Digitale Zukunft: "Das Web ist tot"

Das Magazin "Wired" erklärt das Web für tot. Die digitale Welt durch einen universellen Browser zu erkunden, sei nicht mehr zeitgemäß. Die Zukunft gehöre anderen.

Lena Jakat

Das kalifornische Technologie-Magazin Wired gilt als Institution in Sachen Web-Gesellschaft und Netzkultur. Daher ist durchaus beachtenswert, wenn der Chefredakteur des Blattes, Chris Anderson, das Web für tot erklärt. So geschehen in der Titelgeschichte des Magazins: "The Web is Dead. Long Live the Internet" lautet die Schlagzeile. Damit keine Missverständnisse entstehen: Anderson beschwört hier nicht etwa den Tod des Internets insgesamt herauf, sondern lediglich den Untergang jener anarchischen, unspezifischen Digitalwelt, die wir mithilfe eines universellen Browsers erkunden.

Die Zukunft des Internets gehöre nicht diesen unregulierten Weiten, denen noch vor einem Jahrzehnt eine goldene Zukunft vorhergesagt wurde, zum Beispiel als funktionale Basis für Computerprogramme, so der Tech-Journalist. Sie läge vielmehr in den - teilweise kostenpflichtigen - Programmen, die die Infrastruktur des Internet effizient nutzten. Dazu gehören die inzwischen allgegenwärtigen Apps ebenso wie die zahllosen geschlossenen Netzwerke von Skype bis Voice-over-IP. Das Magazin stützt diese Prognose mit Zahlen: Weniger als ein Viertel des Online-Datenverkehrs entfalle noch auf das genuine Browsen im Netz, so Wired. Der Rest verteile sich auf eine Vielzahl von abgeschlossenen Systemen. Anderson nennt sie walled gardens - umzäunte Gärten.

Was hier geschehe, folge einer kapitalistischen Zwangsläufigkeit, argumentiert Anderson. "Es ist der natürliche Pfad der Industrialisierung: Erfindung, Verbreitung, Anpassung, Kontrolle", schreibt der studierte Physiker. Gewinn durch Inbesitznahme: Jetzt sei nach der Eisenbahn und dem Telefon das Web an der Reihe, "dem Profitdruck ins Auge zu sehen - und den umzäunten Gärten, die Gewinne versprechen."

Bequemlichkeit statt Anarchie

Diese Kommerzialisierung des Internets hänge auch mit der Bequemlichkeit der Konsumenten zusammen, so die Argumentation: "So sehr wir auf der intellektuellen Ebene Offenheit schätzen, bevorzugen wir schlussendlich den einfachsten Weg." Mit dem Internet sei auch die erste Generation der digital natives erwachsen geworden - und die schätze nun einmal Effizienz und Verlässlichkeit höher als Anarchie und Gemeinwohl.

Gegen das Todesurteil für das Web ist freliich nicht nur einzuwenden, dass der entsprechende Artikel zuerst auf der Web-Seite des Magazins den Untergang ebendieses Mediums vorhersagte, worauf der Blog Valleywag aufmerksam macht. Längst haben sich Tech-Journalisten zu Wort gemeldet und Anderson widersprochen. Erick Schonfeld, Autor des Portals Techcrunch, sieht das Web nicht in einer geradlinigen Abwärtsentwicklung, der Trend verlaufe vielmehr in Wellen: "Die Browser werden die Vorteile der Apps bei der Handlichkeit aufholen". Auch im mobilen Internet würden die Nutzer eines Tages der Apps überdrüssig werden und sich wieder für Browser und offene Webseiten entscheiden.

In der New York Times erinnert Nick Bilton daran, dass trotz des Siegeszugs der Apps viele Bereiche des Web - wie beispielsweise Facebook - ebenfalls drastisch wachsen. Zudem seien das Web und die darunterliegende Struktur des Internet so eng miteinander verwoben, dass die beiden Bereiche kaum sinnvoll voneinander unterschieden werden könnten.

Ob sich nun, wie in Andersons These skizziert, Apple als unantastbarer Monopolist des kommerziellen Internets behauptet und damit als Gewinner einer weiteren industriellen Revolution in die Geschichte eingeht - wir werden sehen.

© sueddeutsche.de/leja/jab
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