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Digitale Kindheit anno dazumal:Mit diesen Geräten trieben Kinder ihre Eltern in den Wahnsinn

"Geht endlich an die frische Luft": Was sie früher selbst zu hören bekamen, predigen Eltern heute. Wie der digitale Generationenkonflikt einmal aussah.

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Traditionsmarke Telefunken kehrt als Startup zurück

Quelle: dpa

Du bekommst viereckige Augen, wenn du so viel fernsiehst! Computerspiele sind Zeitverschwendung! Die dauernde Musik aus dem Kopfhörer macht dich schwerhörig! Dass Eltern angesichts des Medienkonsums ihrer Kinder nervös werden, ist nicht neu. Was wir früher selbst zu hören bekommen haben, predigen wir heute unseren Kindern. Sorge um deren Wohlergehen mischt sich mit der Angst vor Kontrollverlust. Denn plötzlich beherrschen die Jüngeren lauter Dinge, die ihnen die Älteren gar nicht beigebracht haben.

Vielleicht entschärft es den digitalen Generationenkonflikt, wenn wir uns daran erinnern, mit welchen Gadgets Kinder ihre Eltern früher in den Wahnsinn trieben. Und was aus Geräten und Usern geworden ist.

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Tamagotchi

VERKAUFSRENNER TAMAGOTCHI-EI

Quelle: DPA

Es haarte nicht, es stank nicht, es bellte nicht und es passte in die Hosentasche. Auf den ersten Blick war das Tamagotchi das perfekte Haustier. Ende der 90er Jahre brachte der japanische Hersteller Bandai die bunten Plastikeier auf den Markt. Entfernte man den Isolierstreifen über der Batterie, erwachte das Tamagotchi zum Leben, genau genommen ein grob gepixeltes Etwas, das ein frisch geschlüpftes Küken darstellen sollte. Das virtuelle Haustier piepste, wenn es Hunger hatte, und brauchte Spritzen, wenn es krank wurde. Je nach Fürsorge entwickelte es sich zu einem fröhlichen Vögelchen oder zu einem unerzogenen Vieh mit Durchfall. Missachtung führte zum Exitus - das Tamagotchi ließ sich zwar mit Hilfe der Reset-Taste wiederbeleben, trotzdem spielten sich in deutschen Klassenzimmern Dramen ab, wenn der Lehrer die lebensnotwendige Tamagotchi-Fütterung untersagte.

Was sagten die Eltern? "Oh - hätte ich es füttern sollen, während du in der Schule warst?"

Was wurde daraus? Nach ein paar Monaten war der Hype vorbei. 2004 gab es zwar einen Comeback-Versuch, die neuen Tamagotchis konnten sogar via Infrarotschnittstelle eine Familie gründen, aber dennoch nicht an den Erfolg des Ur-Vogels anknüpfen.

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Furby

Spielzeug Furby von US-Geheimdienst verbannt

Quelle: picture-alliance / dpa

Noch ein virtuelles Haustier - diesmal sogar zum Streicheln. 1998 schickte Spielwarenhersteller Hasbro die Furbys in den harten Kampf um die Gunst der Kinder. Optisch waren sie irgendwo zwischen Maus, Eule und Katze angesiedelt, dank diverser Sensoren reagierten sie auf Berührungen und Geräusche, wackelten mit ihren beeindruckenden Ohren und klimperten klackernd mit den Plastikwimpern. Doch das Beste - oder Schlimmste je nach Perspektive - war Furbys quäkend-piepsige Stimme. Das Plüsch-Dings lernte nämlich sprechen, wenn man sich ausdauernd mit ihm unterhielt. Nach und nach gab ein Sprachchip immer mehr Wörter frei, zunächst in der Kunstsprache "furbisch", später dann mehr oder weniger verständlich in der jeweiligen Landessprache. Mit Artgenossen kommunizierten die Furbys via Infrarotschnittstelle. Das Ergebnis waren entweder wilde Tanzpartys oder ein ordentlicher Schnupfen - denn ein vernachlässigter Furby fing an zu niesen und steckte alle seine Freunde an.

