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Streamingdienst Deezer:Mit brasilianischen Labels gegen Spotify und Apple

Deezer SA Chief Executive Officer Hans-Holger Albrecht Interview

Hans-Holger Albrecht ist seit 2015 Chef des französischen Streamingdienstes Deezer.

(Foto: Simon Dawson/Bloomberg)

Der französische Streamingdienst Deezer ist derzeit die Nummer Vier hinter Spotify, Apple und Amazon. Um das zu ändern, setzt der deutsche Unternehmenschef Hans-Holger Albrecht auf lokale Angebote - und zielt auf etwas ältere Nutzer.

Mit Walzen aus Metall oder Wachs fing im 19. Jahrhundert alles an. Wie man Töne aufzeichnet und wiedergibt, hat sich seither mehrmals gewandelt. Den größten Schritt, aber auch die größte Veränderung, hat die Digitalisierung gebracht. Nicht nur änderte sich die Technik, mit der Aufnahme und Wiedergabe funktionierten, fundamental. Auch das Geschäft mit Tonaufnahmen, vor allem mit Musik, wurde in einen radikalen Wandel hineinkatapultiert. Erstmals war es damit möglich, verlustfreie Kopien von Musikaufnahmen herzustellen. Eine Aufnahme ist seither nichts anderes als eine Datei - eine Abfolge von Nullen und Einsen.

Als es immer schnellere Internetverbindungen und Standards wie MP3 oder AAC dann auch noch möglich machten, Musikdateien platzsparend zu speichern und somit problemlos übers Internet zu schicken, brach endgültig ein neues Zeitalter an. Apple-Chef Tim Cook überzeugte die Bosse der großen Labels, Musikstücke zum Herunterladen für je 99 Cent abzugeben, doch auch das währte nur einige Jahre. Die bisher jüngste Entwicklung nennt sich Streaming - weil die Musikdateien als Strom von Daten auf Abspielgeräte fließen und dort in der Regel nicht gespeichert werden.

Gemessen daran, wie viel über die Streaming-Marktführer Spotify, Apple und Amazon gesprochen und geschrieben wird, könnte man denken, der Trend habe sich bereits auf breiter Front durchgesetzt. Doch das stimmt keineswegs, wie Hans-Holger Albrecht sagt. Der Deutsche ist Chef des französischen Streaming-Dienstes Deezer, der Nummer vier auf dem Markt. Zwar sind zum Beispiel in Deutschland die Umsätze mit digital gespeicherter Musik bereits deutlich größer als die mit physischen Tonträgern (56,7 zu 43,3 Prozent), aber erst zwölf Prozent der Menschen zahlen für Streaming, sagt Albrecht, "in Brasilien sind es sogar noch vier Prozent."

Da verwundert es kaum, dass Streaming noch kein profitables Geschäft ist. "Wir investieren noch", sagt Albrecht, "wir sind noch am Anfang einer Kurve." Das meiste Geld fließt in Marketing, natürlich mit dem Ziel, neue zahlende Kunden zu gewinnen. Während sich die Dienste anfänglich glichen wie ein Ei dem anderen, bildeten sich nun allmählich Differenzierungen heraus. Spotify, sagt Albrecht, wende sich vor allem an die jüngere Kundschaft und versuche, die Nutzer mit seiner Playlisten-Funktion an sich zu binden.

Algorithmen werten die Daten aus

Deezer dagegen setzt auf eine Funktion namens "Flow", die versucht, den Nutzern die Musik anzubieten, die sie vermutlich gerade hören wollen. Dazu lässt das Unternehmen Algorithmen über die Daten laufen, die die Nutzer bereits produziert haben - einfach, in dem sie den Dienst verwendet haben. Das Programm richtet sich insgesamt eher an ältere Nutzer. Vor allem aber versucht Deezer, auf lokalen Märkten Fuß zu fassen. Während andere Dienste im Wesentlichen überall das gleiche Angebot präsentieren, geht Deezer zum Beispiel auf die Hörgewohnheiten von Nutzern im arabischen Raum ein und schließt Kooperationen mit lokalen Labels. In Brasilien ist Deezer mit dieser Strategie bereits zur Nummer zwei aufgestiegen.

Überhaupt gehe es der Firma trotz der Konkurrenz des early movers Spotify und finanzstarker Konkurrenz wie Apple und Amazon "überraschend gut", sagt Albrecht. 14 Millionen zahlende Nutzer hat Deezer mittlerweile. Von Investoren hat man 160 Millionen Euro eingesammelt, um das weitere Wachstum zu befeuern. Der Umsatz stieg im vorigen Geschäftsjahr um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Das war allerdings nicht immer so. "Vor drei Jahren war es schlimm", sagt Albrecht. Damals habe die Firma noch zu fast drei Vierteln auf Kooperationen mit Telekommunikationsanbietern gesetzt, die Deezer-Abos als Option in ihren Verträgen anboten. Mittlerweile hat sich dieses Verhältnis umgekehrt, nun hat Deezer knapp drei Viertel der Kunden direkt. Das spült mehr Geld in die Kassen, weil Deezer die Erlöse nicht mehr mit den Telekom-Anbietern teilen muss.

Allen Streaming-Anbietern kommt auch zugute, dass sie inzwischen weniger Prozente an die Labels abgeben müssen. Früher zahlten sie dabei sogar 120 Prozent des Verkaufserlöses, jetzt sind es noch 60 Prozent, sagt Albrecht. Der Grund ist ein einfacher: Die Labels verdienen in der beginnenden Streaming-Ära so gut wie noch nie zuvor. Während die Branche früher kaum über 20 Milliarden Dollar Umsatz hinausgekommen sei, sei man jetzt auf dem Weg zu 70 Milliarden Dollar.

53 Millionen Stücke im Angebot

Die Künstler haben davon allerdings nicht viel, wenn sie nicht gerade zu den besonders angesagten Pop-Musikern zählen. Denn die Labels zahlten immer noch so wie früher. "Das ist unfair."

53 Millionen Stücke hat Deezer mittlerweile im Angebot, aber, sagt Albrecht, "am wichtigsten ist die erste Million, die macht am meisten aus." An der Masse wird sich also der Kampf der Plattformen nicht entscheiden. Sind es dann vielleicht Dinge wie die Steuerung durch gesprochene Kommandos wie bei den Anbietern Amazon oder Apple?

Für Albrecht ist jedenfalls klar: "Aus den Kämpfen in den USA halten wir uns raus." Auch in China sieht der Deezer-Chef keine Chancen, da es wegen der Lizenzen dort viel zu schwierig sei, Fuß zu fassen. Der Markt, glaubt er, werde aber noch länger in Bewegung sein. Es gebe also Chancen, Anteile zu ergattern.

Um vorne dabei zu bleiben, müsse man aber sehr innovativ sein, sagt Albrecht, zum Beispiel, um die Integration in neue Hardware wie etwa Fitness-Armbänder oder vernetzte Lautsprecher schnell bereitzustellen oder die Apps ständig aktuell zu halten. Um gegen die Großen zu bestehen, hofft und setzt Deezer auf lokale Inhalte. "Das ist unsere Chance", sagt er. In arabischsprachigen Ländern zeitigt diese Strategie bereits Erfolge, ebenso in Brasilien. Es könnte also sein, dass es funktioniert. Google ist schließlich in China nicht nur aus politischen Gründen gescheitert, sondern auch deshalb, weil die einheimischen Konkurrenten ihre Angebote besser an die Gewohnheiten und Bedürfnisse der Chinesen angepasst hatten.

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