Daniel Domscheit-Berg über Wikileaks Der ersehnte Schlusspunkt

Sind die Papiere jetzt futsch?

Ja, aber davor wurden sie durchgeschaut: Es waren dreieinhalbtausend Objekte, und wie immer bei Wikileaks: 90 Prozent Ausschuss - irgendwelche Homestorys von Leuten, die erzählen, wie sie aus dem Weltraum bestrahlt werden oder uns die Bilder ihrer Hauskatzen schicken.

Und der Rest?

Das war echtes Material, aber nicht sonderlich spannend - und entgegen aller Aussagen waren da keine Dokumente der Bank of America dabei.

Manche Leuten glauben ja, Sie sind wie Gollum und horten den Schlüssel.

Deswegen habe ich eine eidesstattliche Erklärung unterschrieben, dass ich an die Daten nicht mehr rankomme, weil ich den Schlüssel vernichtet habe. Als ich dann schon mal beim Notar war, habe ich auch gleich andere Vorwürfe dementiert, die es noch so gab: Dass ich Informant der Polizei oder Geheimagent bin oder dass ich bei Wikileaks Geld und Software geklaut hätte.

War das für Sie der ersehnte Schlusspunkt?

Ja, aber der Entschluss zur Ruhefindung kam nach dem Chaos Communication Camp. Wenn ich da versucht hätte, ständig zu verfolgen, wer was über wen sagt, hätte ich die Nerven verloren. Da musste ich eine Gelassenheit lernen und deswegen hatte ich beschlossen, mich erst mal aus dem ständigen Nachrichtenlesen auszuklinken und alles zu entschleunigen.

Wie machen Sie das?

Heute bin ich um halb acht aufgestanden und hab Kompost umgeschichtet.

In Ihrer Wohnung in Berlin-Mitte?

Nein, wir sind gerade umgezogen in ein altes Haus in Brandenburg. Wir wollen da im Garten Gemüse anbauen, haben Muße zum Arbeiten, und man kann auch einfach mal in den Wald gehen, wenn man gerade einen frischen Kopf braucht.

Klingt ja idyllisch.

Es ist perfekt. Bisschen weiter weg, aber das stört mich nicht, da ich abends eh nicht weggehe. Es ist offen genug, damit man in Ruhe arbeiten kann, auch mit dem Rest des Teams von Openleaks und unseren Partnern, und in Zukunft können wir Schulungen für Journalisten abhalten. So ist genug Ruhe, um sich auf die wichtigen Dinge des Lebens zu konzentrieren.

Was ist denn wichtig?

Zunächst einmal meine Familie. Ansonsten ist es immer die langfristige Entwicklung: Dass ich heute einen Beitrag dazu leiste, dass wir uns in die richtige Richtung entwickeln. Für mich selbst heißt das zu schauen, dass Openleaks vorankommt und allgemein mein Aktivismus für die Freiheit des Internet.

Mit diesem aktivistischen Ziel sind Sie vor vier Jahren bei Wikileaks eingestiegen. Hat die Organisation aus heutiger Sicht etwas erreicht?

Ja! Zum Beispiel, dass mein Opa mit 87 Jahren weiß, was ein Whistleblower ist. Dass es also in Deutschland nicht mehr nur das Denunziantentum gibt, sondern dass viel mehr Leuten heute bewusst ist, welche positiven Aspekte der Geheimnisverrat haben kann. Damit haben wir einen kulturellen Prozess angestoßen, der nun auch seinen Weg in die Politik findet.

Dabei sehen viele Politiker bei Wikileaks doch eher ihre Feinde.

Mag sein, aber wir sind doch schon so weit, dass sich in Deutschland die Piraten als Partei gegründet haben und sich über all diese neuen Themen definieren: Transparenz, Verteidigung der Freiheiten im Internet, mehr Bürgerbeteiligung und mehr Partizipation. Das verändert sich alles gerade, von innen heraus.

Bei allem Respekt für die Piraten und für Ihren Opa, ging es bei Wikileaks nicht auch um die beiden größten Kriege der letzten Jahre: Irak und Afghanistan?

Es ging aus meiner Sicht viel zu sehr um den Hype der Enthüllung und darum, dass da was geleakt wurde, als um die Inhalte. Es sollte bei einem solchen Unterfangen ja gerade auch um die Korruption und das Unrecht im Kleinen gehen. Auch dies will und muss korrigiert werden, und wenn man Korruption im Kleinen bekämpft, erreicht man im großen Rahmen auch mehr. Viele dieser Inhalten waren leider auf der Strecke geblieben.

Woran liegt das?

Weil auch da die nötige Ruhe fehlte und die Ressourcen, alles zu bearbeiten, was reinkam. Wenn jemand etwas offenlegt, brauchst du auch die entsprechende Ruhe und den Fokus, um das auszuwerten und dann Konsequenzen daraus zu entwickeln. Nur so können wir aus der Offenheit profitieren, die da gerade geschaffen wurde. Das ist dann ein ganz anderer Hype, der ist viel langweiliger und langwieriger, aber auch viel wichtiger.

Wollen Sie daher mit Openleaks einen neuen Versuch starten und in Konkurrenz zu Wikileaks treten?

Wir stehen nicht in Konkurrenz, weil wir alle zu mehr Transparenz beitragen wollen. Unsere Vision ist in der Ausrichtung ganz anders als die von Julian.