Digitale Bücher wandern in den Browser Amazon greift Apples App-Welt an

Der Online-Händler Amazon bietet seine digitalen Bücher für iPad und iPhone künftig auch in einer Browser-Version an - und umgeht damit iTunes und Apples App-Konzept. Schlägt das Web doch noch die App?

Amazon bietet Nutzern künftig eine webbasierte Version seiner Kindle-App an: Auf den ersten Blick erscheint diese Meldung wie eine der zahllosen täglich in die Welt posaunten Statusnachrichten aus der Welt der Internet-Unternehmen. Auf den zweiten Blick jedoch offenbart sich ein geschickter Schachzug, der vor allem das Apple-Universum mittelfristig durchaus erschüttern könnte.

Buch im Cloud Reader: Dem iPad sehr ähnlich.

(Foto: Screenshot)

Der Hintergrund: Wer bislang auf iPad oder iPhone digitale Bücher von Amazon kaufen wollte, musste hierfür die kostenlose Kindle-App über iTunes herunterladen. Weil Apple auch für Verkäufe innerhalb einer App Provision verlangt, musste Amazon 30 Prozent des Umsatzes über diesen Kanal an den IT-Giganten abgeben.

Dies umgeht der Online-Händler nun: Beim "Kindle Cloud Reader" handelt es sich um eine "Web-App", also ein Programm, das im Browser ausgeführt wird. Ab sofort können deshalb Nutzer der Browser Chrome und Safari die Kindle-Software aufrufen, ohne diese vorher erst bei iTunes herunterladen zu müssen.

An wen sich dieses Angebot richtet, ist nicht nur wegen der Veröffentlichung auf dem Apple-Browser Safari klar: Die Kindle-Version im Browser besitzt eine ähnliche Anmutung wie die auf dem iPad. Weil sie im neuen Webstandard HTML5 programmiert ist, funktioniert sie genauso flüssig wie das Pendant, das extra für das iOS-Betriebssystem des Flachcomputers programmiert werden musste. "Es wird Monate, nicht Jahre dauern, bis Amazon seine iOS-Kindle-App aus dem App-Store zurückzieht", glaubt deshalb Richard MacManus vom Online-Informationsdienst Read Write Web.

Ein kleiner Nebeneffekt: Ob auf dem Flachcomputer, dem PC oder dem Smartphone - wer seine digitalen Bücher über das Web liest, muss sich auf diese Weise nicht mehr Gedanken darüber machen, wie er die Titel auf die verschiedenen Geräte exportiert. Ein ähnliches Konzept verfolgt Amazon bei seinen verkauften MP3s mit dem Musik-Schließfach Amazon Cloud Player.

Das WWW lebt

Die HTML5-Version der Kindle-Software zeigt einmal mehr, dass die Prophezeiungen vom "Ende des WWW" im Rahmen der App-Manie voreilig gewesen sind. Zwar ist es in der Webversion des Kindle beispielsweise noch nicht möglich, Texte zu markieren, doch dies dürfte sich bald ändern: HTML5 soll es ermöglichen, verschiedene Funktionen und Anwendungen im Browser zu ermöglichen, ohne dass hierfür lästige Plugins notwendig sind. Auch ein Zugriff auf Hardware-Komponenten wie Kamera oder Laufwerke, so mutmaßt Spiegel-Online-Autor Thomas Escher in einem Artikel mit dem Titel "Die App-Dämmerung", sei nur noch eine Frage der Zeit.

Entwickler drängen bereits länger auf HTML5-Anwendungen: Sie ersparen lästige Programmierarbeit und verringern Abhängigkeiten von einzelnen Software-Herstellern wie Apple oder dem Flash-Produzenten Adobe, zudem sind anders als bei nativen Programmen keine Übersetzungen für andere Betriebssysteme wie Google Android oder Windows-Desktop-Rechner nötig.

Dass HTML5 allerdings in absehbarer Zeit tatsächlich native Anwendungen ersetzen wird, ist derzeit unwahrscheinlich: Noch ist unklar, wie stabil HTML5 bei rechenaufwändigeren Prozessen funktioniert. Weil viele Nutzer auch alte, inkompatible Browser verwenden, setzt sich der Standard erst langsam durch.

Und nicht zuletzt hat mit Apple der erfolgsreichste Mobilgerätehersteller seine Nutzer über Jahre hinweg dazu erzogen, Software, Bücher und Musik für die Tablet-Computer über den hauseigenen App-Store herunterzuladen.