Debatte um illegale Downlads Gangster in Hollywood

Warum illegale Downloader nicht das Problem sind: Raubkopien als lukrative Geldquelle für Terroristen und Menschenhändler.

Von Andrian Kreye

Am vergangenen Donnerstag wurde die 32-jährige Angestellte Jammie Thomas-Rasset von einem Schwurgericht in Minnesota zu Schadenersatzzahlungen in Höhe von 1,92 Millionen Dollar verurteilt, weil sie über die Internettauschbörse Kazaa illegal 24 Songs verbreitet hatte.

Bruce Willis und Billy Bob Thornton in "Banditen": Einen Großteil ihrer Gewinne machen Verbrecherbanden mit dem Verkauf illegaler DVDs von Hollywoodfilmen.

(Foto: Foto: dpa)

Die alleinstehende Mutter, die für die Gemeindeverwaltung eines kleinen Stammes der Chippewa arbeitet, wird diese Summe nie bezahlen können. Das Urteil hat vor allem symbolisches Gewicht, denn die Justiz hat damit den Wert eines illegal weiterverbreiteten Songs auf 80.000 Dollar festgelegt. Das Urteil zeigt aber auch, dass die Debatte um die Urheberrechte weiterhin in die falsche Richtung läuft.

Die eigentliche Gefahr sind keineswegs die illegalen Downloader, sondern die Raubkopierer, die Filme und Musik ganz handfest auf DVDs und CDs in Umlauf bringen. Das illustriert eine andere symbolische Anekdote: Es war auf einer Taxifahrt von Brooklyn zum New Yorker Times Square.

Weil man in den Außenbezirken selten reguläre Taxis findet, war es eine Fahrt mit einem der halboffiziellen Livery Cabs, meist Limousinen älteren Baujahres, welche die Fahrer mit allerlei Kitsch und Chrom dekorieren. An diesem Abend konnte der mexikanische Fahrer mit einer DVD-Anlage auftrumpfen, die in den amerikanischen Ghettos als ultimatives Statussymbol gilt.

Auf den drei Bildschirmen lief Peter Jacksons Neuverfilmung von "King Kong". Das war erstaunlich, denn die Fahrt ging an diesem Abend ins Kino, und zwar zur Weltpremiere von "King Kong". Zu diesem Zeitpunkt hatten nicht einmal die Hauptdarsteller den Film gesehen. Der Fahrer erzählte freimütig, dass er den Film unten am East Broadway erstanden hatte, in jenem Teil von Chinatown, in den sich die Touristen nur selten verirren. Da gäbe es einen Laden, in dem er die neuen Filme vor dem jeweiligen Kinostart bekomme.

Geldquelle für Terroristen

Wer hinter diesem Laden steckte, war an diesem Abend nur zu erahnen. Vor wenigen Wochen aber tauchte das unscheinbare chinesische Geschäft in einem Bericht des Beratungs- und Forschungsinstitutes Rand Corporation auf: Die Yi Ging Gang hatte den Laden betrieben.

Wenige Wochen zuvor hatte die Staatsanwaltschaft den Kopf der Gruppe Gen Cheng und 22 seiner Gangster festnehmen lassen. Die Yi Ging Gangster hatten dafür, dass sie nur eine der kleineren Banden der Stadt bildeten, ein umfangreiches Portfolio illegaler Aktivitäten vorzuweisen. Sie unterhielten illegale Spielhöllen, verkauften Drogen, betrieben Geldwäsche und waren dafür bekannt, Spiel- und andere Schulden mit brutaler Gewalt einzutreiben.

Einen Großteil ihrer Gewinne machte die Gang aber mit dem Verkauf illegaler DVDs und CDs. Mitglieder der Gang flogen regelmäßig nach China, wo sie die neuesten Raubkopien amerikanischer und chinesischer Filme und Hits kauften, die sie dann in New York vervielfältigten. Die Yi Ging Gang war Teil eines internationalen Netzwerkes, das eng mit der globalen Unterwelt der Triaden verknüpft ist. Da spielt es eben auch keine Rolle, wenn Gangster verhaftet werden. Nachfolger schließen die Lücke sofort. Und so bekommt man auf den Straßen von New York heute noch die großen Hollywoodfilme schon vor ihrem Kinostart.

Auch im Internet tauchen diese Raubkopien oft vor dem Kinostart auf. Die Quelle allerdings sind die Netzwerke des organisierten Verbrechens. Denn um an die Kopiervorlagen zu kommen, braucht man Geld. Viel Geld, um Angestellte von Plattenfirmen, Filmstudios und Kopierwerken zu bestechen.

Die Rand-Studie ist keine unabhängige Untersuchung. Sie wurde von der Motion Picture Association in Auftrag gegeben, dem Dachverband der amerikanischen Filmindustrie. Trotzdem beschäftigt sich die Studie nicht nur mit Raubkopien, sondern mit Fälschungen im Allgemeinen, berücksichtigt also auch die Fälschung von Medikamenten, Markenartikeln und Software.

Alles in allem, so der Bericht, kosten Fälschungen die amerikanische Wirtschaft alljährlich zwischen 200 und 250 Milliarden Dollar. Das entspricht ungefähr dem Bruttosozialprodukt von Portugal oder Hongkong. Die Filmindustrie alleine verliert im Jahr rund 5,5 Milliarden Dollar durch Raubkopien. Das ist zwar nur ein kleiner Anteil am Fälschungsgeschäft, doch dabei gehen beim Film immerhin rund 140000 Arbeitsplätze verloren.

Noch viel gravierender als die Auswirkungen auf die amerikanische Volkswirtschaft sind jedoch die Folgen für Politik und Gesellschaft. Denn die Rand Corporation hat noch einmal bestätigt, was der britische Journalist Misha Glenny während seiner Recherchen zu seinem fulminanten Buch "McMafia" über das internationale Verbrechen herausgefunden hat.

Seit dem Mauerfall hat das organisierte Verbrechen nämlich nicht nur von der Auflösung der Sowjetunion, dem Chaos der postideologischen Kriege, der wirtschaftlichen Liberalisierung Chinas und der Globalisierung profitiert. Die Gangster haben nicht nur von den globalisierten Konzernen gelernt und ihre Tätigkeitsfelder diversifiziert. Es sind auch die Grenzen zwischen Politik, Terrorismus und Verbrechen porös geworden.

Handlungsbedarf der Politik

Bei allen drei Aspekten spielen Raubkopien eine Rolle. Denn Raubkopien sind eine hervorragende Geldquelle mit geringem Risiko. Die Profitmarge liegt um die 1000 Prozent. Selbst eine so kleine Organisation wie die Yi Ging Gang konnte so achtstellige Gewinne machen. Das ist einträglicher als der Drogenhandel. Die Gefahr, länger dafür ins Gefängnis zu wandern, ist gering. In den USA gibt es Bewährungsstrafen. In Ländern wie Brasilien, China, Pakistan und Russland, die das Gros der Raubkopien herstellen, gilt das Vergehen als Kavaliersdelikt, das nur dann hart bestraft wird, wenn westlichen Wirtschaftspartnern guter Willen bewiesen werden soll.

Weil sich das Geld aber so leicht verdienen lässt, dienen Raubkopien oft als Quelle für Investitionskapital, um andere Aktivitäten zu finanzieren. Dazu gehört laut Rand Corporation auch Menschenhandel. Chinesische Gangs finanzieren mit Raubkopiergewinnen den Transport illegaler Einwanderer, die dann unter sklavenähnlichen Bedingungen gehalten werden. Die Leibeigenen der Gangs werden wiederum oft eingesetzt, um die Raubkopien auf der Straße zu verkaufen. Werden sie erwischt, schicken die Behörden sie meist nur zurück nach China.

Doch auch der Terrorismus finanziert sich inzwischen durch Raubkopien. Das ist nichts Neues. Die IRA kontrollierte in Irland während der neunziger Jahre 80 Prozent des Geschäftes mit raubkopierten Videos und DVDs. Im Dreiländereck zwischen Brasilien, Argentinien und Paraguay werden Gelder für Hisbollah und al Qaida teils mit DVDs generiert. In Pakistan bringen Raubkopien Geld in die Kriegskassen von Taliban und al Qaida.

Die illegalen Downloader kommen im Rand-Bericht nur beiläufig vor. Sie sind immerhin für rund ein Drittel der Verluste verantwortlich. Allerdings verursachen sie keine politischen und gesellschaftlichen Kahlschläge wie Verbrechen und Terror. Die Studie kommt deswegen auch zu einem Schluss mit ganz klaren Handlungsempfehlungen für die Politik.

Die Gesetzgeber müssten umfangreiches Raubkopieren als organisiertes Verbrechen definieren und die Strafen erhöhen. Die Behörden müssten die Verwertungsketten bis zur Quelle verfolgen. Und sie müssten das kriminelle Umfeld der Raubkopierer untersuchen. Von illegalen Downloadern ist in den Handlungsempfehlungen jedenfalls nichts zu lesen.