Süddeutsche Zeitung

Upgrade-Kultur:Alle Wege führen in den Apple Store - leider

Smartphones und Computer werden mit jeder Aktualisierung schlechter. Dann labern einen auch noch halbwüchsige Apple-Verkäufer blöd an.

Ein digitaler Wutbürgerausbruch von Peter Richter, New York

Können wir uns zum Beispiel darauf einigen, dass die aktuelle Version von iTunes die beschissenste ist, die es jemals gab?

Doch: Kraftausdrücke sind absolut angemessen. Wut ist nun einmal die Stimmung der Stunde in der westlichen Welt, in der östlichen ohnehin; dann also bitte auch in der digitalen, dort gibt es wenigstens wirklich Grund dafür. Denn iTunes war eigentlich mal ganz praktisch, um seine Musik auf dem Computer zu haben und dem iPod, später dem iPhone. Aber jetzt? Fünf von sieben Menüoptionen versuchen, uns Musik zu verkaufen, die wir schon haben; es ist ein penetranter Supermarkt, der mit uns Geld machen will, indem er so tut, als sei Besitz outdated, jedenfalls unserer. Die Firma heißt immer noch Apple Inc.

Oder ist etwa nicht bei fast jedem Update irgendwas aus "My Music" leider, leider verloren gegangen? Lästig, wenn man dann die entsprechenden CDs wieder raussuchen und reinschieben muss; aber gut, wenn man das überhaupt noch kann.

"CDs?"

Der dicke Junge mit dem blauen Verkäufer-T-Shirt blickt wie ein Kind im naturhistorischen Museum.

In dem Apple Store auf der Prince Street in Manhattan stehen, wie in allen anderen Apple Stores der Welt, heute mehr Halbwüchsige in Einheitsblau auf einem Haufen als einst bei den Pfingsttreffen der FDJ, sie sind auch noch viel pfingstlicher drauf in ihrer Heilsgewissheit: Nein, das fünf Jahre alte Macbook Pro könne leider nicht mehr repariert werden, wozu auch, gibt doch neue. Und ja, technically sei ein allerletztes Modell mit DVD/CD-Laufwerk schon noch lieferbar, aber das sei ebenfalls steinalt, von 2012, und, honestly, wer will so was heute noch?

Nummer 5 war besser

Das ist der Moment, wo wir dem dicken, blauen Millennial am liebsten mal kurz ins Gesicht wischen würden, gar nicht so aggressiv, wie das jetzt möglicherweise klingt, sondern mehr so wie auf einem iPad, den Weg in die Systemsteuerung finden und ein paar der lästigsten Funktionen ausschalten, auf die diese Verkaufsroboter programmiert sind. Es ist der Moment, wo wir "Wir" schreien möchten. Wir, im Sinne von: Menschen wie du nicht, ich aber schon und ein paar andere auch, gar nicht mal so wenige übrigens. Wir sind diejenigen, die sich auf Onlineforen über den Weg laufen, wo gelehrt wird, wie man ein iPhone wieder downgraded, weil wir mit dem neuen Betriebssystem so dermaßen unglücklich sind.

Manche von uns fanden auch, iPhone 6 muss nicht mehr sein, zu unhandlich, Nummer 5 war besser, das tut es noch. Und wir waren das, die nachdenklich gemurmelt haben, als sich Rihanna und Scarlett Johansson neulich schon wieder mit Oldschool-Handys zum Aufklappen zeigten, sogar Iggy Pop; der nennt, sagt er, seins "Rugby", weil es auch mal runterfallen kann, ohne zu Schrott zu zersplittern. (Iggy Pop, blauer Junge? Einfach googeln!) Wir stellen gar nicht mal die Frage, ob ein Apple-Designer wie Jonathan Ive wirklich zu Recht genial genannt werden kann, wenn fast jedes seiner ja doch recht teuren Produkte noch eine knatterhässliche Plastehülle aus dem Ramschladen braucht, um wirklich benutzbar zu sein.

Wir finden die Sachen, wenn sie nackt sind, schon auch ziemlich toll. Wir sind keineswegs Technikfeinde, jedenfalls nicht alle, aber deshalb fällt es auch so auf, wenn vorher was besser war; wir haben einfach bestimmte Ansprüche, und die werden erfüllt oder eben nicht, denn wir brauchen das Zeug nicht zum Spielen, wir haben Arbeit. Wir sind fröhliche Spätanwender, wir lassen den neuen Scheiß erst mal bei euch Kids ausreifen, die nachts vorm Apple Store kampieren, um als Erste dran zu sein; und wenn wir ehrlich sind, halten wir euch deswegen für Digitalplebs und uns für was Besseres.

Nicht beleidigt sein bitte deswegen. Euch gehört immerhin die Zukunft, ganz sicher, versprochen. Uns gehören dafür halt immer noch ziemlich viele CDs und DVDs.

Kann schon sein, dass wir da wie Dinosaurier sind und uns an altmodischen Vorstellungen festkrallen: Privatsphäre, Freiheit, solche crazy Sachen. (Bitte auch das zur Not einfach mal googeln.) Aber was sollen Saurier bis zum Aussterben denn machen? Weiter ihren Saurierkram natürlich.

Manchmal haben wir sogar noch LPs. Oder wieder. Schon damit ihr euch mit kopfschüttelnden Zeitschriftenartikeln über diesen schlimmen Anachronismus ("Vinyl-Biedermeier") immer wieder mal ein warmes Mittagessen zusammenschreiben könnt. Denn euch gehört, wir können es gar nicht oft genug bestätigen, die Zukunft. Aber wir sind im Moment nun einmal diejenigen, die das nötige Geld haben, ein Macbook Pro von 2012 ohne Retina-Display, aber dafür mit CD-Laufwerk am Markt zu halten, indem wir es einfach wie verrückt kaufen.

