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Datenklau im Netz:Diebischer Zwilling

Wenn Ebay plötzlich Geld vom Konto bucht: Viele Internetnutzer merken nur durch Zufall, dass Kriminelle ihre Identität stehlen. Die Folgen sind erschreckend.

3,85 Euro, abgebucht vom Girokonto durch Ebay. Peter Herrmann stutzt (Name von der Redaktion geändert). Er ersteigert zwar ab und zu etwas bei Ebay, aber seine Kontodaten hat er dort nie angegeben. Es muss sich also um einen Irrtum handeln, vermutet er, und lässt die Lastschrift von seiner Bank rückgängig machen. Er denkt nicht länger darüber nach. Vier Wochen später kommt die nächste Abbuchung von Ebay: 108 Euro. Als Herrmann erneut widerspricht, flattert kurze Zeit später eine Abmahnung vom Anwalt ins Haus. Fast 180 Euro Gebühren will Ebay von ihm, weil er unter dem Namen "bine0726" Dinge versteigert hat. Ein Motorrad unter anderem, und ein Aquarium. Das Problem: Peter Herrmann ist nicht "bine0726". Eigentlich.

Im Internet werden nicht nur Daten, sondern ganze Identitäten gestohlen.

(Foto: Foto: istock)

Doch "bine0726" ist Peter Herrmann. Zumindestens auf dem Papier. Die Daten stimmen: Name, Adresse, Geburtstag, Kontonummer. Alles hat "bine0726" bei der Ebay-Anmeldung richtig angegeben. Sogar der Neckname wurde anscheinend mit Bedacht gewählt: "Meine Frau heißt Sabine", erklärt Herrmann. So hat "bine0726" ihm seine Identität gestohlen. Einfach so.

Herrmann ruft seine Bank an: Wie sie die Abbuchungen einfach so zulassen könne - er habe ja gar keine Einzugsermächtigung gegeben, nichts unterschrieben. Das ist egal, erfährt er. Es reicht, wenn jemand die Kontodaten hat, dann wird abgebucht. Ohne Prüfung. Herrmann geht zur Polizei und erstattet Anzeige gegen sein Doppel-Ich. Die Polizei fragt ihn, ob nicht doch jemand aus seiner Familie der Schuldige sein könnte. Nein, das kann er sich nicht vorstellen. Aber die Frage bleibt: Woher hat der Unbekannte, der sich als "bine0726" ausgibt, seine Daten? Herrmann wird misstrauisch. Wo ist das Datenleck? Vielleicht bei seinem Arbeitgeber? Oder einem Sportverein? Dem Internetprovider? "Nein, ich war zu der Zeit nicht gut zu sprechen auf alle, die meine Daten hatten", erinnert er sich. Denn einer von ihnen hat ihm seine Identität geklaut.

"Was soll den schon passieren?"

"Das ist vergleichbar mit einem Einbruch", erklärt Stefan Ther von der Münchner Polizei, "für viele Menschen ist die Vorstellung, dass jemand in ihren privaten Räumlichkeiten war, viel schlimmer als der Verlust von Schmuck und Bargeld. Bei Internetbetrug ist der finanzielle Schaden ärgerlich, aber ebenso schlimm ist die Vorstellung, dass jemand unter meinem Namen unterwegs ist. Ein ungutes Gefühl." Ther geht regelmäßig in Schulen und klärt Eltern und Schüler auf, was passieren kann, wenn sie mit Daten zu sorglos umgehen. "Oft bekomme ich zu hören: Was soll denn schon passieren? Was können die denn schon mit meinen Daten anfangen", sagt der Polizist. Ganz anders reagieren Menschen, die schon einmal Opfer von Betrug geworden sind. Sie kennen das Gefühl, wenn man nicht weiß, was einen auf dem Kontoauszug erwartet, weil wieder irgendetwas abgebucht wurde.

"Betrugsopfer sind zunächst wütend. Wütend auf den Täter, auf das System Internet, auf ihre Bank", erklärt Ther. Dazu kommt oft die Scham, dass einem so etwas passiert ist. "Gerade dieses Gefühle machen sich Kriminelle oft zunutze", so der Experte. Zum Beispiel verschicken sie Rechnungen für den Besuch von pornografischen Internetseiten - obwohl der Rechnungsempfänger nie auf der betreffenden Website war. "Den Betroffenen ist das Ganze unangenehm. Viele zahlen deshalb einfach", erklärt Ther. Außerdem seien die Täter oft psychologisch sehr geschickt, machten schnell Druck mit Mahnungen, Zahlungsterminen oder indem sie Inkasso-Unternehmen auf die Betroffenen ansetzen. "Manch einer knickt dann ein. So lohnt sich die Arbeit der Betrüger."