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Der gute Ruf im Internet:Möglichst viele Daten sammeln

Vertrauen stellt sich dabei als Begriff mit zwei Aspekten dar. Wer sich im Internet bewegt, braucht zum einen Vertrauen zu anderen Nutzern, das sich aus der Reputation etwa in sozialen Netzwerken speisen kann. Im Umgang mit Webseiten und kommerziellen Anbietern braucht es zum anderen das Vertrauen, dass die Betreiber der Online-Angebote möglichst wenig persönliche Daten erheben und speichern und die Privatsphäre achten.

"Das widerspricht den Impulsen von Informatikern, die so viele Daten sammeln, wie sie können, und sie so lange aufheben wie möglich", sagt Ian Brown von der Oxford University. Der Schutz der Privatsphäre lasse sich daher kaum mehr bei existierenden Diensten nachrüsten, er müsste aber ins Design neuer Angebote einfließen. "Wenn man wartet, bis sich die Leute beschweren, untergräbt man das Vertrauen ins Internet."

Als Beispiel nannte Brown Abrechnungssysteme im Straßenverkehr: In Londons Innenstadt, wo eine saftige Maut erhoben wird, erfassen Kameras die Nummernschilder aller einfahrenden Autos, die dann zentral gespeichert werden. So entstehe ein Bewegungsprofil der Fahrer, sagt der Computerfachmann aus Oxford. In der chinesischen Stadt Shenzen hingegen würden Mautzahlungen mit Funkchips abgebucht, ohne persönliche Angaben zu erfassen.

Wegwerf-Identitäten

Claudia Eckert von der Technischen Universität München schlägt vor, dem Datensammeln zu begegnen, indem Netznutzer Wegwerf-Identitäten annehmen können. "Der Internetnutzer würde sich bei einer sicheren Firma mit Klarnamen und Kontodaten anmelden, und diese würde dann eine Reihe geheimer Identitäten vergeben", sagt sie. Für jeden Vorgang im Internet, etwa einen Einkauf, würde man eine davon benutzen.

Die Daten müsste man sich weder ausdenken noch umständlich irgendwo abtippen, eine gesicherte Software könnte das übernehmen. Die ausgebende Firma würde dem Verkäufer garantieren, dass sich hinter dem Alias eine reale Person verbirgt und womöglich die Zahlung abwickeln. Und der Kunde könnte die Identität nach Abschluss der Transaktion aufgeben, sodass der Verkäufer seine Daten nicht weiter nutzen kann. Die Ausgabeinstanz müsste eine Firma sein, die kontrolliert wird wie heute bereits Zertifizierungsstellen für gesicherte Webseiten.

Der virtuelle Identitätenhändler würde seinen Nutzern somit zeitlich begrenzt einen guten Ruf verschaffen, den eines zuverlässigen Kunden. In vielen anderen Diensten, zum Beispiel auf sozialen Webseiten, müsste ein guter (Benutzer-)Name hingegen durch konsistentes Verhalten über längere Zeit erworben werden. Reputation als eine Art sozialer Klebstoff für Online-Kontakte "soll gutes Verhalten belohnen und schlechtes bestrafen", sagt Audung Jøsang von der Universität Oslo.

Oft stützen Internet-Nutzer ihre Entscheidungen auf den Ruf eines Unbekannten: Wer sich an einer Ebay-Auktion beteiligt, schaut auf die Farbe der Sterne, die Verkäufer erworben haben. Auf einer Webseite zur Partnersuche zählen womöglich die Noten von früheren Kontakten. Und vor der Buchung eines Hotels liest der Interessent die Bewertungen früherer Gäste.

Vertrauen im Widerspruch

Damit entstehen eine Reihe von Problemen. "Um auf diese Weise Vertrauen zu fassen, muss ich persönliche Informationen über den anderen bekommen", sagt Alnemr. "Die verschiedenen Aspekte von Vertrauen stehen miteinander im Widerspruch. Möglichst wenig Daten zu sammeln, kann nicht das allgemeine Rezept sein." Das macht es umso wichtiger, den Ruf von Teilnehmern auf sozialen Webseiten sorgsam zu ermitteln.

Die Betreiber müssen sich gegen Versuche der Manipulation schützen, gegen gefälschte Voten zum Beispiel. Gefährlich können auch Nutzer sein, die mit einer großen Zahl trivialer Transaktionen einen guten Ruf aufbauen, um einen großen Betrug vorzubereiten und dann abzutauchen. "Man muss ehrlich sagen, bislang sind ziemlich wenige Angebote robust gegen Manipulationsversuche", sagt Jøsang.

Es gibt in der Szene keine Erinnerung an frühere Fehler" beim Auslegen von Programmen, die den Ruf von Internet-Nutzern ermitteln, klagt Randy Farmer. "Jeder meint, so schwer kann das ja nicht sein und Hauptsache, es sieht cool aus." Dabei kann ein Fehler ein hoffnungsvolles Start-up-Unternehmen in den Ruin führen. Als Beispiel nennt er eine ehemalige Dating-Seite namens Consumating.

Als die Macher ein Punktesystem einführten, damit die Teilnehmer Erfahrungen mit anderen Teilnehmern weitergeben konnten, "änderte sich der ganze Charakter der Seite", sagt Farmer. "Das Punktesammeln wurde vom Mittel zum Zweck." Viele Nutzer verfielen in ein Verhalten, das Farmer "Punkte-Hurerei" nennt, sie verkauften sich praktisch für positive Bewertungen. Neue Mitglieder hingegen hatten kaum mehr eine Chance, Fuß zu fassen oder ein Rendezvous zu vereinbaren, weil sie nicht an Punkte kamen. Am Ende wurde der Dienst eingestellt.

Man darf nie vergessen", fasst Rehab Alnemr zusammen, "Reputation ist ein Werkzeug, nicht das Ziel des Angebots." Vertrauen zu bilden ist nicht der Zweck der Internet-Nutzung, sondern Voraussetzung.

© SZ vom 03.04.2012/mri
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