"Das alte Ding haben wir hier nicht", spricht der Blaue. Dann watschelt er mit nach außen gedrehten Füßen auf einen Touristen zu, dem er die Reparatur eines iPhones ausredet und ein neues verkauft. Soweit der Apple Store in Manhattan. Damit zum Mac Support Store in Brooklyn.

"Hello, ich funktioniere noch"

Oder auch: von der Matrix in den Untergrund. Hier sinkt man ins Sofa und kann ausruhen vom Aufregen. Hier sagt einem Jeff Graber, Mitte vierzig, mit therapeutenhafter Stimme, dass selbstverständlich auch Macs repariert werden können, die noch älter sind als vier oder fünf Jahre. Und auf Vordermann gebracht, und aufgemöbelt und mit neuer Software vollgepackt. Im Eingang leuchtet noch der Macintosh Classic, mit dem er 1988 angefangen hat. Auf dem Bildschirm steht: "Hello, ich funktioniere noch." Man könnte auch sagen, ein Mac zeigt Apple hier den Finger.

Vor vier Jahren hat Graber das Gleiche getan und den Lizenzvertrag, genervt von Apples Gegängel, einfach nicht mehr verlängert. Trotzdem handelt und reparieren er und seine Frau in ihrem Laden weiter: Macbooks, iPhones, iPads, iWasauchimmer. Wie nennt man so was, Hassliebe? "Inzwischen eher Hass", sagt Graber. Dieses ständige Pushing und Nudging, dieses Geschiebe, Geschubse und Gedrängel der Kunden in immer neue Updates und neue Geräte, auf denen dann, natürlich, die alte Software nicht mehr läuft, also auch in den Kauf neuer Software.

Auch die immer kürzeren Verschleißintervalle. Die früher austauschbaren, heute bombenfest angeleimten Batterien. Er nennt es seine Alle-Wege-führen-in-den-Apple-Store-Theorie. Dass die dort angehalten werden, schon vier Jahre alte Laptops für unreparierbar zu erklären, weil es die Ersatzteile nicht mehr gebe, das höre er jetzt seit zwei, drei Jahren. Er sagt, dass es natürlich eine dreiste Lüge sei. "Aber gut für uns. Wir werden sie reparieren."

Das ist ja nicht zuletzt auch eine Frage der Ökologie, denn: alle drei Jahre ein neuer Laptop, jedes Jahr ein neues iPhone, das ist einfach ein solcher Wahnsinn, dass man den besinnungslos daherlabernden Marketingreplikanten aus den Apple Stores gelegentlich wünscht, sie müssten selber mal für eine Woche in den kaputtesten Gegenden Afrikas nach den Rohstoffen buddeln. Aber wir wissen natürlich: Die tun da auch nur das, wofür sie schlecht genug bezahlt werden. Wir wollen nur nicht mehr mitmachen, aber trotzdem Beschwerdebriefe wie diesen hier am liebsten nirgendwo anders hineinhämmern als in die angenehm leichtgängige Tastatur unsers gewohnten Macbook Pro, dessen hohe Metallkante uns währenddessen leicht und wohlig in die Handgelenke schneidet.

Nennt uns digitales Wutbürgertum, Upgrade-Hasser, Datenbesitzstandswahrer und daher natürlich auch stolze "Fuck you!"-Sager zu dieser sogenannten iCloud mit ihrer zuhälterhaften Aufdringlichkeit. Wir treffen uns in Läden wie dem Mac Support Store von Brooklyn. Denn solche wie uns, sagt Jeff Graber, hat er häufig vor dem Tresen. Mit der Hardware kann er uns helfen. Mit dem Alternativlosigkeitsterror bei der Software ist das schwieriger. Aber wäre das nicht herrlich, wenn mal eine Sache, mit der man sehr gut zurechtkam, einfach so bleiben dürfte, wie sie ist, statt unbedingt regelmäßig umgeordnet, mit neuen, nicht benötigten Funktionen ausgestattet, von alten, dringend benötigten bereinigt und häufig dadurch eben ganz einfach beschissener gemacht zu werden?

Aber vor hundert Jahren haben wir uns schon über das Gleiche aufgeregt, nur im Analogen. Über Wegwerftand, Verfirlefanzung, modischen Trash. Manche - viel zu viele - haben trübsinnige, kulturpessimistische Weinerlichkeiten oder sogar völkische Ressentiments daraus entwickelt. Andere haben aber einfach die Ärmel aufgekrempelt und, in Deutschland etwa, Dinge wie den Werkbund oder das Bauhaus oder die sogenannte Wertarbeit begründet.

Ginge so etwas nicht bitte auch heute noch mal und zwar in digital?

Nur so eine Frage - man könnte auch sagen: Bitte - an diejenigen da draußen, die so was können. Programmieren und so. Denn wir tun es nicht. Deswegen waren wir ja die ganze Zeit bei Apple. Weil das Versprechen war, es nicht können zu müssen. Sich um anderes kümmern zu dürfen. Wir mögen nicht die Zukunft sein, aber wir sind nun mal die Gegenwart. Es wäre ein Geschäft mit uns zu machen, und Apple upgradet sich da sozusagen gerade selbst hinaus.

Also?

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Quelle:
SZ vom 19.03.2016/mri
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