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Digitale Debatte:Wie aus Hippie-Utopien Monopolkapitalismus wurde

FILE PHOTO: The Apple Campus 2 is seen under construction in Cupertino

Auch hier wird die Zukunft vieler Menschen geplant: Die Baustelle für Apples neuen Firmen-Campus in Kalifornien.

(Foto: REUTERS)

Die LSD-getränkte Ideologie Kaliforniens sollte die Welt verbessern und gebar die Macht des Silicon Valley. Nun hat sich die Digitaldebatte erneut heftig gedreht.

Die Hippies sind schuld. Wobei "schuld" ein viel zu schweres Wort ist, wenn man den Verlauf der digitalen Debatte verstehen will. Die entwickelte sich in erstaunlich kurzer Zeit von der euphorischen Feier einer Technologie, der man schon die Rolle des Weltgeistes zugeschrieben hatte, zu einem globalen Katergefühl, dass man sich mit dem Internet sinistre Kräfte wie den Monopolkapitalismus, die Geheimdienste und den Mob ins Leben geholt hatte.

Die Wurzel beider Seiten dieser globalen Debatte liegt im Kalifornien der späten Sechzigerjahre, als dort die digitale Welt ihre ersten Entwicklungsschritte machte, damit aus einer Technologie für Staaten und Konzerne ein Alltagsphänomen werden konnte, und in der gleichzeitig von einer wirklich besseren Welt geträumt wurde.

Ende der Achtzigerjahre noch konnte man in Kalifornien den Utopisten begegnen, die Gesellschaft und Technologie als großes Ganzes betrachteten. Der Ökologe Stewart Brand war der erste der Hippies, die in den digitalen Technologien ein Befreiungspotenzial sahen. Und der LSD-Prophet Timothy Leary sah schon in den späten Achtzigerjahren in der Virtual Reality das Tor zu einer Bewusstseinserweiterung, die er bis dahin in den Drogen vermutete.

Die Hippies speisten auch ihr kritisches Denken ins Erbgut der digitalen Welt ein

So viel Utopie und Begeisterung tun keiner Entwicklung gut. Ähnlich wie die Aufbruchsstimmung der Hippies in Ideologien erstarrte, verhärtete sich die digitale Euphorie Anfang der Nullerjahre zu einem rigiden Zukunftsglauben. Der aber hatte den Effekt, dass sich der Monopolkapitalismus des Silicon Valley ungestört verfestigen konnte. So konnte es kommen, dass die vier Konzerne Apple, Google, Facebook und Amazon fast alle Bereiche des menschlichen Lebens erfasst und vermarktet haben. Auf Kosten vieler - Einzelhandel, Kulturwirtschaft, Privatsphäre, Steuergerechtigkeit und der politische Diskurs. Und das ist nur der Beginn einer sehr langen Liste von Dingen, die dabei auf der Strecke blieben.

Man muss auf der anderen Seite dankbar dafür sein, dass die Debatten um die digitale Welt in den letzten beiden Jahren eine so finstere Wendung genommen haben. Denn die Hippies speisten nicht nur ihre Euphorie und ihren Zukunftsglauben in das Erbgut der digitalen Welt ein, sondern auch ihr kritisches Denken. Es dämmert ja selbst Konzernchefs wie Tim Cook, Sergej Brin und Mark Zuckerberg, dass sie einiges angerichtet haben, was die Welt nicht zu einem "besseren Ort" gemacht hat, wie sie im Silicon Valley so mantraartig behaupten.

Es ist deswegen kein Zufall, dass die Stimmen mit der fundiertesten Kritik derzeit aus den eigenen Reihen der digitalen Kultur kommen. Nach dem bekanntesten aller Whistleblower, Edward Snowden, der das Internet als gigantische Überwachungsmaschine entlarvte, sind es derzeit vor allem die Pioniere der sozialen Medien, die vor den Gefahren ihrer Schöpfung warnen. Facebook-Mitgründer Sean Parker warnte vor den Suchtgefahren von Facebook. Chamath Palihapitiya, der früher bei Facebook für das Nutzerwachstum zuständig war, sagte, jeder Nutzer werde von seinen Geräten programmiert, nicht umgekehrt. Der ehemalige Google-Designer Tristan Harris ist seit über einem Jahr auf Welttournee, um die Gefahren zu erläutern, die in einem so unverdächtigen Alltagsgerät wie dem Smartphone lauern.

Es sind nun gerade die Technologiekonferenzen wie die DLD, auf denen zum einen solche Kritik deutlich und mit einem Höchstmaß an Kompetenz formuliert wird. Zum anderen sind es genau die Orte, an denen die Debatte wieder eine positive Wendung nehmen kann. Wo, wenn nicht hier kommen die Frauen und Männer zusammen, die die Entwicklung der digitalen und realen Welt so nachhaltig beeinflussen. Die Anfänge sind gemacht.

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