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Google Street View:245.000 Widersprüche: Paranoia oder gelebtes Grundrecht?

Ist es richtig, sich Google Street View zu verweigern? Ja, sagt unser Autor Christopher Schrader: Der Widerspruch ist ein gelebtes Grundrecht. Nein, entgegnet Bernd Graff: Die Verweigerung zeugt von einer irrationalen Angst.

Fast 245.000 Deutsche aus den größten 20 Städten möchten ihr Haus nicht bei Google Street View sehen. Mit gutem Grund? Unsere Autoren diskutieren.

Teaser Google Street View Good&Bad

Gutes Street View, böses Street View: Ist die Verweigerung der Deutschen berechtigt? Nein, sagt unser Autor Bernd Graff.

Bernd Graff: 245.000 Mal deutsche Paranoia

Die spinnen, die Deutschen! 245.000 Einsprüche sind von unseren Landsmännern und -frauen gegen Google Street View eingegangen, um ihre Häuser und Fassaden nicht für das Fotokartenprojekt des US-Giganten fotografieren zu lassen.

Bereits vorhandene Bilder der Behausungen müssen nun gelöscht werden. Tenor der Einwände: Die Abbildung von Außenfassaden verletze die Privatsphäre der Bewohner und leiste möglicherweise Einbrechern das Ausspähen der Nachbarschaft Vorschub. Gottchen! Wir Deutsche sind aber auch auf dem Kiwief!

Die Frage ist nur, welche generelle Paranoia, welches grundwinterliche Misstrauen gegen alles und jeden schürt solche Ängste?

Die Menschen haben Gardinen und Steine und Bäume und Hecken vor ihr fragiles Leben gebaut, gepflanzt, gesetzt. Jetzt soll man diese Festungen nicht im Internet sehen dürfen. Weil die Gardinen meine sind und niemandem zu Augen kommen dürfen? Jeder Fußgänger sieht sie. Was tut der Staat dagegen?

Natürlich sind im Internet gespeicherte Daten etwas anderes als die Blicke Einzelner. Weil niemand absehen kann, was aus den Daten wird, wer sie erhält, einsieht, wer sie sich, in sagen wir 50 Jahren, noch einmal vornimmt. Dennoch: Es handelt sich nicht um die erkennungsdienstliche Behandlung von Personen, es handelt sich um Fassadenbilder.

Und die Viertelmillion Mitbürger, die jetzt Einspruch gegen Google erhoben haben, sind längst in ihren persönlichen Daten digital erfasst. Ob als Bürger dieses schönen Landes oder freiwillig als Payback-Kunden oder Facebook-Nutzer.

Woher kommt die Angst?

Wovor nur hat also diese Viertelmillion Angst? Dass Google ein Unternehmen ist, das Geld verdient, sich die Straße quasi per Abbild zu eigen und verfügbar macht? Dass die Bilder weltweit abrufbar sind? Am Grund der Paranoia, der hysterischen Sorge dieser Viertelmillion finden sich nur wenige ernstzunehmenden Gründe.

In anderen europäischen Nationen ist man weniger argwöhnisch. Und? Haben die es nicht auch recht manierlich ins 21. Jahrhundert geschafft? Die German Angst, wahrlich, sie treibt skurrile Blüten. Denn, ich versteige mich mal zu einer Prognose: Nicht wenige der Google-Street-View-Verweigerer werden Google Street View selber nutzen, um vor der nächsten Wohnungsbesichtigung schon mal die Nachbarschaft digital zu erkunden oder den Urlaubsort zu beäugen, in den sie reisen möchten.

Und? Wird das dann auch als Verletzung der derart Beäugten begriffen, nur jetzt von einem Google-Street-View-selbst-Verweigerer? Wer Gardinen in seine Fenster hängt, dokumentiert nicht nur, dass man ihm nicht in die Innenräume schauen soll. Er verhindert, dass man ihm in die Innenräume schaut.

Wenn Google also gardinenverhangene Fassaden fotografiert, dann fotografiert Google diese Verhinderung, nicht die Innenräume. Oder glaubt man auf Seiten der Verweigerer an Magie und Übersinnliches, das aus den Kamerawagen des Konzerns kommt?

Drei Prozent der Haushalte in den betroffenen Städten haben nun ihr Veto eingelegt: Umfragen hatten sogar prognostiziert, dass 52 Prozent der Deutschen gegen die Abbildung ihrer Wohnung oder ihres Hauses in Street View sein werden.

Universaler Bedrohungs-Mythos

Wie soll man die Zahlen werten? Google freut sich, dass es doch weniger sind als prognostiziert waren. Man kann aber auch darüber komplett erschüttert sein, dass erstens Umfragen eine Hälfte der Deutschen in vorauseilender Angst ermittelt und dass es zweitens tatsächlich eine Viertelmillion sind, die sich bereits in Schaden genommen wähnen, wenn nicht sie selber, sondern ihr Hab und Gut digital fotografiert werden. Das, diese unübersehbare Menge an Angstträgern, ist beängstigend an der Deutschen Angst.

