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"Defense Distributed":"Ich leiste nur Widerstand"

Wilson sieht sich oft als Opfer des Systems, wie er in Austin erzählte. Er habe vom Hersteller Stratasys einen 3-D-Drucker geleast, doch als die Firma herausfand, was er damit vorhatte, ließ sie das Gerät wieder abholen. Sie fürchtete schlechte PR. Aus dem gleichen Grund verbannten verschiedene Website-Hosts die Dokumente über das "Wiki Waffen Projekt" von ihren Servern. "Sie haben versucht, mich auszuschalten", klagte Wilson.

Hingegen schwärmte der selbst ernannte Anarchist davon, wie professionell das "Bureau for Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives" (ATF) gewesen sei. Dort hat er eine Lizenz zur Waffenherstellung beantragt und die Mitarbeiter haben ihm versichert, dass er nicht gegen Bundesgesetze verstoße. "Ich dachte, dass die Behörden Probleme machen und mich die Hersteller in Ruhe lassen. Es war aber genau umgekehrt." Inzwischen stellt sogar eine Firma ihre 3-D-Drucker zur Verfügung, damit "Defence Distributed" die Pistolen- Prototypen herstellen kann.

Wilsons Kampagne für die Pistole aus der "open source", der "offenen Quelle", Software, die jeder kopieren darf, fällt in eine Zeit, in der die USA so erbittert wie lange nicht über Waffenbesitz und dessen Grenzen streiten. Nach etlichen Massakern wollte Präsident Barack Obama das Waffenrecht reformieren. Doch scheiterte im Senat jüngst sogar ein harmloser Gesetzentwurf: Demnach hätten Waffenkäufer nur beweisen müssen, dass sie nicht vorbestraft oder geistig krank sind. Schon diese Idee nannte die Waffenlobby einen Anschlag auf die Verfassung.

Waffenbesitzer im ganzen Land hatten in den Monaten nach dem Schulmassaker in Newtown befürchtet, der Staat könne ihnen ihre Waffen wegnehmen oder bestimmte Waffen verbieten. Cody Wilson sieht sein Projekt als Beitrag dazu, dass der Staat nie mehr die Herstellung, den Vertrieb oder den Besitz von Waffen wird eindämmen können. Die Baupläne, die nun jeder herunterladen kann, hat Wilson trotzig "Feinstein" und "Cuomo" getauft. So heißen zwei liberale Politiker, die strengere Gesetze verlangen. "Man wird die Pistole nie mehr vom Erdboden verschwinden lassen können", sagte Wilson auf der Couch des rechten Moderators Glenn Beck. Dieser Beck ist ein erzkonservativer Verfechter des Rechts auf Waffen. Aber das Projekt Wilsons bereitete ihm Unbehagen.

"Held oder Schurke?", fragte Beck.

"Gute Frage", sagte Wilson.

"Was sind Sie aus Ihrer Sicht?"

"Ich leiste nur Widerstand."

"Aber was ist Ihr Motiv?"

"Ich glaube nicht an Obama gegen Romney. Ich mache echte Politik. Ich gebe Ihnen ein Magazin und sage, dass Ihnen das nie einer wegnehmen kann. Das ist eine Tatsache. Das ist Geschichte. Das ist radikale Gleichheit. Daran glaube ich."

Am Ende war sich Beck nicht sicher, ob er Wilson einen Freund oder Gegner nennen sollte. Beck liebt die Freiheit. Aber er fürchtet auch die Anarchie.

Das Technik-Magazin Wired hat Wilson im Dezember zu den 15 gefährlichsten Menschen der Welt gezählt, zusammen mit Baschar al-Assad, dem syrischen Präsidenten, in dessen Kampf gegen die Aufständischen mehr als 70.000 Menschen gestorben sind. "Wie soll man Waffen noch kontrollieren, wenn sich jeder selbst eine ausdrucken kann?", fragte die Zeitschrift. Manche Experten glauben aber, dass Wilson nur eine Entwicklung beschleunigt habe, die es auch ohne ihn gegeben hätte.

Die Vorstellung, dass in nicht zu ferner Zukunft der erste Mensch mit einer Plastikpistole erschossen werden könnte, scheint Wilson nicht zu beunruhigen. Wie viele Internetpioniere sieht er sich als Vertreter einer neuen Zeit, während die Bedenkenträger für ihn von gestern sind - Vize-Präsident Joe Biden etwa, der für strenge Waffengesetze kämpft. "Joe Biden", sagt Wilson in einem Film, der ihn beim Schießen zeigt, "dies ist kein Land für alte Männer".