Digitale Abhängigkeit:Europa hängt von den USA und China ab wie einst die Kolonien

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Drittens schafft das Regime des Datenextraktivismus Versuchungen, denen viele Politiker angesichts der aktuellen Lawine an politischen und sozialen Problemen nicht widerstehen könnten. Nehmen wir die Cybersicherheit: Anstatt grundlegend zu überdenken, warum das Problem fortbesteht und was es mit der digitalen Wirtschaft zu tun haben könnte, besteht die Reaktion vielmehr im Kauf weiterer, verbesserter Software von Tech-Firmen.

Ist das die richtige Antwort angesichts der von vielen empfundenen wachsenden Kluft zwischen der Bevölkerung und den Regierenden? Wir werden solche Lücken nicht schließen, indem wir grundlegende Bereiche wie die Sicherheit den amerikanischen Großunternehmen überantworten, denn dadurch wird nur der Populismus gestärkt. Darüber hinaus könnten die intelligenten Assistenten unsere psychologischen Schwachstellen ausnutzen und das individuelle Verhalten steuern, indem sie mithilfe unzähliger Daten Anreize schaffen. Dies würde die technokratischen Flügel der Regierungen und all jene stärken, die schon lange von den Vorzügen des "Nudging" schwärmen.

Solche Programme bergen das Risiko, den Verdacht vieler Anti-Establishment-Kräfte zu bestätigen, dass die verantwortlichen Technokraten letztlich nur ihre eigenen Pläne umsetzen. Die Tech-Branche hat im Hinblick auf ihre Zusammenarbeit mit der US-Regierung eine ziemlich düstere Vergangenheit. Und deren Geheimdienste werden nicht dabei helfen, solche Ängste zu lindern. Die Verfügbarkeit von vielen Daten und digitalen Technologien müsste theoretisch den Bürgern und Gemeinschaften viele Möglichkeiten eröffnen.Stattdessen riskieren wir, diese Technologien und Daten in den Dienst des immer noch undemokratisierten, technokratischen Apparates zu stellen, dessen Reichweite dank Datenextraktivismus und Digitalisierung des täglichen Lebens heute weit größer ist als je zuvor.

Europa bleiben wenige Möglichkeiten. Es kann seine Abhängigkeit vom Datenextraktivismus weiter erhöhen, indem es die Vorteile ausnutzt, solange sie noch andauern. Das würde auch eine zunehmende Abhängigkeit von Amerika oder China bedeuten, denn es fehlen eigene, ebenbürtige digitale Größen. Es ist nicht zu früh, vom Techno-Kolonialismus zu sprechen - nur dass Europa diesmal Opfer und nicht Nutznießer sein wird.

Die andere Möglichkeit besteht darin, das Problem direkt anzugehen und die Bedeutung des Datenextraktivismus für die Zukunft Europas und seiner Wirtschaft zu erkennen. Das hieße, den Zugang zu Daten zu demokratisieren, was von der Europäischen Kommission und den Mitgliedstaaten starke Eingriffe erfordern würde. Und weitere Probleme anzugehen, angefangen von Start-ups, die sich von ambitionierten Projekten abkoppeln, bis hin zu Bürgern, die sich vom politischen Prozess entfremdet fühlen. Wenn Europa seine Karten richtig ausspielt, könnte sich der Kampf gegen den Datenextraktivismus als Segen erweisen.

Evgeny Morozov ist Internetkritiker und schrieb den Bestseller "Smarte neue Welt".

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