaler Arbeitnehmer-Seelenverschleiß des rundum beschleunigten 21. Jahrhunderts.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB