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Dating-App Grindr:Dating-Kunstaktion wird vorzeitig beendet

Kunstaktion wanna play ?

Stell dir vor, Dries Verhoeven nutzt eine Dating-App - und jeder liest mit!

(Foto: Britta Pedersen/dpa)
  • Die Kunstaktion "Wanna Play?" wird aufgrund von heftigen Protesten vorzeitig abgebrochen.
  • Der Künstler Dries Verhoeven veröffentlichte seine Chats mit der Dating-App für schwule Männer, Grindr, auf einer LED-Wand. Sie waren nachlesbar in der Öffentlichkeit.

Heftige Proteste beenden Kunstprojekt "Wanna play?"

Die umstrittene Kunstaktion "Wanna Play?" soll vorzeitig abgebrochen werden. Das gaben der Künstler Dries Verhoeven und das Theater Hebbel am Ufer (HAU) am Sonntagabend bekannt. Zu groß war die Kritik an der Aktion, mit der Verhoeven Liebe in Zeiten von Dating-Apps thematisieren wollte. Mehrere Organisationen, darunter der Lesben- und Schwulenverband, kritisierten die Aktion und beklagten, dass mit ihr die Privatsphäre von anderen Menschen ignoriert wurde.

Verhoeven entschuldigte sich in einem Beitrag auf der Projekt-Seite und bedauerte den Widerstand gegen sein Projekt: "Es tut mir leid, wenn Menschen das Gefühl haben sollten, tatsächlich in ihrer Privatsphäre verletzt worden zu sein".

Grindr ist eine App, bei der Nutzer miteinander reden - und sich anschließend zu unverbindlichem Sex treffen können. Aber Verhoeven wollte mehr als nur Sex, er wollte auch die Leute kennenlernen, mit denen er da so zwanglos chattet - also startete er das Projekt "Wanna Play?". Mit dem Projekt wollte er zeigen, wie sich die Liebe in Zeiten von zwischenmenschlichen Beziehungen ändert. Verhoeven zufolge sind Dating-Apps wie Grindr dafür verantwortlich, dass der Kontakt zwischen schwulen Männern oberflächlich wird.

Er zog dabei in einen Glascontainer am Berliner Heinrichplatz und schrieb andere Männer über die Dating-App Grindr an. Verhoeven wollte sie überzeugen, sich mit ihm zu treffen und gemeinsam Zeit zu verbringen; um beispielsweise Tee zu trinken oder Schach zu spielen. Doch der Künstler veröffentlichte sämtliche dieser Chats auf einer LED-Wand, so dass die Öffentlichkeit sie verfolgen konnte. Zwar waren die Fotos als Negative zu sehen und die Chats anonymisiert, doch reichte das den Kritikern nicht aus.

Grindr zeigt Männer in der nahen Umgebung

Denn Grindr funktioniert auf dem Prinzip der Nähe. Die Dating-App zeigt an, wer sich in der näheren Umgebung befindet. Das heißt, auch wenn die Männer auf den Fotos nicht auf den ersten Blick zu erkennen sind, so sind sie doch in der Nähe. Durch diese Aktion bestand also die Gefahr, womöglich unfreiwillig geoutet zu werden.

Die Berliner Zeitung schildert den Fall von Parker T., der Verhoeven einen Faustschlag verpasst haben soll, nachdem er bemerkt habe, dass seine Chats in der Öffentlichkeit ausgestellt werden. Parker T. sagte, für ihn sei das eine Demütigung gewesen.

"Hallo Nachbar, schöner Bart"

Chris Phillips ist einer der Männer, die Verhoeven angeschrieben hat. "Ich lebe 300 Meter entfernt von der Installation und habe am zweiten Tag eine Nachricht erhalten. "Hallo Nachbar, schöner Bart" stand da drin." Phillips habe von einem Freund erfahren, was es mit der Aktion auf sich habe und habe sich entblößt gefühlt: "Ich habe mich wiedergefunden in einer Posse, in der meine Nachrichten und Fotos ohne meine Erlaubnis in der Öffentlichkeit zu lesen waren.

Die Auffassung von Verhoeven, nach der Apps wie Grindr dafür verantwortlich seien, dass schwule Männer in der echten Welt weniger flirten würden, teilt Phillips nicht. "Im Gegenteil ist es so, dass Grindr Menschen miteinander verbindet, die nach Orten im öffentlichen Raum suchen werden, um sich zu treffen."

Phillips arbeitet aktuell an einer Masterarbeit zum Thema Grindr. In seinem Fazit schreibt er: "Es gibt ein vorherrschendes Gefühl, dass die Bilder (die man sich auf Grindr schickt, Anm. d. Red.) dazu bestimmt sind, nur für einen kurzen Augenblick gesehen zu werden. Als ich sie gefragt habe, sagten viele Nutzer, sie würden es bevorzugen, wenn die Bilder anschließend von den Smartphones gelöscht würden."