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Debatte zur Digitalisierung:Wie die Zivilgesellschaft künftig diskutiert

Vernetzte Welt

Die Welt ist vernetzt, doch Diskursregeln für das Online-Zeitalter bilden sich gerade erst heraus.

(Foto: iStockphoto)

Befördern die digitalen Plattformen unsere politische Debattenkultur? Oder hemmen sie diese? Welchen Einfluss haben die Empörungswellen in der digitalen Sphäre auf den politischen Betrieb? Kann die Politik auf die sozialen Netzwerke überhaupt noch verzichten? Ein Diskussionsbeitrag zum Auftakt der Artikelreihe "Digitales Morgen" von Süddeutsche.de und Vocer.

Als John Stuart Mill vor 200 Jahren seine berühmte London Debating Society gründete, hätte er sich wohl nicht träumen lassen, wie soziale Netzwerke einmal die politische Öffentlichkeit prägen. Der Nationalökonom und Sozialreformer, der bis heute als einer der einflussreichsten Verfechter des politischen Liberalismus gilt, hatte den Londoner Debattierclub ins Leben gerufen, um sich für die Einführung einer "reinen Demokratie" einzusetzen.

Mill hätte sicher seine Freude daran gehabt zu sehen, wie seine Visionen von einer direkten, die Bürger unmittelbar einbeziehenden Staatsform zu Beginn des dritten Jahrtausends greifbar geworden sind - zumindest in Ansätzen.

Die rhetorischen Figuren des Debattierens sind dabei, sich zunehmend der digitalen Moderne anzuverwandeln: Dem ökonomischen "Long Tail"-Prinzip, also der Idee einer digitalen "Vernischung" folgend, ist eine wachsende Diversität unserer Debattenkultur zu beobachten, aber auch ein deutlicher Zugewinn an Partizipationsmöglichkeiten.

Die kommunikativen Wertschöpfungsketten werden durch die digitalen Verästelungen nicht nur aufgebrochen, sondern zugleich filigraner. Verglichen mit der gehobenen Streitkultur von einst, die sich an strengen Sprachregeln und Ritualen orientierte, erscheint die digitalen Debattenära weniger elitär und nicht so stark intellektuell aufgeladen: Das Netz hat gerade die politische Debatte nivelliert und sie - ganz im Sinne John Stuart Mills - ins Herz der Zivilgesellschaft zurückgeführt.

Neue Serie
Digitales Morgen
Digitales Morgen

Die Digitalisierung verändert unser Leben - wie, zeigt die neue, zwölfteilige Artikelserie Digitales Morgen von Süddeutsche.de und VOCER. Diskutieren Sie auf der Google-Plus-Seite mit uns über die Thesen unserer Autoren...

Zum Start debattieren wir über die neue deutsche Debattenkultur: mit Süddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger und Medienforscher Jan-Hinrik Schmidt - an diesem Freitag, 19 Uhr, in der MHMK Macromedia Hochschule, Gertrudenstr. 3 in Hamburg. Anmeldung unter redaktion@vocer.org. Die Veranstaltung ist Auftakt unserer Veranstaltungsreihe sz.de/unterwegs.

Die Debattenkultur entscheidet

Der demokratische Streit ist nicht mehr als hohe Kunst zu verstehen, der nur eine gebildete Oberschicht nachgeht. Sie ist zum Kernelement partizipativer Selbstbestimmung herangereift, die weder publizistische Zugangsbarrieren noch geistige Hürden kennt: Schnell, unkompliziert, direkt und mitunter schmutzig steht sie den Bürgern näher als je zuvor.

Mit der Frage, wie tiefgreifend das Internet den zivilgesellschaftlichen Diskurs und damit den Grad der politischen Mitbestimmung stimuliert, sind Gelehrte, Sachverständige und Politiker aller Parteien schon seit geraumer Zeit befasst. Die 34-köpfige Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft" hat etwa mit einem Dutzend Projektgruppen nach knapp drei Jahren Amtszeit und 179 Arbeitssitzungen dickleibige Bestandsaufnahmen für den Deutschen Bundestag ausgefertigt. Sie hat darin auch prognostische Handlungsempfehlungen dazu verfasst, wie die "Herausforderungen der digitalen Gesellschaft gemeistert" und wie "ihre Chancen am besten genutzt" werden.

Es geht den Kommissionsmitgliedern, wie auf ihrer Website nachzulesen ist, um eine Verortung offenkundiger Schlagworte, Konzepte und Perspektiven der digitalen Moderne - wie Medienkompetenz, Datenschutz, Bürgerbeteiligung, Urheberrecht und Verbraucherschutz, aber ganz allgemein auch um die Zukunftsaussichten von Bildung und Forschung, Wirtschaft und Arbeit, Staat und Demokratie.

Über den Autor
Das ist Stephan Weichert

Dr.Stephan Weichert ist seit 2008 Professor für Journalistik und stellv. Studiengangleiter am Campus Hamburg der MHMK. Der Mediensoziologe und Kommunikationswissenschaftler erforscht seit vielen Jahren den digitalen Strukturwandel der politischen Öffentlichkeit im In- und Ausland. Weichert entwickelt Strategiekonzepte für Medienunternehmen und den öffentlichen Sektor. Er hat mehrere Zeitschriftentitel und Online-Magazine gegründet, unter anderem das Medienmagazin Cover und die Internet-Plattform VOCER.

Weniger offenkundig an den Kommissionsberichten erscheint, dass die präsentierten Lösungsansätze immer auch vom Modus unserer Debattenkultur abhängen. Anders gesagt: Die Richtungen, die unsere "digitale Gesellschaft" in den nächsten Jahren einschlagen oder nicht einschlagen wird, sind vor allem davon abhängig, wie wir über gesellschaftliche Themen diskutieren und über politische Inhalte streiten.

Hypermordernes Verteilsystem für Argumente

Die Idee, dass soziale Netzwerke die politischen Nischen erobern und ihre Anliegen direkter zum Wähler liefern, klingt da äußerst charmant. Das soziale Netz könnte das hypermoderne Verteilsystem für politische Argumente bilden, das der für viele Bürger inzwischen opake Politikbetrieb so dringend braucht.

Es könnte die spezifischen Programme und unterschiedlichen Positionen der politischen Parteien zu größeren und kleineren Debattenthemen wie Elterngeld, Mindestlohn, Tempolimit, Energiewende oder Studiengebühren dort platzieren, wo das für diese Botschaften sensible Publikum sitzt. Und es könnte sich, gewissermaßen im Geiste der "Direktdemokratie" Mills, zum glaubwürdigen Instrument der Mobilisierung seiner Mitstreiter entwickeln: in Bezug auf Petitionen, die Übertragung von Wahlkampfveranstaltungen mit Abstimmungsrechten oder virtuelle Parteiversammlungen.