Was sagten die Eltern? "Willst du Furby wirklich schon wieder in dein Zimmer mitnehmen? Wir haben uns gerade so gut unterhalten."

Was wurde daraus? Furby lebt immer noch, hat mittlerweile leuchtende Display-Augen und natürlich auch eine eigene App, mit der er virtuell gebadet und auf die Toilette geschickt wird. Eines aber fehlt nach wie vor: der Knopf zum Abschalten.

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Gameboy

Von Amiga bis Zip-Drive: Technik-Klassiker der 80er und 90er

Quelle: dpa-tmn

Die Konkurrenz war handlicher und bunter - aber im Gameboy hielten die Batterien am längsten durch. Eigentlich war die graue Videospielkonsole mit dem grünlich schimmernden Mini-Bildschirm technisch schon veraltet, als sie 1989 vorgestellt wurde. Trotzdem war sie eine Revolution: Endlich konnte man überall spielen, im Bus, im Freibad, auf Klassenfahrt und mit Linkkabel auch gegeneinander. Die Spiele steckten in flachen Wechselmodulen, mehrere hundert Titel erschienen im Laufe der Jahre. Unvergessene Klassiker: Das Klötzchenspiel Tetris oder der schnauzbärtige Super Mario.

Was sagten die Eltern? "Du gehst jetzt ins Bett und der Gameboy bleibt hier." (Was sie nicht sagten: "So, und jetzt nehme ich mir das Ding. Und diesmal schaffe ich das Level.")

Was wurde daraus? Der Gameboy spielt in der "Ach, weißt Du noch"-Liga ganz oben mit, der 30. Geburtstag wurde 2019 voller Nostalgie begangen, und in DJ-Kreisen erlebt er eine zweite Karriere als unverwüstliche Musik-Maschine.

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Amiga

Von Amiga bis Zip-Drive: Technik-Klassiker der 80er und 90er

Quelle: dpa-tmn

Mitte der 1980er zog die Freundin ins Kinderzimmer ein: Commodore gab seinen neuen Heimcomputern den vielversprechenden Namen "Amiga". Kostete das erste Modell "Amiga 1000" noch stolze 3000 D-Mark, gab es den "Amiga 500" zwei Jahre später schon für weniger als die Hälfte. Die pultförmige Tastatur konnte man an den Fernseher oder an einen Monitor anschließen, unverzichtbares Zubehör war ein Joystick. Denn der Amiga war dank leistungsfähiger Grafik vor allem Spielmaschine. Die Disketten wurden wild kopiert und getauscht, beliebte Titel hießen "Defender of the Crown" oder "Monkey Island". Und für die Eltern legte man ganz oben auf den Diskettenstapel ein Lernprogramm.

Was sagten die Eltern? "Du nimmst den Computer doch vor allem für die Hausaufgaben, oder?"

Was wurde daraus? An den Erfolg des Amiga 500 konnte Commodore nicht mehr anknüpfen, der PC lief den Amigas den Rang ab. 1994 ging die Firma pleite.

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Musikkassette

Musikkassetten

Quelle: dpa

Was für ein treuer Begleiter durch die Kinder- und Jugendjahre. Erst die gekauften Kassetten mit "Pumuckl"- und "Benjamin Blümchen"-Geschichten, dann die "TKKG"- und "Drei Fragezeichen"-Hörspiele. Und schließlich das Mixtape, die mit viel Geduld und Herzblut aus Radio- und Plattenmitschnitten zusammengestellte Mutter aller Playlists. 1963 kamen die ersten Musikkassetten - zusammen mit dem Kassettenrekorder - in die Läden und macht Musikmitschnitte für jedermann bezahlbar. Statt auf tellergroßen Spulen für sündteure Tonbandgeräte steckte das Magnetband jetzt in einem handlichen Plastikgehäuse. Bandsalat wickelte man mit dem Bleistift wieder auf und Musik zog - unüberhörbar für die Eltern - endgültig ins Kinderzimmer ein.

