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Tech-Konzerne:Kein Entkommen

Beängstigend: Analyse des Webverkehrs mit Konzernen.

(Foto: Screenshot: Big Tech Detective)

Eine neue Software blockiert alle Websites, die Daten mit den großen Konzernen wie Facebook, Google und Amazon austauschen. Da bleibt nicht viel übrig.

Von Michael Moorstedt

Jede Sphäre hat ihre eigenen Naturgesetze. Im Netz lautet eines dieser Axiome: Bedienerfreundlichkeit gegen private Daten. Wenn du nicht dafür bezahlst, bist du das Produkt. Ein alter Spruch, der trotzdem wahrer ist denn je. All das wird vom normalen Nutzer mit einem gewissen Schulterzucken hingenommen. Eine unabänderliche Tatsache, so normal und unverhandelbar wie das Wetter, der Lauf der Sonne oder der Wechsel der Jahreszeiten.

In der vergangenen Woche wurde ein kleines Programm veröffentlicht, das das Potenzial hat, diesen Stoizismus ein bisschen aufzubrechen. Die Browsererweiterung Big Tech Detective blockiert alle Websites, die Daten an Amazon, Facebook, Google und Microsoft übertragen oder von deren Servern laden. Dabei ist es egal, ob die Seite gänzlich auf den Rechenfarmen von Amazon Web Services existiert, mal wieder ein Tracking-Script den Nutzer ausschnüffeln will oder nur eine harmlose Schriftart geladen wird. Es geht hier gar nicht primär um Datenschutz und eine bessere Privatsphäre, schreiben die Initiatoren, sondern um die Sichtbarmachung von Machtstrukturen.

Die Browsererweiterung dient nicht dem alltäglichen Gebrauch. Zunächst ist es gar nicht so einfach, die Software zu installieren. Man kann sie nicht einfach in einem App-Store anklicken, sondern muss sie in den Browser sideloaden. Das erfordert zwar nur ein paar zusätzliche Schritte, ist aber dennoch eine Aufgabe, an der mit hoher Sicherheit schon ein großer Prozentsatz der Internetnutzer scheitern wird. Die eigene Unmündigkeit wird sofort offenbar. Die Balance zwischen Kontrolle der eigenen Nutzung und Komfort ist längst in gefährliche Schieflage geraten.

Wenn man die Software nur fünf Minuten benutzt, sitzt man ungläubig staunend vor dem Bildschirm. Nach einer halben Stunde wird aus dem Wundern langsam Wut. Denn auch bekannte alternative Suchmaschinen und Mail-Provider wie Duckduckgo, Ecosia oder Fastmail bleiben unerreichbar. Die neuesten Nachrichten? Eher nicht. Wetter? Leider nein. Streamingportale, soziale Netzwerke, Online-Shopping, Lexika, Navigation? So gut wie alle Standardanwendungen im Netz bleiben durch das Programm verwehrt und vor beinahe sämtliche der 50 populärsten Seiten in Deutschland kleistert die Software ein anklagendes rotes Banner. Nur vereinzelt findet man kleine Inseln im Meer der Monopolisten.

Die Erkenntnis: Man kann die Tech-Konzerne nicht vermeiden

Nur zehn Minuten mit dem Big Tech Detective hinterlassen einen faden Nachgeschmack bei all jenen, die immer noch glauben, beim Internet handele es sich um ein egalitäres Medium. Initiator der Software ist eine NGO namens Economic Security Project, die interessanterweise auch von Facebook-Mitgründer Chris Hughes finanziert wird. Man fordert mehr Wettbewerb, mehr Regulierung und letzten Endes eine Zerschlagung der Konzerne. Eine Idee, die in Parlamenten und ihren Arbeitsgruppen immer dann kursiert, wenn mal wieder ein öffentlichkeitswirksamer Skandal bekannt wird. Gerade werden im US-Kongress wieder Anhörungen mit den CEOs vorbereitet. Dass Handlungsbedarf besteht, ist Konsens auf beiden Seiten der verfeindeten Parteien. Doch egal, wie der Prozess ausgehen wird - bis es zu einer Entscheidung kommt, werden wohl Jahre vergehen.

Bis dahin bleibt die bittere Erkenntnis, dass ein ernsthaftes und konsequentes Vermeiden, ja gar ein Boykott der Tech-Konzerne im Status quo so gut wie unmöglich ist. Der Big Tech Detective entlarvt auch all diejenigen, die behaupten, sie seien nicht auf ihre Dienste angewiesen. Man surft nicht mehr im Netz. Sondern springt allenfalls von Pfütze zu Pfütze.

© SZ
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