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Debatte zur Digitalisierung:Die Schattenseite der neuen Volksnähe

"Tue Gutes und rede darüber" - lautet das älteste Erfolgsmantra der PR-Branche. Und genau diese Devise scheint die Politik für das Social Web zu begeistern. Oberflächlich betrachtet. Das millionenfache Twittern, Liken, Posten und der obsessive Umgang der Amerikaner mit Social-Media-Daten zu Wahlzwecken hat viele Politiker auch skeptisch gegenüber den Praktiken der "Politik 2.0" gemacht, denn: Vergessen werden darf trotz der Euphorie über den kollektiven Diskursrausch nicht, dass die immer schnellere Kommunikation unberechenbare Dynamiken in unserem demokratischen Staatsgefüge freisetzt, die die Hygiene der Debattenkultur ernsthaft beschädigen könnten.

Und das ist die Schattenseite der neuen Volksnähe: Dass der digitale Sofortismus den Akteuren aus Politik und Medien ein hohes Maß an Selbstdisziplin abverlangt, nicht jedes sozialpolitische Thema für seine Follower auf 140 Zeichen einzukürzen, nicht jedes Wahlkampftour-Foto vom Bratwurststand an seine politischen Freunde zu posten - und sei die Versuchung, sich ständig mitzuteilen, noch so groß.

Auch verstärken gerade Netzdebatten, die über einen längeren Zeitraum laufen, den Eindruck, als ginge es den Kommentatoren nicht um den konstruktiven Dialog. Im Gegenteil verlaufen manche Diskussionen oft spitzfindig, destruktiv und blutleer. Die Auseinandersetzungen reichen vom verbalen Scharmützel über ausgewachsene Verschwörungstheorien bis hin zum digitalen Lärm, in dem triftige Argumente selbst mit der Lupe schwer zu finden sind.

Syrien, Israel, Gleichstellung oder Homo-Ehe: Beispiele für solche Reizthemen, die mitunter unsachliche Reaktionen auslösen und eine echte Debatte vermissen lassen, gibt es viele - davon singen selbst erfahrene, experimentierfreudige Online-Redaktionen ein Lied. Ob Spiegel Online, Zeit Online, tagesschau.de, Rhein-Zeitung.de, Freitag.de oder Süddeutsche.de - es gibt wohl kaum ein seriöses jour­nalistisches Online-Angebot in Deutschland, bei dem emotionale User-Debatten nicht schon einmal die Justiziariate beschäftigt hätten.

Ist der Preis der Authentizität zu hoch?

Angesichts solcher Verwerfungen bleibt fraglich, ob das Meinungsgeschwader im Social Web nicht langfristig einen Substitutionseffekt auf den Journalismus haben wird und vor allem: Welche Folgen das für die Nachhaltigkeit der politischen Öffentlichkeit hat, wenn sich alles Gesagte und Getane in der Politik über soziale Netzwerke ungefiltert seinen Weg zum Wähler bahnt. Es ist zu fragen, ob der Preis der Authentizität, die ja durch den Direktkontakt zum Wähler über Twitter, Facebook & Co. enorm erhöht wird, nicht zu hoch ist - wenn Politik weiter radikal beschleunigt wird.

Offen bleibt auch, ob die Verlagerung des dialogischen Moments in letzter Konsequenz eine Aushöhlung der politischen Debatte bedeutet, wenn diese fortan ohne ritualisierte Abläufe und stabile Gefäße verhandelt wird. Dass die ständige Verfügbarkeit Politiker zu Getriebenen machen, wird vielleicht als Kollateralschaden hingenommen. Aber welche Tragweite die "Hektik der Jetzt-Politik" (Franz Müntefering) für unser grundlegendes Demokratieverständnis hat, ist bei Weitem noch nicht absehbar.

Pathologien der digitalisierten Medienwelt

Ungeachtet der Attraktivität sozialer Medien für die Politik sind deshalb die Pathologien unserer digitalisierten Medienwelt von Belang. Sie bestehen auch darin, dass sich Debattanten im Netz selten mit echtem Namen ausweisen, sondern den Nebel der Anonymität nutzen, um zu beleidigen, zu denunzieren oder sogar zu drohen. Dort, in der herrschaftslosen Zone, wird die kollektive Verunglimpfung immer populärer - die gierige Suche nach menschlichen Verfehlungen unserer Volksvertreter, die einzig und allein dem Zwecke dient, die "schwarzen Schafe" unter den Abgeordneten in einem "Shitstorm" an den Online-Pranger zu stellen.

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