Was sagten die Eltern? (nach fünf Stunden "Benjamin Blümchen" auf der Fahrt in den Italienurlaub): "Nein, nicht noch eine Kassette. Jetzt singen wir mal was!"

Was wurde daraus? Der Untergang begann mit der CD, die einfach deutlich besser klang, das MP3-Format machte die Kassette schließlich komplett überflüssig: Ihr Marktanteil unter den Tonträgern sank auf unter ein Prozent. Aber die echten Fans hören ihre alten "Drei Fragezeichen"-Kassetten immer noch gern zum Einschlafen. Und das Mixtape aus dem legendären Sommer der ersten großen Liebe kann man sogar digitalisieren - wenn das Band hält.

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Walkman

Ausgereift oder museumsreif? - Was alte Technik noch kann

Quelle: dpa-tmn

Zuhause hören war gestern: Mit dem Walkman durfte die Musik endlich mit. Die mobilen Abspielgeräte setzten konsequent fort, was mit der Musikkassette begonnen hatte: Musik war so transportabel wie nie zuvor. 1979 brachte Sony den ersten Walkman auf den Markt. Der japanische Hersteller blieb lange das Maß aller Dinge. Wer etwas auf sich und seinen Musikgeschmack hielt, der wollte kein billiges Plastikgerät, sondern sparte auf das Modell mit Metallgehäuse und Doppel-D-Schriftzug.

Die Begleiterscheinungen des Walkman-Siegeszugs klingen vertraut: Ohrenärzte warnten vor Hörschäden, Kulturpessimisten sahen ein Volk von Autisten heranwachsen. Den Nutzern öffentlicher Verkehrsmittel bescherte der Walkman legendäre Gebrauchslyrik: Die Münchner Verkehrsbetriebe reimten "Aus dem Walkman tönt es grell, den Nachbarn juckt's im Trommelfell". Und in Köln hieß es "Walkman leise, gute Reise".

Was sagten die Eltern? Kein Ahnung - mit den Stöpseln im Ohr konnte man sie ja nicht hören.

Was wurde daraus? 2010 stellte Sony die Produktion ein. Der iPod war des Walkmans Tod. Aber dennoch wurde 2019 voll Nostalgie 40 Jahre Walkman gefeiert.

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Videospiel

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Quelle: SZ

Ein schwarzer Bildschirm, ein paar Punkte, zwei Striche, zwei Zahlen für den Spielstand: "Pong" wirkt heute wie kultiger Minimalismus, war Anfang der 70er aber einfach Stand der Technik. Die Spieler bewegten die beiden Balken am Bildrand nach oben und unten, um den Pixelball zu treffen und auf die andere Seite zu befördern, eine Art digitales Tennis. "Avoid missing ball for high score" stand als knappe Bedienungsanleitung auf den "Pong"-Automaten, die am Bahnhof oder in der Tanzschule das Taschengeld fraßen. In Form von Konsolen für den Fernseher zogen die Videospiele dann auch ins Wohnzimmer ein. Wer eins hatte, war der King unter den Kindern in der Nachbarschaft.

Der ARD waren die Videospiele sogar eine eigene Show wert: Ein junger Thomas Gottschalk moderierte ab 1977 zunächst im SWF, dann im Ersten die Sendung "Telespiele". Kandidaten im Studio und am Telefon spielten mit ihrer Stimme das Video-Tennis, schrien, kreischten, raunzten und brummten, um den Pixelstreifen auf die richtige Höhe zu bringen - auch damals war Fernsehen nicht immer Hochkultur.

Was sagten die Eltern? "Ihr Stubenhocker - geht endlich an die frische Luft."

Was wurde daraus? "Pong" schaffte immerhin den Sprung in die Dauerausstellung des Museum of Modern Art in New York.

