bedeckt München 14°

Die neuen Idiotae:Web 0.0

Man schwärmt von "SchwarmIntelligenz" und attestiert, wie der Autor James Surowiecki, eine Weisheit der Vielen. Strikt selbstorganisierend - womit vornehm umschrieben ist, dass Geschwätz keine Organisation benötigt. Genauso gut könnte man allerdings einem Fliegenschwarm guten Geschmack unterstellen. Helmut Schmidts zeitloser Rat, dass derjenige, der Visionen hat, besser einen Arzt aufsucht, scheint nicht mehr viel zu gelten.

Schwarmintelligenz?

(Foto: Foto: Istock)

Auch hierzulande kippen sich Visionäre immer öfter öffentlich einen hinter die Binde. "Prosumenten" nannte man die Netz-Diskurs-Hopper auf den letzten Münchner Medientagen. Das Wort bezeichnet Menschen, die Informationen zugleich produzieren wie konsumieren. "Prosumenten" klingt nach Proselyten, also nach Hinzugekommenen, die zwar alles ein wenig zu ernst nehmen, aber nicht so genau verstehen, was dieses Alles eigentlich ist.

Bis tief hinein in eine erschütternd arglose Öffentlichkeit herrscht indes Konsens darüber, dass das basisdemokratisch breiig getretene Wissen erstens in der gesichts- und charakterlosen "many-to-many"-Kommunikation des Web gut aufgehoben ist, und dass das zweitens nicht nur Okay ist, sondern auch die Zukunft. Der Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz spricht sogar "sozialpsychologisch" von einer "großen Befreiung".

Auswüchse des Absurditätenstadls

Bolz hat dem Spiegel ein Interview gegeben, in dem er die Auswüchse dieses Absurditätenstadls notiert. Man möchte sich beim Lesen dieses Interviews mit dem Mauskabel strangulieren: "Die einfache Orientierung an klassischen Autoritäten bricht zusammen. Man nimmt Politikern ihr Besser-Wissen nicht länger ab. Auch bei Anwälten und Medizinern ist die Erosion ihrer Autorität unendlich weit fortgeschritten. Für Ärzte ist das eine Katastrophe: Ihre Patienten sind auf einmal bestens informiert, fragen und fordern. Überhaupt sind alle, die mit Wissen umgehen, diesem Erosionsprozess ausgesetzt. An die Stelle von Autorität tritt dieses eigentümliche, breitgestreute, selbstkontrollierte Netzwerkwissen."

Nun, dieses Wissen ist gewiss eigentümlich und breitgestreut, aber es ist selten kontrolliert, auch nicht selbstkontrolliert, und ein Wissen ist es oftmals sogar gar nicht. Gemeint ist ja nicht nur die flirrende Suchmaschinenbildung, mit der man seinen Hausarzt demütigt. Gemeint ist auch pures Meinungswissen: unüberprüfbar, kühn, behauptend, flatterhaft, und vor allem: anonym in die Welt gesetzt, was Spaßvögeln und aber auch Denunzianten besonders entgegenkommt.

Die Opferseite internetvictims.de listet im Netz-Rauschen ein Panoptikum an Rufschädigungen, Beleidigungen, Verleumdungen und übler Nachrede auf. Da wird man fast wieder zum Fan von Eliten und auf jeden Fall zum Lobsänger der Differenz zwischen verantwortetem und - im mehrfachen Sinne des Wortes - verantwortungslosem Wissen.

Zur SZ-Startseite