Die Technik des Chattens *textlesenwill*

Die unzähligen Plauderräume des Internets verändern die deutsche Sprache stärker als Comics.

Von Stefan Schmitt

(SZ vom 10.9.2002) - *Wieverrücktfreu* oder *schlapplach*: "Klar war das komisch am Anfang", erinnert sich Julia an ihre ersten Erlebnisse im Internet-Chat vor sechs Jahren. "Aber ich habe ganz schnell gemerkt, dass man ohne diese Sternchen-Ausdrücke immer hinterherhinkt." Bis die heute 25-Jährige ganze Sätze wie "Ich freue mich darüber wie verrückt." oder "Da lache ich mich ja schlapp!" formuliert hatte, war die Unterhaltung viel weiter als Julias Kommentare: "Drei andere Chatter hatten längst ihren Senf dazu gegeben." Kurz und knapp in Sternchen, eben *wieverrücktfreu* oder * schlapplach*.

Schon heute bieten die ersten Chatseiten im Netz vorgefertige Kommentare und drollige Grinsegesichter zum Anklicken an.

(Foto: Foto: Photodisc)

In den unzähligen Chat-Räumen des Internets ist ein neues Element der deutschen Sprache herangereift: Konstruktionen aus Inflektiven, aus Verben ohne jegliche Endung also. "Hier entsteht eine neue Sprachpraxis", sagt der Sprachwissenschaftler Peter Schlobinski. Der Linguist von der Universität Hannover konnte nachweisen, dass zusammengesetzte Inflektive nur in Chats vorkommen - und logischerweise gerade dort. "Ein Chat ist ja quasi Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, nur dass man sich nicht wirklich sehen kann."

Wenig tippen, viel sagen

Das Internet ermöglicht zwar eine lockere Plauderatmosphäre für weit entfernte Nutzer, beschränkt dabei aber die Wahrnehmung auf die Monitoranzeige. Die Technik des Chattens - aufeinander folgende Texteingaben - schneidet viele Bestandteile natürlicher Unterhaltungen ab. So können die Internet-Plauderer weder Betonung, noch Mimik oder Körpersprache ihres Gegenübers erahnen. Das alles muss mit Hilfe von Buchstaben und Zeichen übermittelt werden, und da ist ein *vorlangeweilegähn* einfach effektiver als "Mir ist so langweilig, dass ich gähnen muss". Während das Inflektiv-Konstrukt nur 17 Zeichen benötigt, sind für den Satz 35 Buchstaben fällig, bei gleichem Informationsgehalt.

Schlobinski nennt das Sprachökonomie: "Möglichst viel Kommunikation mit möglichst wenig sprachlichen Mitteln." Sternchen fassen die meisten Inflektive an Anfang und Ende ein wie Klammern oder Anführungszeichen. Als die Konstrukte erfunden wurden, war eben ein Symbol aus dem Standardzeichensatz eines Computers nötig, das noch nicht anderweitig vergeben war. Viele Forscher sehen in den Sternchen sogar Andeutungen von Denk- oder Sprechblasen.

Denn ursprünglich sollen die Inflektive mit den Micky-Maus-Comics ins Deutsche gekommen sein. Schlobinski fand im ersten deutschen Micky-Maus-Heft etwa "stamp", "poch", "schnapp" und "knarr". Seit den siebziger Jahren seien Wortformen wie "würg", "kotz" und "bibber" in der Alltagssprache Jugendlicher weit verbreitet - so die nicht ganz unumstrittene Lehrmeinung.

Doch erst durch das Internet und seine Chat-Räume kam der Schritt von simplen Inflektiven, die Regieanweisungen (*lechz*) oder Lautwörtern (*knarz*) gleichen, hin zu zusammengesetzten Sternchen-Kommentaren. Nur diese können auch Gefühle (*traurigguck*), Handlungen (*dichdrück*) oder ein Wollen (* fotosehenwill*) ausdrücken. Diese Analyse Schlobinskis gilt unter seinen Kollegen als plausibel. "Schlobinskis Interpretation der Inflektivkonstruktionen ist in der Fachgemeinde anerkannt", sagt Albert Busch, Sprachwissenschaftler an der Universität Göttingen.

Dass aber Konstrukte wie *klappeaufreissundhandvorhalt* bald aus den Chats heraus die deutsche Alltagssprache überschwemmen oder sogar verderben werden, weist der Hannoveraner Sprachforscher zurück: "Die Gefahr für einen Kulturverfall ist da eher gering." Vor allem weil Chatter gut umschalten könnten. Die meisten von ihnen seien eher jüngere, höher gebildete Menschen, die nicht nur Inflektiv-Ketten konstruieren, sondern in der Schule auch hochtrabende Aufsätze über Thomas Mann verfassen könnten. Der Linguist sieht die Chat-Verben eher als Anfang eines längeren Trends: "Wir erleben gerade die zweite Gutenberg-Revolution. Gesprochene Sprache dringt in die Schriftsprache ein. Da kommt noch so viel auf uns zu, was Sprache und Kommunikation verändern wird." Die Technik wird so zum Labyrinth, durch das sich die Sprache ihren Weg sucht. Gut möglich, dass die Inflektive dabei wieder auf der Strecke bleiben.

Schon heute bieten die ersten Chatseiten im Netz vorgefertige Kommentare und drollige Grinsegesichter zum Anklicken an. Hier muss keiner mehr neue Inflektiv-Konstrukte erfinden. "Da zeigt sich wieder, wie die Technik eine Sprachentwicklung auch überrollen kann, sozusagen als Gegenbewegung", sagt Schlobinski. Ohne eine eigene Kreativität entwickelt sich die Sprache auch im Internet nicht weiter.