bedeckt München
vgwortpixel

Digitale Filmrestauration:Geduldsspiele am Monitor

Restaurierte Version der Unendlichen Geschichte

So scharf und brillant war die Schildkröte Morla aus der "Unendlichen Geschichte" lange nicht mehr zu sehen - die Restaurierung macht's möglich.

(Foto: Constantin Film)

Bildwackler, verwaschene Farben und andere Katastrophen: Wenn alte Filme heute restauriert werden, reicht es nicht, sie bloß digital abzulichten. Wie das Beispiel der "Unendlichen Geschichte" zeigt, braucht es dazu Wissen, Können - und viel Liebe.

Es ist eine beeindruckende Szenerie: Im Hintergrund ragen hohe Berge in die Luft, vorne fällt ein Hang steil ab, und auf dem schmalen Pfad in der Mitte ist aus der Ferne ein Pferd mit Reiter zu sehen. Doch es geschieht etwas Seltsames mit ihm: Manchmal, so scheint es, fehlen dem Tier Glieder oder der Kopf, Sekundenbruchteile später ist alles wieder normal. Das hätten die Käufer der DVD und der Blu-ray-Disc von Bernd Eichingers "Unendlicher Geschichte" gesehen, wären bei der digitalen Restaurierung einfach die üblichen automatischen Filter drübergelaufen. Das irritierende Flackern, das im Original in den Wolken am Horizont zu sehen ist, hätte man damit zwar beseitigt, aber eben auch Teile des Pferdes.

Doch bei der Münchner Niederlassung von Cinepostproduction wird man schwerlich jemand finden, für den die "Unendliche Geschichte" Business as usual wäre. Manche, wie der heutige Leiter der Tonpostproduktion, Manni Gläser, waren sogar schon damals dabei, 1982, als der Fantasyfilm nach dem Roman von Michael Ende gedreht wurde. Das war natürlich noch auf 35-Millimeter-Film. Nun hat ihn Cinepostproduction für eine DVD-/Blu-ray-Ausgabe aufwendig digital restauriert.

"Jede gute Restaurierung", sagt Projektbetreuerin Zuzana Zabkova, "beginnt mit einem guten Scan." Doch einfach die Filmrollen aus der Blechdose zu holen und sie durch einen automatischen Scanner zu jagen, das geht aus vielerlei Gründen nicht. Zunächst einmal muss der Film so gut es geht von Verunreinigungen wie Staub und Flecken gereinigt werden. Das geschieht mit Alkohol in speziellen Waschmaschinen oder trocken mit Kleberollen, an denen der Staub haften bleibt. Erst danach kann der Film in die Scanner eingespannt werden.

Auch Kopien der Positive werden gescannt

Dabei wird dann jedes der 24 Einzelbilder, die zusammen eine Sekunde Film ergeben, von einer digitalen Spezialkamera einzeln abfotografiert. Der Film muss dabei möglichst plan aufliegen, damit es nicht zu Unschärfen kommt. Doch die alten Filme haben viele Klebestellen, an denen das Material dicker ist, man muss daher beim Scannen genau aufpassen, dass der Film nicht irgendwo hängen bleibt. Aufgenommen wird gerade bei Restaurierungen mehr als das eigentliche Bild: Dieser sogenannte Overscan lässt sich dafür nutzen, anhand der Perforierungslöcher des Films den Bildstand zu korrigieren. Stimmt er nicht, wackelt das Bild leicht hin und her, was man besonders dann sieht, wenn Schriften im Bild sind.

Bei der "Unendlichen Geschichte" wurden jedoch nicht bloß die Original-Negative verwendet, sondern auch Positiv-Kopien. Denn in der erhaltenen Fassung fehlten bei jeder Szene ein paar Bilder - sie waren damals für die internationale Fassung herausgeschnitten worden, damit der Film auf 90 Minuten kam, die Originalfassung dauert 97. Doch jede Kopie unterscheidet sich vom Original. "Bei jedem Kopiervorgang gehen zehn bis 15 Prozent an Schärfe verloren", sagt Zabkova.

