Deutscher Computerspielpreis 2015:Viel Action, wenig Gezeter

Lords of the Fallen

Eine Szene aus dem Gewinnerspiel "Lords of the Fallen"

(Foto: Koch Media)
  • Das Fantasy-Rollenspiel "Lords of the Fallen" erhält den Preis als "Bestes Deutsches Spiel".
  • Der ausrichtende Verkehrsminister Alexander Dobrindt erklärte bei der Gala, dass Spiele "der Nukleus einer digitalen Gesellschaft" sind.
  • Insgesamt gab es 385 000 Euro Preisgeld für die Gewinner in 13 Kategorien.

Von Jan Bojaryn, Berlin

Als der Deutsche Computerspielpreis (DCP) 2009 gegründet wurde, war noch umstritten, ob Videospiele überhaupt ein förderungswürdiges Kulturgut sein können. Jetzt, im Jahr 2015, ist diese Debatte vorbei. Endgültig beendet hat sie Hauptgewinner "Lords of the Fallen". In diesem düsteren Fantasyspiel pflügt sich ein gesichtstätowierter Antiheld durch Dämonenhorden. Niemand drehte sich am Dienstagabend beschämt weg, als den grinsenden Gewinnern der Scheck über 75 000 Euro überreicht wurde.

Auf diesen Moment musste das Publikum etwa zwei Stunden warten. Das ist gnädig kurz für eine Gala, in der Laudatoren ständig irgend etwas mit Computerspielen sagen mussten. "Alle wollen zeitgemäße Spiele voller Fantasie und Anspruch", analysierte etwa Berlins Bürgermeister Michael Müller die Marktlage. Spiele sind "der Nukleus einer digitalen Gesellschaft", erklärte Verkehrsminister Alexander Dobrindt dem Publikum, und kam damit einer großen Frage des Abends ganz nahe: Warum eigentlich das Bundesministerium für Verkehr und Digitale Infrastruktur (BMVI) zu den Ausrichtern des DCP gehört.

Auch die Videospiele-Entwickler sind nicht die richtigen Menschen, um eine Gala kurzweiliger zu gestalten. Die Spielemacher freuten sich artig, aber sie drängten sich nicht ins Rampenlicht. Sie taumelten blass von der Bühne, wenn Trophäe, Dankesrede und die Überreichung des Schecks überstanden waren. Allein Jana Reinhardts entwaffnender Freudenausbruch bleibt im Gedächtnis. Sie bekam für "TRI" den Preis für das beste Jugendspiel und grüßte schwer atmend ihren Schwiegervater.

Gewinner mit Glatze

Und dann gewann "Lords of the Fallen", ein besonders hartherziger Vertreter des Action-Rollenspiel-Genres, den Hauptpreis als "Bestes deutsches Spiel" des Jahres. Spieler schätzen den Titel, weil er sehr fordernd ist, weil man konzentriert und taktisch agieren muss, um vorwärts zu kommen. Aber um das zu merken, muss man es spielen. Wer nur zuschaut, der sieht einen stiernackigen Glatzkopf beim Kampf. Auch Dorothee Bär vom BMVI wirkte zufrieden, dass so ein Spiel ohne Gezeter gewann. Die Parlamentarische Staatssekretärin hat den Preis mitbegründet, engagiert sich für die Gaming-Branche und wird dafür geschätzt. Jetzt, wo der DCP in ihrem Haus gelandet ist, kann sie mehr Einfluss auf den Preis nehmen.

Anhaltendes Gezerre und Gezänke um den DCP haben bisher verhindert, dass die blau leuchtende Trophäe so etwas wie Strahlkraft entwickeln konnte. In der Jury treffen Politiker, Wissenschaftler, Spielemacher und Fachjournalisten aufeinander. Das führte bislang zu faulen Kompromissen. Hämische Kommentare waren sicher, wenn brave Rätselspiele gegen Shooter gewannen. Jurymitglieder traten zurück, als Sonderregeln die Preisvergabe für Spiele ab 18 Jahren erschweren sollten.

Jetzt zeigt sich der DCP reformiert. Neue Kategorien wurden eingeführt, die Vergabekriterien gelockert. Bär ist erleichtert: "Ich freue mich, dass wir soviel ändern konnten." Dass "Lords of the Fallen" nun gewinne, sei ohnehin kein Tabubruch, das Spiel sei ja schon ab 16 Jahren freigegeben. So unaufgeregt kann man das auch sehen. Die Anerkennung von Videospielen bleibt nach wie vor eher eine Frage der Generation, als der politischen Orientierung.

Taschengeld statt Förderung

Auch Geld wäre eine dringend benötigte Form der Wertschätzung. Der DCP soll ein Förderpreis sein. Die Preissumme des DCP wächst, von insgesamt 250 000 auf 385 000 Euro. Aber selbst ein kleines, unabhängiges Studio kann mit der maximalen Preissumme von 75 000 Euro kaum den nächsten Titel finanzieren. Ein paar hunderttausend Euro wären realistisch. Sie sind auch möglich, wie etwa der Preis der Deutschen Filmakademie zeigt. Mit knapp drei Millionen Euro ist die "Lola" dotiert. Für Bär ist genau dieser Maßstab das Ziel. "Aber da brauchen wir noch ein paar Haushalte, glaube ich."

Im derzeitigen Maßstab kann der DCP keine Branche fördern und keine große Relevanz beanspruchen. Er ist ein schönes Kompliment, eine kleine Geldspritze. Mehr ist er noch nicht. Aber vielleicht bewegt er sich ja noch weiter. Jetzt, wo das Verkehrsministerium zuständig ist.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB