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"Cyberpunk 2077":Warum Sony das wichtigste Spiel des Jahres aus seinem Store nimmt

Hype oder heiße Luft? So spielt sich ´Cyberpunk 2077"

Cyberpunk oder Cyberbug? Das lange erwartete Spiel macht Ärger.

(Foto: CD Projekt/dpa-tmn)

Das Hype-Spiel "Cyberpunk 2077" funktioniert nicht richtig. Aber warum ist es dann schon auf dem Markt?

Von Philipp Bovermann

In einer Zeit ohne Kinos, ohne Theater, ohne Konzerte versprach das Blockbuster-Game "Cyberpunk 2077" das Kulturereignis des Winters, wenn nicht des Jahres zu werden. Nun könnte es sich stattdessen zu einem historischen Flop entwickeln. Eine Woche nach seiner Veröffentlichung hat Sony angekündigt, den Titel aus seinem Playstation Store zu entfernen. Die Spieler der Konsole können es bis auf Weiteres also nicht mehr in digitaler Form online kaufen. Wer das Spiel bereits - online oder offline - erworben hat, bekommt auf Wunsch sein Geld zurück.

Es ist das spektakuläre Ende eines Hypes, wie ihn die Welt der Computerspiele selten gesehen hat. Ende Oktober berichteten Entwickler von CD Projekt Red, dem polnischen Entwicklerstudio hinter dem Spiel, von massivem Druck der Fans. "Ich werde dich lebendig verbrennen, wenn ihr das Spiel nicht veröffentlicht", sei noch eine der milderen Nachrichten, die er zuletzt erhalten habe, berichtete einer. Ursprünglich war "Cyberpunk 2077" für den April angekündigt. Als der Termin näher rückte und das Spiel noch nicht fertig war, wurde die Veröffentlichung auf den 19. September, dann auf den 19. November und dann nochmals auf den 10. Dezember verschoben. Da erschien es dann auch tatsächlich. Und möglicherweise war das ein verheerender Fehler.

Die Rezensionen waren überwiegend positiv, bemängelten aber zahlreiche technische Fehler. SZ-Rezensent Caspar von Au etwa kritisierte, dass die Figuren mitunter auf der Ladentheke statt davor oder inmitten der Motorhaube des eigenen Autos herumstünden, an den Palmen am Straßenrand tanzten die Pixel. Diese Beobachtungen bezogen sich auf die PC-Version des Spiels. Besitzer der Playstation 4 und der Xbox One, also der jüngst durch die Playstation 5 und die Xbox Series X abgelösten Konsolengeneration, berichteten von noch schwerer wiegenden Problemen. Die dynamische Auflösung regle sich immer wieder auf sehr niedrige 720p herunter, trotzdem ruckele das Spiel. Auf der Playstation 4 stürze es regelmäßig komplett ab. Dass Games unmittelbar nach ihrem Erscheinen noch Fehler haben, die bei Tests der Entwickler nicht entdeckt worden sind, ist nicht ungewöhnlich. Die Entwickler liefern dann sogenannte Patches - spezielle Software-"Flicken" - nach, um die Probleme zu beheben. Sony aber ist nun offensichtlich zu dem radikalen Schluss gekommen, dass "Cyberpunk 2077" noch gar nicht fertig war und trotzdem schon verkauft wurde.

Im Verlauf des Jahres, als sich der Hype zusammenbraute, hatte sich der Marktwert des Unternehmens auf mehr als zehn Milliarden US-Dollar geschraubt. Das vergleichsweise junge polnische Unternehmen, das von 2007 an mit der "The Witcher"-Reihe auf sich aufmerksam machte und schnell wuchs, konkurrierte plötzlich mit dem Gaming-Konzern Ubisoft um den Rang des größten europäischen Entwicklerstudios. Nun ist der Kurs der Aktie um beinahe die Hälfte des Wertes gefallen.

Fans sind begeistert von der atemberaubenden Fülle an Details

"Ich will nicht sagen, dass es das Wirecard der Spielebranche ist, aber es hat schon ein paar Züge davon", sagt Christian Schiffer, Herausgeber des Gaming-Fachmagazins WASD. Er spricht von "Realitätsverweigerung" der Entwickler, die hätten sehen müssen, dass das millionenfach vorbestellte Spiel noch nicht richtig funktionierte. Auch "Spuren von einem gewissen Medienversagen" sehe er. Konsolen-Magazine hätten, um das enorme Interesse an dem Titel bedienen zu können, die PC-Version getestet, ohne zu warten, wie die Konsolenversionen ausfallen. So seien Warnungen ausgeblieben, die sich erst verdichteten, als das Spiel schon auf dem Markt war. CD Projekt Red habe sich mit dem Megaprojekt schlicht verhoben.

Für die englischsprachige Version wurden rund 450 Stunden Dialoge mit 125 Schauspielern aufgenommen, darunter Hollywoodstar Keanu Reeves. 270 Millionen Euro sollen in das Projekt geflossen sein. Entsprechend groß seien wohl die Erwartungen und folglich der Druck der Investoren gewesen, das Spiel für das Weihnachtsgeschäft für fertig zu erklären, sagt Schiffer.

Konzerne wie Ubisoft oder Electronic Arts, die mehrere Studios betreiben, hätten möglicherweise in der finalen Phase zusätzliche Entwickler und Tester in das Projekt verschieben können. CD Projekt Red hatte diese Möglichkeiten nicht. Die Strategie des Unternehmens, das laut eigenen Angaben mehr als 800 Mitarbeiter beschäftigt, waren offenbar längere Arbeitszeiten. Es stand in der Kritik, eine Kultur des Arbeitens bis zum Umfallen zu fördern. "Crunching" ist in der Games-Branche ein verbreitetes Problem. Seine Wurzeln liegen in den Hypes um Spiele und dem daraus resultierenden Druck auf die Entwickler. "Cyberpunk 2077" ist dafür nur ein besonders drastisches Beispiel. Die Studios veröffentlichen häufig schon in frühen Phasen der Entwicklung Screenshots oder Videos, die grafisch spektakuläre Szenen zeigen, kündigen Funktionen an, die es noch nie gegeben hat, werfen mit Zahlen um sich. Obwohl der gesunde Menschenverstand mahnt, dass das alles, wenn es fertig ist, nicht ganz so toll aussehen und funktionieren kann, springt die Hype-Maschine an.

So war es auch bei "Cyberpunk 2077". Es sollte den Spielern nie geahnte Entscheidungsmöglichkeiten in einer frei begehbaren Welt bieten. Sie sollten ihren ganz eigenen Weg durch die dystopische Stadt "Night City" und die Handlung finden können. Nach Ansicht vieler Rezensenten wurde dieses Versprechen eingelöst, allen Problemen zum Trotz. In den sozialen Medien berichten begeisterte Fans von der atemberaubenden Fülle an Details, die sich in "Night City" entdecken lassen. Sie tauschen Screenshots - von Gullideckeln nach deutscher Industrienorm etwa, von Sexspielzeug mit Namen wie "Tactical Dickhead". Es ist, als verbringe ein Teil des Internets seinen Urlaub von der Pandemie in einer von Neonlicht beleuchteten Stadt und schicke sich von dort staunend Reisefotos hin und her. Nur dass, bildlich gesprochen, die Hotels noch Baustellen sind. Weshalb bei manchen Urlaubern der Balkon ihres Zimmers wegbricht, während sie die Aussicht genießen.

Christian Schiffer sagt, er glaube daran, dass sich "Cyberpunk 2077" doch noch zu dem erhofften Meilenstein der Games-Geschichte entwickelt. Sobald es fertig sei.

© SZ/jab
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