Digital spielen:Apps für kleine Schlaumeier

Lesezeit: 3 min

Tinybop

Ausgeklügeltes Design, keine Handlungsanweisungen: Die Spiele von Tinybop unterscheiden sich vom Standard.

(Foto: tinybop.com)

Warum die Entwickler von Tinybop es gut finden, wenn Kinder von ihren Apps irritiert sind.

Von Hakan Tanriverdi, New York

Raul Gutierrez wusste, dass er sich jetzt mit Smartphones beschäftigen muss, als ihm sein sechs Jahre alter Sohn einen Tausch vorschlug. "Er wollte ein iPhone haben und dafür sogar auf seine Geburtstagsfeier verzichten", erzählt Gutierrez. Er war damals gerade nach New York gezogen und auf der Suche nach einer Geschäftsidee. "Das hat mir gezeigt, wie wichtig diese Geräte im Alltag von Kindern mittlerweile sind", sagt er.

Nun ist Gutierrez der Chef von Tinybop, einer Firma, die Apps für Kinder ab vier Jahren programmiert. Das Großraumbüro befindet sich im Stadtteil Brooklyn, 15 Minuten von der Brooklyn Bridge entfernt. 20 Mitarbeiter, offene Küche, im ganzen Stockwerk eine einzige Schiebetür für das Besprechungszimmer, dazu ein Eckbereich mit Design- und Kinderbüchern. An den Wänden hängen Plakate aus Deutschland, auf denen "die Arten und Eigenschaften der Ruhrkohle" erklärt werden oder aber, wie Papier entsteht. Die Plakate sehen hübsch aus, man will mehr wissen. Genauso sollen auch die Apps funktionieren.

Tinybop hat bis dato sieben Apps veröffentlicht. Es gibt zwei Kategorien: Apps für Entdecker und Apps für Bastler. Entdecken können Kinder zum Beispiel, wie der menschliche Körper funktioniert, wie Pflanzen und Häuser aufgebaut sind oder warum die Erde bebt, wenn sich Erdplatten verschieben. Wer basteln will, stellt sich eigene Roboter zusammen und schaut, ob sich der Digital-Roboter mit den gewählten Teilen auch vorwärts bewegen kann.

360°: Digitalisierung der Kindheit

Schon die Kleinsten wischen auf Tablets, die Größeren können sich ein Leben ohne Smartphone nicht mehr vorstellen. Ihre Kindheit verläuft ganz anders als die ihrer Eltern, aber muss das schlecht sein? Bietet nicht gerade der frühe Umgang mit neuen Medien auch Chancen? Wie Eltern ihren Nachwuchs auf dem Weg in die interaktive Welt begleiten, was sie selbst dabei lernen können - ein Schwerpunkt.

Gutierrez hatte sich gefragt, was genau das iPhone für seinen Sohn so erstrebenswert machte. "Es ist eine Wundermaschine, mit der er Fotos, Videos und seine Stimme aufnehmen kann, außerdem Spiele spielen und Bücher lesen. Es war damit besser als alle anderen Spielzeuge." Gutierrez beschreibt sich selbst als altmodischen Vater. Typ nur Holzspielzeug im Haus, außerdem keinen Fernseher. Den eigenen Sohn am Smartphone zu sehen, habe ihn zunächst irritiert. "Ich habe aber irgendwann gemerkt, dass nicht die Zeit, die Kinder vor dem Bildschirm verbringen, das Problem ist. Sondern die Qualität der Inhalte."

Er habe sich 200 Apps heruntergeladen, die für kleine Kinder ausgelegt sind. Diese Hersteller sind mittlerweile die Konkurrenz, auch deshalb fällt sein Urteil harsch aus: "Das Design war hässlich, kaum schöner als Clipart. Die Apps waren schlecht recherchiert, das Smartphone wurde kaum als Objekt mit einbezogen." Die Apps von Tinybop hingegen wurden im App Store in der Kategorie "innovative Apps für Kinder" ausgezeichnet.

Der Spieler steuert die Vulkanexplosion

Das Design ist ausgeklügelt. Für die Erde-App mit den Erdbeben haben Sounddesigner eine Frequenz gefunden, bei der die meisten Gegenstände zu vibrieren anfangen. Jede App hat einen Hauptdesigner, der sich um die Arbeit an grafischen Programmteilen und um die Gestaltung von Symbolen und Icons kümmert. Zwischen Recherche und fertiger App liegen sechs bis zwölf Monate.

Die Spiele von Tinybop unterscheiden sich grundlegend vom Standard. Sie fallen auf, weil sie gewisse Spiel-Elemente nicht besitzen. So gibt es keine Titelmusik, die parallel zum Spiel dröhnt, keine Pfeile, die dem Spieler zeigen, wo er als nächstes klicken soll, und keine Animationen. Die Grafik wird algorithmisch erzeugt. Wer das Skelett aus dem menschlichen Körper entfernt, sieht es in sich zusammenfallen. Wie heftig ein Vulkan explodiert, hängt von der Geschwindigkeit ab, mit der ein Spieler die Lava nach oben befördert. Und wer zwei Wolken aneinanderreibt, sorgt für Regen. "Anstatt Kindern zu sagen, was passiert, zeigen wir es ihnen lieber", sagt Gutierrez. Dieses Zeigen passiert zufällig - entweder nach Spiel eins oder hundert. Er nennt es "Design für ruhige Stunden".

Handbücher für unkundige Eltern

"Ich wollte Apps basteln, die Kinder zum Nachdenken anregen", sagt Gutierrez. Seine Anwendungen, die in 155 Länder verkauft werden, sollen nicht alle Fragen beantworten - aber viele aufwerfen, "damit die Kinder zu ihren Eltern gehen, wenn sie etwas nicht verstehen". Teilweise wurden die dazugehörigen Handbücher in 60 Sprachen übersetzt - damit die Eltern auch die richtigen Antworten geben können. Inspiration für seine Ideen liefern Gutierrez wissenschaftliche Kinderbücher, die er früher selbst gern gelesen hat.

Tinybop lädt hin und wieder Kinder ein, damit die Spielmacher ihnen über die Schulter schauen können. "Wir merken oft, das Kinder am Anfang desorientiert sind. Es gibt keine Musik, keine Anleitung." Die Hoffnung ist, dass die Kinder sich die Zeit nehmen, um sich mit der App auseinanderzusetzen. Gutierrez schaut gerne auf die Dauer, die Kinder mit seinen Apps verbringen, nicht so sehr auf Downloadzahlen. Aber auch die können sich sehen lassen. "The Human Body", die erste App von Tinybop, wurde mehr als sechs Millionen Mal heruntergeladen. Heute hat Raul Gutierrez kein Problem mehr damit, wenn sein Sohn am Smartphone spielt.

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