Debatte zur Digitalisierung Graben zwischen physischer und digitaler Welt

Die erste Herausforderung dieser Zeit ist nun, den digitalen Raum als den zentralen Ort unserer gesellschaftlichen Kommunikation zu akzeptieren. Und während ein Teil der Gesellschaft schon nach den neuen Regeln spielt, kämpft der andere noch mit dem vermeintlichen Graben zwischen physischer und digitaler Welt. Erst wenn diese beiden Ebenen nicht mehr als Gegensatz, sondern als verzahnte Bereiche unseres Lebens wahrgenommen werden, können wir uns den wirklichen Herausforderungen der Digitalisierung unserer Besitztümer stellen.

Große gesellschaftliche und politische Theorien der Vergangenheit haben sich mit der Rolle des Eigentums beschäftigt. Mal als Ordnung schaffendes Element, mal als Verhinderer einer gerechten Welt. Aber was passiert eigentlich mit einer Gesellschaft, die sich vom physischen Eigentum verabschiedet?

Denn es sind vor allem boomende Angebote wie der Musikdienst Spotify oder die Filmplattform Watchever, die den Gedanken einer digitalisierten Medienwelt konsequent weiterentwickelt haben. Sie setzen dem Primat des Eigentums die Idee des temporären Konsums entgegen: Solange man zahlt, hat man Zugriff auf Film-Bibliotheken und Musiksammlungen, die man in dieser Größe niemals selbst erwerben könnte. Sie lösen damit ein altes Versprechen der Digitalisierung ein. Nämlich, dass eine digitale Welt die Möglichkeiten des Konsums erweitern kann.

Auf dem Weg in eine Gesellschaft der geteilten Güter

Doch wie verändert sich unser Verhältnis zum Eigentum, wenn alles in der Cloud liegt, wenn uns nichts mehr gehört, sondern nur auf Zeit ausgeliehen wird? Auf jeden Fall ist das wunderbar komfortabel, macht uns flexibel. Und vielleicht gelangen wir so zu einer Gesellschaft, in der Besitztumsdenken und Neid auf die Mitmenschen von einer Demokratisierung des Zugriffs abgelöst wird. Im schlimmsten Szenario landen wir in einer Falle.

Wir sind auf dem Weg in eine Gesellschaft der geteilten Güter. Doch so gerne Dienste wie Spotify, Watchever oder auch - mit einer nicht digitalen Variante - Carsharing-Angebote sich auch unter dem idealistisch klingenden Label Shareconomy präsentieren, sind sie nicht Folge einer gesellschaftlichen Idee. Sie surfen lediglich die Welle einer sozialen Strömung, die das Teilen von Eigentum als Gegenentwurf einer Überflussgesellschaft definiert. Sie sind Geschäftsmodelle für Industrien, die in Reaktion auf die Digitalisierung nach neuen Möglichkeiten suchen, ihre Waren unter das Volk zu bringen. Zugang, das bedeutet hier Zugang gegen Geld, was nicht weiter verwerflich ist.

Hoheit über unser Eigentum?

Doch wenn wir unseren Anspruch auf Eigentum aufgeben, geraten wir in die Abhängigkeit zu den Anbietern und ihren Geschäftsbedingungen. Wenn dominierende Firmen wie Apple, Google oder Amazon ihre Ökosysteme geschlossen halten, wenn sie den Besitzanspruch an die dort erworbenen oder geliehenen digitalen Produkte an einen Account binden, übertragen wir ihnen die Hoheit über unser Eigentum. Das könnte uns im Endeffekt nicht freier, sondern im Gegenteil sogar unfreier machen.

Der Weg in die digitalisierte Gesellschaft hält viele Stolpersteine für uns bereit. Doch wir als Konsumenten können entscheiden, wie wir damit umgehen wollen.

Die Digitalisierung verändert unser Leben - wie, zeigt die neue, zwölfteilige Artikelserie Digitales Morgen von Süddeutsche.de und VOCER. Diskutieren Sie auf der Google-Plus-Seite mit uns über die Thesen unserer Autoren. Was muss der Laden der Zukunft haben, damit wir noch von der Couch aufstehen und dort einkaufen?