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Digitale Privatsphäre:Datensammelwut gefährdet die Demokratie

Netzausbau - Internet

Jeden Tag werden viele Terabytes von Daten über Milliarden Menschen verarbeitet und gespeichert.

(Foto: Daniel Reinhardt/picture alliance / dpa)

Täglich werden über jeden von uns Megabytes an Daten gespeichert. Internetgiganten wie Google und Facebook könnten dadurch ein totalitäres Netzwerk schaffen.

Gastbeitrag von Dirk Helbing

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat sich für den Missbrauch der Daten von 50 Millionen Nutzern entschuldigt. Das war mehr als angemessen, doch es sollte nicht über ein viel schwerwiegenderes Problem mit seinem und anderen Unternehmen hinwegtäuschen: Die alltägliche Datensammelwut von Digitalkonzernen und vom Staat ist eine Gefahr für die Demokratie geworden. Internetgiganten wie Google und Facebook könnten ein totalitäres Netzwerk schaffen, wie es sich George Orwell und Aldous Huxley nicht besser hätten ausmalen können.

George Orwells dystopischer Roman "1984", 1948 verfasst und kürzlich wieder in den Bestsellerlisten, war als Warnung gedacht. Doch anscheinend wurde er als Gebrauchsanleitung benutzt: Google weiß, was wir denken, Amazons Kindle Reader, was wir lesen; Youtube und die Spielkonsole wissen, was wir sehen; Siri und Alexa lauschen unseren Gesprächen; Apple und IBM vermessen unsere Gesundheit; der Roboterstaubsauger meldet die Maße unserer Wohnung; der Smart-TV beobachtet uns beim Fernsehen; Suchmaschinen, Apps, Cookies und Browsererweiterungen werten unsere Internetaktivitäten aus. Und unser Auto ist ein Datenkrake.

Über der Autor

Dirk Helbing, 53, ist Mitglied des Schweizer Komitees zur Zukunft der Datensicherheit und unterrichtet Informationstechnologie an der ETH Zürich.

Facebook lenkt unsere Aufmerksamkeit, beeinflusst unsere Gefühle, Entscheidungen und Verhalten. Crystal Knows legt uns auf die Psycho-Couch und verrät jedem unser Persönlichkeitsprofil. Acxiom verkauft Informationen zu Zuckerkranken für ein paar Cent, und Axon Global Cyber - Lieblingspartner von Homeland Security - liest auf 64 000 Social-Media-Plattformen mit. Whatsapp und Twitter sind nur zwei davon. Und Facebook speichert, welche Pornos einer sieht. Das alles ist schon Realität. Im Überwachungskapitalismus werden wir selber zum Produkt.

Unsere Geheimdienste haben nun tausendfach so viele Informationen, wie totalitäre Staaten sie früher brauchten. Jeden Tag werden viele Terabytes von Daten über Milliarden Menschen verarbeitet, über jeden von uns Megabytes gespeichert. Die Daten werden in lernfähige Algorithmen gespeist, die ein digitales Double von uns erzeugen, das sich ähnlich verhält wie wir. Damit kann man testen, welche Informationen uns zum Kauf bestimmter Produkte verleiten, zum Download eines Computervirus, oder zum Hass auf Flüchtlinge oder andere Religionen.

Die "Matrix" ist fast Realität, zwischen uns und der Wirklichkeit liegen nun die Filterblasen

Social Bots kennen uns besser als unsere Eltern und Freunde. Algorithmen sorgen für Zensur und Propaganda. Telefonate können sofort in Text übertragen und ausgewertet werden. Mit einem Stimmprofil kann die NSA ermitteln, wo jemand ist, mit wem er sich unterhält und was er sagt. Videos können in Echtzeit manipuliert werden. Das Gesagte lässt sich genauso ändern wie die Mimik, und alles sieht ganz real aus. Mit einigen Fotos ist es sogar möglich, ungefragt einen Fake-Porno von jemandem zu produzieren - dank Gesichtserkennungssoftware. So sind wir in einer Welt alternativer Fakten gelandet, gewissermaßen einer Fake-Welt. Die Kino-Trilogie "Matrix" ist nahezu Realität geworden.

