Süddeutsche Zeitung

Datendebakel bei Enthüllungsplattform:Wikileaks scheitert am eigenen radikalen Anspruch

Es hätte niemals passieren dürfen. Nach der Datenpanne kämpft Wikileaks eine Schlacht um Glaubwürdigkeit, die nur schwer zu gewinnen ist. Julian Assange forderte radikale Transparenz und muss feststellen: An diesem Anspruch scheitert die Enthüllungsplattform nun selbst.

Andrian Kreye

N un ist passiert, was nie passieren sollte - der Datensatz mit sämtlichen 251 287 diplomatischen Depeschen, den die Enthüllungsplattform Wikileaks in Besitz hatte, ist im Internet im freien Umlauf.

Anstatt die Akten kontrolliert zu veröffentlichen, anstatt sie also wie im vergangenen Herbst gemeinsam mit Medienpartnern wie dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel und den Tageszeitungen Guardian und New York Times zu bearbeiten, zu analysieren und in geringen Mengen ins Netz zu stellen, stellte sie Wikileaks allesamt und im Rohzustand ins Netz.

Das könnte bedeuten, dass Informanten und Aktivisten in Diktaturen und Kriegsgebieten in Lebensgefahr geraten, weil eben auch Geheimdienste und Kriegsparteien die vertraulichen Daten einsehen können.

Das war auch schon im November vergangenen Jahres die Befürchtung, als die ersten Depeschen in Zusammenarbeit mit internationalen Medien veröffentlicht wurden. Bisher sind keine Fälle bekannt, dass Informanten oder Aktivisten Gefahr wegen Wikileaks-Veröffentlichungen drohte.

An die Grenzen gestoßen

Sogar Dinah PoKempner, Juristin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, sagte in der New York Times: "Uns ist nicht bekannt, dass jemand verhaftet oder verletzt wurde, weil er in einer der Depeschen genannt wurde."Doch gerade in Ländern mit schwierigen politischen Verhältnissen habe Wikileaks große Dienste geleistet: "Es gab enorm positive Auswirkungen, was den Zugang von Menschen zu Informationen über ihre eigenen Länder betrifft." Vor allem in Tunesien und Ägypten spielten die Enthüllungen eine wichtige Rolle für die Protestbewegungen.

Und doch scheint Wikileaks nun an seine Grenzen gestoßen zu sein. Fast alle relevanten Enthüllungen, die Wikileaks seit dem Herbst 2010 lancieren konnte, stammen aus einem einzigen Datenpaket. Das soll laut amerikanischen Behörden der Obergefreite Bradley Manning der Plattform Wikileaks zugespielt haben.

Der hatte als Datenanalyst Zugang zum geheimen Computernetzwerk des Außen- und Verteidigungsministeriums SIPRNet. Mannings Schuld ist bis heute nicht bewiesen. Doch es ist klar, dass Wikileaks bis heute von diesem Datenpaket zehrt - das nun eben komplett im Umlauf ist.

Glaubwürdigkeit leidet

Da sind zum einen die Intrigen und Querelen rund um Wikileaks-Gründer Julian Assange, die Vergewaltigungsklage in Schweden, das juristische Drama um seine Auslieferung, die Beschreibung seiner Person als machthungriger Fanatiker. Assange mag sie zu Recht als unwürdiges Geschwätz abtun. Er kann seinen ehemaligen Mitstreiter Daniel Domscheit-Berg, der ein sehr hartes Buch über Assange geschrieben hat, als niederträchtigen Verräter beschimpfen. Und doch hat die Glaubwürdigkeit von Wikileaks gelitten.

Nun sind Visionäre keine Heiligen, egal ob sie Steve Jobs, Frank Zappa oder eben Julian Assange heißen. Doch seit der Aufregung um die diplomatischen Depeschen im vergangenen Winter hat Wikileaks keine wertvollen Informationen mehr zugespielt bekommen.

Das mag zum einen daran liegen, dass Daniel Domscheit-Berg und die anderen sechs Aussteiger im vergangenen Herbst wichtige technische Voraussetzungen aus Wikileaks abzogen und der tote Briefkasten im Netz, der Informanten Anonymität zusichert, nicht mehr funktioniert. Es liegt aber auch daran, dass Assange und Wikileaks viel zu sehr selbst zum Politikum geworden sind.

Das eigentliche Problem von Wikileaks ist aber, dass die Ideologie des Kontrollverlusts als Akt der Befreiung, die Julian Assange vertritt, im Internet an sich selbst scheitert. Die radikale Transparenz, die Assange einforderte, um die Kultur der Weltpolitik nachhaltig zu verändern, hat er selbst nie zugelassen.

Aus gutem Grunde. Wüssten die amerikanischen Behörden mit Sicherheit, auf welchem Wege das Datenpaket vertraulicher Akten zu Wikileaks gelangte, drohte dem Whistleblower bis zu lebenslange Haft oder gar die Todesstrafe. Assange selbst könnte wegen Geheimnisverrats belangt werden.

Und doch konnte er den Kontrollverlust, den er für die Regierungen und Konzerne in aller Welt heraufbeschworen hat, auch für sich selbst nicht aufhalten. So wirkt es wie eine viel zu späte Flucht nach vorn, als Wikileaks am 20. August begann, in einem enormen Tempo neue Depeschen zu veröffentlichen.

Bis dahin hatte die Webseite 19.791 Akten ins Netz gestellt. Seit dem 20. August ist die Zahl auf 142.978 gestiegen. Ohne Hilfe der Partner in den traditionellen Medien. Ohne redaktionelle Eingriffe.

Ein finaler Kampf, der längst verloren ist

Als Assange nun am Mittwoch in den Abendstunden über den Kurznachrichtendienst Twitter einen Link zum kompletten Datenpaket veröffentlichte und gleichzeitig die Internetgemeinde aufforderte, darüber abzustimmen, ob er das Passwort nun selbst veröffentlichen sollte, erschien es wie die letzte Offensive in einem finalen Kampf, der längst verloren ist.

Es ist keine Frage, dass Julian Assange Weltgeschichte geschrieben hat. Die Frage ist nur, ob die Enthüllungen von 2010 ein einmaliges Ereignis bleiben werden. Von der Kultur der radikalen Transparenz, die Assange und seine Mitstreiter einforderten, ist bisher noch nichts zu spüren. Sie war schon lange eines der großen Versprechen des Internets gewesen. Und wie so viele Versprechen ist es leer geblieben. Assange hatte eine Vision. Seine Mitarbeiter lieferten die Technologie. Doch das reichte nicht, um die Welt zu verändern. Was dem Projekt Wikileaks fehlt, ist die Kraft, den Schritt von einer Untergrundaktion zu einer richtigen Bewegung zu bewältigen. Assange mag viele Anhänger im Netz haben. Was ihm fehlt sind Mitstreiter, eine Bewegung.

Derzeit ist die Stimmensammlung auf dem Kurznachrichtendienst Twitter immer noch in vollem Gange. Wikileaks nutzte die Aufmerksamkeit für einen Spendenaufruf am Donnerstagnachmittag. Der bestand auf Twitter aus einem Link zu den Überweisungsmodalitäten und der Stichelei: "Liebe Regierungen, wenn ihr nicht wollt, dass euer Dreck aufgedeckt wird, hört auf, euch wie Schweine zu benehmen. Ganz einfach."

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Quelle:
SZ vom 02.09.2011/joku
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