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Pac-Man

MoMA Museum of Modern Art New York Videospiele Kunst

Quelle: Screenshot

Rauf, runter, rechts, links - und dabei immer fressen, fressen, fressen: Bei Pac-Man gab es nicht viel zu überlegen. Einfach hinsetzen und spielen. Immer wieder und immer wieder. 1980 wurde das Spiel in Japan veröffentlicht, zunächst als "Puck Man", angelehnt an die kreisrunde Form der Spielfigur, die sich durch ein Labyrinth fressen und dabei vier Geistern aus dem Weg gehen muss. Für den US-Markt wurde aus dem "Puck Man" der "Pac-Man": Die Anbieter trieb die Sorge um, Teenager könnten der Versuchung erliegen, das P im ursprünglichen Namen durch ein F zu ersetzen. Das Kultspiel startete als Videospielautomat in Spielhallen, schaffte aber auch mühelos den Sprung auf andere technische Plattformen - und als Brettspiel sogar hinaus in die Analog-Welt.

Was sagten die Eltern? "Wenigstens ist es kein Ballerspiel."

Was wurde daraus? Mit 35 Jahren wurde Pac-Man schließlich sogar zum Kinohelden: In der Science-Fiction-Komödie "Pixels" macht er als Abgesandter außerirdischer Mächte die Erde unsicher. In einer Gastrolle: Pac-Man-Erfinder Toru Iwatani.

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Snake

Nokia Handy Spiel Snake

Quelle: Arvid Rudling / CC-by-2.0

Als das Handy spielen lernte: "Snake" war Ende der 90er Jahre auf vielen Nokia-Handys vorinstalliert. Man steuerte mit den vier Zahlentasten 2, 4, 6 und 8 eine Schlange auf Futtersuche über das Spielfeld. Je länger sie unterwegs war, umso mehr Punkte sammelte sie, legte dabei aber Pixel für Pixel an Körpergröße zu - bis sie sich schließlich selbst im Weg stand. "Snake" machte süchtig - ein Spielchen zwischendurch ging immer, schließlich hatte gerade das "Ich habe jetzt mein Telefon immer dabei"-Zeitalter begonnen.

Was sagten die Eltern? "Gib das Handy her, das gehört meiner Firma. Woher weißt du überhaupt die PIN? Ach so, die klebt ja hinten drauf."

Was wurde daraus? Tja, einst Trendsetter, jetzt nur noch eine Schlange unter vielen.

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Schnur-Telefon

Projekt Conserve the Sound

Quelle: dpa

Meist stand es im Flur. Oder im Wohnzimmer auf einem kleinen Beistelltisch. Und jeder konnte mithören. Also versuchte man, das Telefon ins eigene Zimmer zu entführen, um in Ruhe mit der Freundin zu quatschen. Das blieb natürlich nicht unbemerkt, die fünf Meter Kabel quer durch die Wohnung waren ja nicht zu übersehen. Und dann der Acht-Minuten-Takt, Anfang der 1980er Jahre eingeführt. Kostete vorher jedes Ortsgespräch 23 Pfennig, egal wie lange es dauerte, wurde jetzt alle acht Minuten neu abgerechnet. Freundliche Eltern stellten nur eine Sanduhr mit der Aufschrift "Fasse dich kurz" auf. Andere kontrollierten den Telefongebrauch mit einem Einheitenzähler. Oder blockierten die Wählscheibe gleich mit einem Schloss.

Was sagten die Eltern? "Warum musst du denn schon wieder telefonieren? Ihr habt Euch doch gerade erst in der Schule gesehen."

Was wurde daraus? Die ersten schnurlosen Telefone kamen Ende der 1980er auf den Markt - was für eine Befreiung. Für die alten Wählscheibentelefone in den unverwechselbaren Farben ockergelb, hellrotorange, farngrün oder kieselgrau gibt es immer noch einen Liebhabermarkt. Die meisten modernen Router verstehen allerdings das alte Impulswählverfahren nicht mehr. Zum Telefonieren muss ein Konverter zwischengeschaltet werden.

© SZ.de/dd/mri

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