Zwischen der Wirklichkeit und uns wurde eine Projektionsfläche eingezogen, die man oft als Filterblase bezeichnet: eine personalisierte Informationswelt, die Menschen steuerbar und programmierbar macht - jedenfalls zum Teil. Überlädt man uns mit Informationen, ist das knappste Gut nicht mehr das Geld, sondern unsere Aufmerksamkeit. Wer es schafft, unser Interesse kurz zu erhaschen, der kann quasi unser Denken hacken. In seinem TED-Talk erklärt Tristan Harris, wie Google & Co. tagtäglich das Denken von Milliarden Menschen kontrollieren. Doch die Methoden der Verhaltens- und Gesellschaftssteuerung wurden auch bei der Politik beliebt und selbst zur Wahlbeeinflussung genutzt.

Unsere Freiheiten, Menschenrechte und Mitwirkungsmöglichkeiten schwinden

Die Vorratsdatenspeicherung wurde zwar vom Bundesverfassungsgericht kassiert, doch letztendlich wieder beschlossen. Dann kamen Bundestrojaner und Gesichtserkennung. Inzwischen durchforstet das BKA die Nachrichten zahlreicher Bürgerinnen und Bürger. Liberale Medien sprechen von einer "digitalen Inquisition". Langsam aber sicher schwinden unsere Freiheiten, Menschenrechte und Mitwirkungsmöglichkeiten.

Terrorismus, Klimakatastrophen und Cyberkriminalität machen viele gefügig. Werden selbstbestimmte Bürger bald wieder zu Untertanen? Mit der Einführung des Citizen Scores wäre es so weit. In China bekommt Punktabzug, wer kritische Nachrichten liest, die "falschen" Freunde hat oder die Oma nicht regelmäßig besucht. Der Punktestand bestimmt dabei Jobchancen, Kreditkonditionen und Reisemöglichkeiten. Der britische Geheimdienst geht mit "Karma-Police" sogar noch weiter - das Überwachungsprogramm fungiert quasi als digitales Jüngstes Gericht.

Werden also superintelligente Systeme bald gottgleich sein und vorgeben, was zu tun und zu lassen ist? Wo bleibt da die Menschenwürde - das wichtigste Gut der Demokratie? Es ist höchste Zeit für digitale Emanzipation, informationelle Selbstbestimmung und digitale Aufklärung. Die transhumanistische Ideologie, die Menschen zunehmend zu Robotern machen möchte, ist ein Irrweg. Anlasslose Massenüberwachung und Geheimgesetze müssen korrigiert werden. Nur, was kann man tun?

Erst einmal: Niemand ist machtlos. Man kann sich bei Digitalcourage informieren, das Digital-Manifest lesen. Man kann die Republica-Konferenz oder den Chaos Computer Club besuchen, Verschlüsselungsprogramme benutzen, öffentlich Druck gegen den schleichenden technologischen Totalitarismus aufbauen. Jeder Einzelne kann seine Rechte einfordern, ein digitales Upgrade der Demokratie und ein demokratisches Update der Digitalisierung, eine transparente und partizipative Gesellschaft. Die PEP Foundation, zum Beispiel, arbeitet an Pretty Easy Privacy für sicherere Kommunikation. Solche Initiativen kann man auch finanziell unterstützen. Zusätzlich brauchen wir neue Hardware: Computerchips ohne Hintertüren, denn wegen der Sicherheitslücken konnte man alles mitlesen, was in den letzten Jahren geschrieben wurde.

Deshalb muss jetzt die Basis einer digitalen Vertrauensgesellschaft gelegt werden. Das setzt einen einfachen Zugang zu allen Daten, Metadaten und erzeugten Profilen über uns voraus sowie eine technische Umsetzung der informationellen Selbstbestimmung. Noch entwickelt sich die Demokratie marktkonform und die Wirtschaft technologiegetrieben. Stattdessen sollte die Wirtschaft so gestaltet werden, dass sie allen Menschen dient, und Technologie sollte das Mittel sein, dies zu erreichen. Eine bessere Zukunft ist denkbar. Doch sie muss eingefordert werden. Damit kann jeder sofort beginnen.

© SZ vom 23.03.2018
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