Der Facebook-Faktor "Facebook taugt nicht zur politischen Diskussion"

Die CDU fährt eine wenig offensive Strategie auf Facebook. Und das ganz bewusst, denn allzu viel hält man im Konrad-Adenauer-Haus nicht vom sozialen Netzwerk mit seinen Millionen Mitgliedern in Deutschland. "Tiefgehende politische Diskussionen gibt es auf Facebook eher selten", sagt Stefan Hennewig, Leiter Kampagne und Marketing der CDU. In erster Linie würden dort eigene Meinungen kundgetan. Trotzdem hat die CDU zusammen mit der Jungen Union "Connect 17" gestartet. Damit soll der Online-Wahlkampf aller Bundestagskandidaten und Freiwilligen professionell organisiert werden. "Natürlich ist Facebook ein gutes Kampagnen-Instrument, mit dem man sehr gut auf die eigenen Inhalte verweisen und verlinken kann", sagt Hennewig.

Tobias Nehren, Leiter digitale Kampagnen der SPD, sagt: "Facebook ist der Supermarktparkplatz des Internets. Hier kommen die Leute mit Politik in Kontakt, hier können wir unserer Werte sichtbar machen." Nehren kennt noch eine Metapher: Facebook sei "eines von vielen Instrumenten im Wahlkampforchester. Letztlich sollen die Anhänger auch vor Ort aktiv werden."

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Wie links oder rechts ist Ihre Timeline? Hier können Sie prüfen, bei welcher Partei Facebook Sie anhand Ihrer Likes verortet.   Von Katharina Brunner, Felix Ebert und Sabrina Ebitsch

Das Netzwerk wird damit zur Motivationsplattform für analoge Aktion. "Deutsche Parteien wollen bei Facebook den Haustürwahlkampf mit dem normalen Wahlkampf verbinden", sagt HfP-Professor Hegelich.

Die Alternative für Deutschland nutzt ihre Anhänger quasi für einen Graswurzel-Wahlkampf. Statt Kugelschreiber auf dem Marktplatz verteilen sie zugespitzte Sprüche auf dem Territorium der politischen Gegner, also den Facebook-Seiten der anderen Parteien. Unter so gut wie jedem beliebigen Post vor allem der Grünen und der CDU kommentieren Nutzer aus dem rechten Spektrum. "Viele Debatten auf Facebook werden durch eine sehr laute Minderheit geprägt", sagt Stefan Hennewig von der CDU. Umgekehrt agitieren Gegner der AfD auf deren Facebook-Seite bei weitem nicht in gleichem Maße.

Politikberater Fuchs sagt, dass Auseinandersetzungen sehr wohl auch auf anderen Facebook-Seiten als der der eigenen Partei stattfinden sollten: "Wenn irgendwo eine Diskussion für den Nahostkonflikt stattfindet, dann erwarte ich, dass dort in den Kommentaren auch die offizielle Position der Partei auftaucht."

Wie die Parteien mit Fake News umgehen wollen

"Fake News", also gezielt verbreitete erfundene Nachrichten, die die öffentliche Meinung beeinflussen sollen, könnten auch im deutschen Wahlkampf eine Rolle spielen. Die Parteien versuchen, sich dagegen zu wappnen.

Die Grünen haben beispielsweise die "Grüne Netzfeuerwehr" gegründet. Das ist eine geschlossene Facebook-Gruppe, die zum Beispiel gegen die AfD ausrückt. Als Beispiel für einen Erfolg nennt Wahlkampfmanager Heinrich, dass die AfD Emmendingen ein gefälschtes Grünen-Plakat, das der Partei zu Unrecht einen "antideutschen" Spruch zuordnete, binnen Stunden wieder löschte. "Die Rechten sind sehr gut organisiert. Wir müssen selber was tun und können nicht warten, bis Facebook oder der Gesetzgeber reagiert", sagt Heinrich.

Ähnlich sieht das Thomas Lohmeier von der Linkspartei. Gegen Fake News gebe es eine interne Whatsapp-Gruppe. Auch wenn man viel moderieren und löschen müsse, suche man generell den Dialog im Netz.

Neben den klassischen Beiträgen bei Facebook gibt es zwei weitere große Trends: Bezahlte Posts und Chatbots. Die CSU hat beispielsweise kürzlich einen solchen Chatbot auf Facebook gestartet. Nutzer können direkt über das Programm Fragen zu CSU-Positionen stellen, die Antworten liefert eine Software. Martin Fuchs glaubt, dass Nachrichten-Apps wie der Facebook-Messenger eine wichtige Rolle im Wahlkampf spielen können: "Der direkte Kontakt ist viel emotionaler."

Eine wichtige Rolle spielen Sponsored Posts, also bezahlte Anzeigen, die gezielt bestimmten Personengruppen angezeigt werden. So spielte die CSU zum Beispiel 2016 Werbung für Russlanddeutsche auf Russisch aus. Ohne Sponsored Posts gehe heute wenig, sagt FDP-Pressesprecher Droste. Denn die Partei könne nur begrenzt selbst steuern, was viral gehe; es sei schwierig, den Facebook-Algorithmus auszutricksen. Umso mehr freut es die Strategen der FDP, wenn sie einen Hit im Netz landen. Wie die Rede des Parteivorsitzenden Christian Lindner 2015 im nordrhein-westfälischen Landtag. Nach dem Zwischenruf eines SPD-Abgeordneten hielt er ein leidenschaftliches Plädoyer für Unternehmertum und Gründungskultur. Mit "das hat Spaß gemacht" schloss Lindner seine Rede, die auch deshalb so erfolgreich bei Facebook war, weil sie auf das setzte, was in dem sozialen Netzwerk besonders gut funktioniert: Zuspitzungen und Emotionen in Bild oder Video.

Dieser Beitrag ist Teil der großen Datenrecherche der SZ, in der wir die politische Macht auf Facebook analysiert haben. Lesen Sie:

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