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Digital-Konferenz Republica:Schnick, Schnack, Schnuck gegen die NSA

Re:publica 2013, Teilnehmerin

Teilnehmerin der Digitalkonferenz Republica (2013): Wer sich bei der Republica (Eigenschreibweise re:publica) in Berlin versammelt, begreift das Internet als seinen Lebensraum.

(Foto: Gregor Fischer/re:publica)

Zum ersten Mal seit den Snowden-Enthüllungen treffen sich Tausende Teilnehmer von Dienstag an zur europaweit größten Konferenz für digitale Technik. Die Republica in Berlin ist ein stimmgewaltiges Forum der digitalen Gesellschaft, die vor allem eines sucht: Wege aus der Überwachung.

Von Hakan Tanriverdi, Berlin

Wie wichtig es ist, schnell zu reagieren, zeigt eine Partie "Stein-Schere-Papier" in der Konstellation Mensch gegen Maschine. In einem Video, es ist aus dem Jahr 2012, sind zwei Hände zu sehen, eine aus Fleisch, eine aus Metall. Schnick, Schnack, Schnuck. Die Roboter-Hand gewinnt. Schnick, Schnack, Schnuck. Zwei zu null. So geht das weiter, Runde um Runde. Der Trick ist: Die Maschine sieht in Millisekunden, wie die Hand sich formen wird. Sie erkennt das, formt die Siegerpose und gewinnt - in 100 Prozent der Fälle.

An diesem Dienstag beginnt in Berlin die europaweit größte Konferenz für das Leben im digitalen Zeitalter, die Republica. In der Ankündigung heißt es, die Gesellschaft unterliege einem steten Wandel, die Leaks des Whistleblowers Edward Snowden hätten das spürbar gemacht: "Wenn Algorithmen uns zu gläsernen, kontrollierbaren, weil berechenbaren Menschen machen, müssen wir vielleicht unberechenbarer werden?"

Seit den NSA-Enthüllungen ist bekannt: Die Überwachungs-Maschinerie kann genau erkennen, was Menschen vorhaben. Dazu untersucht sie alles, was diese machen. Wann und von wo aus sie mit wem wie lange telefonieren. Mit welchem Browser sie welche Suchanfrage starten und für welches Ergebnis sie sich entscheiden. Diese Metadaten - und noch viele mehr - geben der Maschine einen sehr genauen Blick auf die Individuen. Die Maschine schaut genau hin, erkennt und reagiert.

Die Republica erwartet bis Donnerstag 6000 Besucher, sie ist eine von zwei wichtigen Konferenzen in Deutschland, wenn es um Technik geht. Die andere ist das jährliche Treffen des Chaos Computer Clubs, dort treffen sich die Menschen, die kontinuierlich von Journalisten angerufen werden, damit sie erklären, wie die Überwachung technisch abläuft. Die Republica wirft traditionell einen Blick darauf, wie genau sich eine Gesellschaft durch Technik verändert.

Es ist die erste Ausgabe dieser Konferenz, seit die Enthüllungen von Edward Snowden das Ausmaß der Überwachung durch die NSA und andere Geheimdienste offengelegt haben. In den 350 Vorträgen, die in den drei Tagen auf dem Programm stehen, liegt der Fokus stark auf dem Thema Überwachung. Es ist ein stimmgewaltiges Podium, die Chance für ein kraftvolles Signal gegen Überwachung und für einen bewussten Umgang der Gesellschaft mit Daten.

Denn die Menschen, die sich bei der Republica versammeln, begreifen das Internet als ihren Lebensraum. Sie beobachten, wie selbstverständlich Menschen Technik einsetzen und ziehen daraus ihre Schlüsse. Die Forderung, nach den NSA-Enthüllungen doch auf Briefe umzusteigen oder sich für ein persönliches Gespräch im Wald zu verabreden, ist für sie vor allem eins: ein schlechter Scherz. Genauso gut könnte man fordern, auf Waschmaschinen oder vergleichbaren technischen Fortschritt zu verzichten. Es entspricht nicht der Art, wie Menschen heutzutage miteinander kommunizieren. Sich dem zu entziehen, kommt also nicht in Frage. Das zu formulieren muss der Anspruch der Konferenz sein.

Was fehlt, sind gute Bilder

Der einfachste Weg um das Problem der Überwachung zu lösen, wäre der politische Ansatz. Ein schlichtes Verbot, ganze Gesellschaften kollektiv zu beobachten. Das Spiel "Stein-Schere-Papier" hat schließlich auch seine Gesetze. In der Mensch-Maschine-Konstellation gibt es einen Kantersieg - aber eben nicht für die Maschine, sondern für den Menschen. Denn wer bei dem Spiel abwartet, was sein Gegner macht und daraufhin reagiert, und genau das tut die Maschine, der hat in Wahrheit geschummelt - und verliert.

Eine politische Lösung wird es aber auf absehbare Zeit nicht geben, das hat das vergangene Jahr gezeigt. Es braucht einen anderen Weg - einer davon wird es sein, neue Bilder zu finden.

Denn genau die fehlen. Wenn es um Überwachung geht, werden reflexartig zwei Bilder bemüht: Entweder George Orwell und sein Buch "1984" oder aber Jeremy Bentham und dessen Theorie des Panopticons. Das soll ein Gefängnis darstellen, das kreisförmig aufgebaut ist und in dessen Mitte ein Turm steht, auf ihm ein Wächter. Von dort aus kann dieser theoretisch zu jedem Zeitpunkt jeden Gefangenen sehen. Dieses Gefühl der permanenten Beobachtung soll in der Theorie dazu führen, dass die Gefangenen sich benehmen.

Beide Bilder sind falsch, wie die Soziologin Zeynep Tüfekci in einem lesenswerten Essay ausgeführt hat. Denn in beiden Modellen leben die Menschen in einem abgeschlossenen System; totalitärer Staat hier, Gefängnis dort. Die Menschen in Deutschland aber leben in einer Demokratie. In ihrem Alltag behindert sie die Überwachung nicht merklich. Sie ist nicht sichtbar, sie verhindert keine Wahlen, sie knüppelt keine Demonstranten nieder, sie fordert keinen Kadavergehorsam. Sie ist still und leise, sie schneidet mit und speichert alles. Sie spielt potenziell mit jeder Person, allerdings kein "Stein-Schere-Papier", sondern ein Spiel um den Preis der demokratischen Gesellschaft.

Vor diesem Hintergrund bleibt eine Frage: Was könnte die wirkmächtige Geschichte sein, die es gegen Überwachung zu erzählen gilt? Vielleicht findet die diesjährige Republica darauf eine Antwort - ein Vortrag zum Thema "Neue Narrative gegen Überwachung" findet auf jeden Fall statt.

© Süddeutsche.de/luk/bavo
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