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Das Facebook-Experiment:Damit konnten Sie rechnen

Facebook im Job

Facebook sichert sich mit mehrseitigen Nutzungsbedingungen in Bezug auf seinen umstrittenen Umgang mit Nutzerdaten ab.

(Foto: Bloomberg)

Facebook ließ für ein Experiment die Newsfeeds der Nutzer seiner Social-Media-Plattform manipulieren. Ist das verwerflich? Schon. Aber im Sinne von Kant lässt sich ein überraschender Nutzen erkennen.

Ist das nun ein Tabubruch oder ist es ganz normal? Im Januar 2012 veränderte Facebook bei fast 700 000 zufällig ausgewählten Nutzern den Algorithmus, nach dem das Netzwerk Posts von Freunden und abonnierten Seiten anzeigt . Eine Text-Software kategorisierte die Nachrichten je nach den darin verwendeten Wörtern als positiv oder negativ. Bei einem Teil der Nutzer wurden die positiven Nachrichten reduziert, bei einem anderen Teil die negativen, dazu gab es Kontrollmechanismen. Eine Gruppe von Wissenschaftlern im Dienst von Facebook und von zwei amerikanischen Universitäten wollte herausfinden, ob das Netzwerk Einfluss auf die Gefühle der Nutzer nehmen kann. Das Ergebnis war: es kann. Die Auswirkungen waren gering, aber statistisch signifikant.

Zahlen zu dem Experiment wurden vor etwa einem Monat in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht und gingen als Nachricht weltweit durch die Medien. Nun, einen Monat später, angestoßen durch das liberale Ostküstenmagazin The Atlantic, hat der Aufsatz jedoch eine weitere, neue Welle ausgelöst, diesmal eine Welle der Empörung über Facebook und die dort wirkenden Wissenschaftler. Der Vorwurf lautet, sie hätten unwissende Nutzer als Versuchskaninchen benutzt. Das haben sie auch, daran kann kaum Zweifel bestehen, die Frage lautet nun vielmehr: durften sie das?

Bei erster ethischer Betrachtung scheint klar: Es ist, vorsichtig ausgedrückt, äußerst fragwürdig, Informationen, die Menschen erhalten, zu manipulieren, um die Menschen selbst zu manipulieren. Das lässt sich auch relativ einfach mit Kant begründen. Denn Menschen wurden in diesem Fall wirklich zum Mittel für die Forschung gemacht. Utilitaristisch, nach der in den angloamerikanischen Ländern weit verbreiteten Nützlichkeitsethik, die auf das Glück der Menschen abstellt, ist die Argumentation schon schwieriger. Zwar wurde die Hälfte der Teilnehmer absichtlich unglücklicher gemacht, aber zu einem guten Zweck. Man kann die gewonnenen Ergebnisse nun verwenden, um Menschen insgesamt glücklicher zu machen. Allerdings beraubt man sie damit ihrer Freiheit, was John Stuart Mill, einer der Begründer des Utilitarismus, in seiner Schrift "On Liberty" als Mittel, sie glücklich zu machen, vehement ablehnte.

Nutzungsbedingungen sehen nicht alle als ausreichende Grundlage

Das Ganze ist auch wissenschaftsethisch fraglich, weil die "Versuchspersonen" nicht informiert wurden, sie also kein Einverständnis damit erteilen konnten, was zum wissenschaftlichen Standard gehört. Facebook ist gewohnt, sich für seinen Umgang mit Daten rechtfertigen zu müssen. Deshalb verweist die Firma auf ihre Nutzungsbedingungen. Dem kann man nicht widersprechen. Klickt man sich durch etliche Seiten und Unterseiten, stößt man auf den einschlägigen Passus. In den deutschsprachigen Nutzungsbedingungen erklärt man sich laut "Datenverwendungsrichtlinien" damit einverstanden, dass Facebook die "Vielzahl an verschiedenen Informationen" über die Nutzer "beispielsweise" "für interne Prozesse, u. a. Fehlerbehebung, Datenanalyse, Tests, Forschung und Leistungsverbesserung" verwenden kann. Aber ist das auch schon eine ausreichende Grundlage für das Experiment, jenseits der rechtlichen Fragestellung? Offenbar nicht für alle. "Nein, Facebook, das ist NICHT, was informed consent bedeutet" oder: "Zeit, meine Internet-Safety policies zu updaten: Nutzungsbedingungen lesen, nur für den Fall, dass sie beim nächsten Mal auch Organentnahme beinhalten", lauten Twitternachrichten, die in den Medien zitiert werden.

Hier eröffnet sich jedoch auch zugleich ein allgemeines Problem von psychologischen Experimenten. Sie können oft nicht funktionieren, wenn die Versuchspersonen vorher vollständig aufgeklärt wurden. Werden etwa Münzen in öffentlichen Fernsprechern zurückgelassen, um die Reaktion der Finder unter verschiedenen Bedingungen zu untersuchen, kann man sie nicht vorher darauf hinweisen, dass sie mit dem Erblicken der Münzen schon Teilnehmer einer Studie geworden sind. Auch weiß man zum Beispiel, dass bestimmte Düfte Menschen zum Kaufen verleiten, das wurde durch Versuche herausgefunden und wird laufend angewendet. Kein Kunde wird darauf hingewiesen, dass das Kaufhaus, das er betritt, die Luft mit Duftessenzen anreichert oder bestimmte Musik spielt, um ihn in Kauflaune zu bringen.