Auch die Farbgebung kann variieren, weshalb die eingefügten Bilder angepasst werden müssen. Während man früher die Lichtquellen beim Kopieren genau regeln musste, geschieht die Farbkorrektur heute digital - erfordert aber genauso viel Erfahrung, sagt die Coloristin Meike Weimann: "Man lernt erst nach zwei Jahren richtig, Farben zu sehen."

Nichts hinzuzumogeln ist die oberste Prämisse

Wer wie Weimann ein bekennender Kinofreak ist, tut sich leichter, denn der Arbeitsplatz ist ein Kino. Damit sie beurteilen kann, wie sich ihre Änderungen auswirken, ist ihr großes Schaltpult in einem kleinen Kinosaal untergebracht. Da das Ergebnis durch die Digitaltechnik sofort zur Verfügung steht, ist heute meistens jemand vom Filmteam dabei, um die Farbgebung abzustimmen. Zuvor erledigen die Coloristen aber schon Routine-Jobs und korrigieren grob die schlimmsten Schnitzer.

Ähnliches gilt für die Tonbearbeitung. Hier bietet die Digitaltechnik den Vorteil, dass viele Schritte wieder rückgängig gemacht werden können. Das ist deshalb wichtig, weil die Tonspuren heutiger Blockbuster aus 500 Einzelspuren und mehr zusammengemischt werden. Selbst ein simples Geräusch kann aus Dutzenden einzelner Spuren bestehen. Für die Restaurierung gilt aber die oberste Prämisse "nichts hinzuzumogeln", sagt Cheftonmeister Michael Kranz.

Natürlich könne man heute viel machen, "aber das wäre dann ein anderer Film". Für die "Unendliche Geschichte" beschränkte man sich deshalb darauf, zum Beispiel den in den Höhen stark abfallenden Frequenzgang der Tonspur auf die heutige Norm zu bringen. Dabei ist ein feines Ohr vonnöten, auch wenn die digitalen Hilfsmittel, etwa Denoiser gegen Bandrauschen, "immer besser" würden.

Charme der alten Technik erhalten

Diese Herangehensweise prägte das gesamte Projekt, das man bei Cinepostproduction auch ein Stück weit als Leistungsschau sieht. Auch wenn man heute mit digitaler Technik ganz andere Effekte produzieren kann: "Wir haben ganz schön gestaunt, was 1982 schon möglich war", sagt Sebastian Gassner, Leiter der Münchner Cinepostproduction-Niederlassung, "da war vieles totale Handarbeit". Gassner und sein Team wollten aber genau diesen Charme der alten Technik erhalten, für die viele Bauten und Puppen nötig waren.

Auch bei der Auffrischung von Farbe und Schärfe ging es mehr darum, wie ein Restaurator an einem alten Gemälde zu arbeiten als das maximal Mögliche aus der Digitaltechnik herauszuholen. "Zu clean", sagt Gassner, "wollten wir den Film nicht haben." Der Aufwand war dennoch enorm, mussten doch für manche der Probleme - etwa das mit dem Reiter - erst Verfahren entwickelt und dann automatisiert werden. Und manchmal half einfach nur echte Handarbeit. Also: Einzelbild für Einzelbild durchklicken und einen Bereich bearbeiten. Bei etwa 1200 Einstellungen lässt sich nur erahnen, wie viel Geduld dafür nötig war - zumal da für das gesamte Projekt nur drei Monate Zeit waren.

Das Ergebnis ist von 6. Dezember an auf einer DVD zu sehen, die im Rahmen einer Edition zum Gedenken an Bernd Eichinger veröffentlicht wird. Und 2013 soll dann eine Blu-ray-Disc der "Unendlichen Geschichte" erscheinen.

© SZ vom 03.12.2012/pauk
Zur SZ-Startseite