"Seelenfänger" wurden Kameras einst genannt, weil Menschen tatsächlich fürchteten, dass mit einem fotografischen Abbild ihre Seele geraubt werde.

Das waren Indianer, Ureinwohner, unbedingt achtungswürdige Menschen alter Kulturkreise, die nicht im 21. Jahrhundert unserer Hemisphäre lebten. Eine Viertelmillion Deutsche muss den universalen Bedrohungs-Mythos, das unaufgeklärte Empfinden dieser Altvorderen für ihre Wirklichkeit halten.

Davor kann man sich noch mehr fürchten als vor Google Street View.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, warum es durchaus gute Gründe gibt, Einspruch gegen Google Street View einzulegen.

Google Street View: Ist ein Widerspruch zeitgemäß? Unsere Autoren diskutieren.

Teaser Google Street View Good&Bad

Google muss nicht alles wissen: Die Weigerung, sein Haus auf Street View zu zeigen, gehört zu unseren Grundrechten, schreibt Christopher Schrader.

(Foto: cydonna / photocase.com / Grafik: sueddeutsche.de, Helldobler)

Christopher Schrader: Das Grundrecht der Verweigerung

Ich oute mich: Ich bin einer der 244.237 Menschen, die ihr Haus nicht bei Googles Street View im Internet sehen wollen. Von meinen Kollegen bin ich deswegen schon als Spießer verspottet worden.

Vielleicht stimmt das. Ich gehöre zu der Generation von Menschen, die das Volkszählungsurteil des Bundesverfassungsgerichtes 1983 als volljähriger, wahlberechtigter Bürger erlebt hat.

Das Gericht hatte darin ein neues Grundrecht definiert, das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. Jeder soll selbst darüber bestimmen dürfen, wer welche Daten über ihn hat. Angesichts dessen bin ich oft sprachlos, wie unbekümmert viele Menschen persönliche Informationen preisgeben: Sie lassen sich ihr Grundrecht für kleine Vorteile oder reine Bequemlichkeit abkaufen und haben dann keine Kontrolle mehr, wie und an wen ihre Daten weitergereicht werden.

Das ist der Kern meiner Verweigerung: Ich möchte nicht, dass Bilder meines Hauses im Internet kursieren (es ist übrigens eine spießige Doppelhaushälfte am Rande Münchens). Gewiss, meine Adresse ist leicht herauszufinden und jedermann kann persönlich in meine Straße kommen und mein Haus ansehen.

Auch die im Zusammenhang mit Street View oft genannten Diebe, die den Zaun oder vielleicht die Qualität der Fenster ausspähen. Aber dazu müssen sie sich bewegen und es gibt es ein gewisses Maß an sozialer Kontrolle. Wenn ein Fremder vor dem Haus herumlungert, fällt er vielleicht einem Nachbarn auf.

Wenn der Fremde das Haus im Internet studiert, bleibt er vollkommen anonym. Das gilt im Übrigen auch für viele andere Menschen, an die bisher keiner denkt: Erkundige ich mich zum Beispiel nach einem Ratenkredit oder einem neuen Handytarif, ruft sich dann der Gesprächspartner im Callcenter in Zukunft ein Bild meines Hauses auf, um ein weiteres Indiz für meine Kreditwürdigkeit zu bekommen?

Welches Interesse besteht an meinem Haus?

Mir fällt partout kein legitimes Interesse ein, das jemand daran haben könnte, mein Haus im Internet zu sehen. Ich will ja gar nicht so primitiv argumentieren, zu sagen, dass ich keinen Vorteil davon habe, wenn mein Haus in Internet steht. Schon klar, Street View ist ein auf Gegenseitigkeit angelegter Dienst.

Ich nutze ihn selbst, um zum Beispiel beim Buchen eines Hotels in New York das Gebäude und die Umgebung anzuschauen. Aber in meiner Gegend gibt es keine solchen kommerziellen Anbieter irgendwelcher Dienste, da gibt es nur Wohnhäuser. Keiner meiner Nachbarn betreibt eine Pension oder bietet irgendeinen Service an, bei dem seine Kunden wichtigen Informationen aus der Lage des Geschäfts ableiten müssten.

Das gilt sicherlich für sehr viele Menschen in Deutschland. Gemessen daran finde ich, dass die 244.237 Widersprüche - das seien irgendwelche nur 2,89 Prozent aller Haushalte, rechnet Google fröhlich vor - ziemlich wenig sind.

© sueddeutsche.de/joku
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