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Cyberkriminalität in Deutschland:Angriff auf Fort Knox

Laptop-Tastatur

Jedes zweite Unternehmen ist bereits Opfer von Cyberattacken geworden.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)
  • 51 Milliarden Euro pro Jahr: Diesen Schaden erleiden deutsche Unternehmen einer Studie zufolge jedes Jahr durch Cyberattacken. Stark gefährdet sind dabei mittelständische Unternehmen.
  • Die Täter kommen in den meisten Fällen aus dem Unternehmen selbst oder aus dessen Umfeld.

Von Markus Balser, Berlin

Wie schwer der Kampf gegen Cyberangriffe ist? Dieter Kempf weiß das aus eigener Erfahrung. Der Präsident des IT-Verbands Bitkom ist als Chef des Nürnberger IT-Unternehmens Datev selbst auf höchste Geheimhaltung angewiesen. Seine Software-Firma ist digitaler Dienstleister für Rechtsanwälte, Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer, das eigene Rechenzentrum gesichert wie Fort Knox. Doch die jüngste Attacke auf Kempfs Firma sprengte auch die Vorstellungen der IT-Experten. Eine halbe Stunde dauerte der Beschuss von Hackern. "Die Mauern haben gehalten", sagt Kempf. "Wir konnten den Angriff abwehren, die Angriffe isolieren."

Am Donnerstag legte Kampfs Verband in Berlin die bislang größte Befragung zu Cyberangriffen in der deutschen Wirtschaft vor. Mehr als 1000 Top-Manager von Firmen befragte der Bitkom. Mit erstaunlichem Ergebnis: Bereits jedes zweite Unternehmen ist in den vergangenen zwei Jahren nach eigenen Angaben Opfer von digitaler Wirtschaftsspionage, Sabotage oder Datendiebstahl geworden.

Know-how-Klau und Plagiate

Tappten Behörden bislang im Dunkeln, welche Schäden Cyberangriffe in Deutschland anrichten, liefert die Studie zudem erstmals eine verlässliche Zahl: Auf 51 Milliarden Euro jährlich schätzen die betroffenen Unternehmen ihren wirtschaftlichen Schaden durch die Attacken. Der größte Teil geht auf Know-how-Klau und Umsatzeinbußen durch nachgeahmte Produkte zurück. Milliardenkosten fallen aber auch für folgende Rechtsstreitigkeiten und durch Erpressung, den Ausfall und die Beschädigung von IT-Systemen oder Imageschaden an. Am stärksten betroffen sei mit 68 Prozent die Autoindustrie, gefolgt von der Chemie- und Pharmabranche (66 Prozent) sowie Banken und Versicherungen.

Nach der jüngsten Hacker-Attacke durch mutmaßliche Anhänger der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) auf die französische Sendergruppe TV5 Monde sei die Wirtschaft in Alarmstimmung, sagte Verbandspräsident Kempf. Lange sei die Wirtschaft davon ausgegangen, dass nur Staaten über Fähigkeiten verfügen, so tief in Netze einzudringen. Der Vorfall in Frankreich zeige jedoch deutlich, dass sich dies geändert habe.

Mitarbeiter als Täter

Neben Konkurrenten und Kriminellen gehen die befragten Geschäftsführer und Führungskräfte kritischer Branchen wie der Telekommunikation oder von Energieversorgern davon aus, dass auch ausländische Nachrichtendienste hinter den Angriffen stecken. Immerhin neun Prozent der Befragten halten staatliche Spione oder Hacker für die Drahtzieher der Angriffe auf ihre Unternehmen. Der Umfrage zufolge treten daneben vor allem aktuelle oder ehemalige Mitarbeiter als Täter auf. "Die eigenen Mitarbeiter sind für Unternehmen die wichtigste Ressource, aber auch das größte Risiko", erklärte Kempf.

Das am häufigsten auftretende Delikt ist laut Bitkom der Diebstahl von IT- und Kommunikationsgeräten. In 28 Prozent der befragten Unternehmen wurden in den vergangenen Jahren zum Beispiel Computer, Smartphones oder Tablets gestohlen. Fast ein Fünftel (19 Prozent) der Firmen registrierten Fälle von sogenanntem Social Engineering, bei dem Mitarbeiter manipuliert werden, um an bestimmte Informationen zu gelangen. Vom Diebstahl sensibler elektronischer Dokumente oder Daten berichteten 17 Prozent der Firmen, von Sabotage ihrer IT-Systeme oder Betriebsläufe 16 Prozent.

Im eigenen Unternehmen wartet auf den Bitkom-Präsidenten derweil schon der nächste Spionage-Verdacht. Der Neubau der Firma, der an diesem Freitag in Nürnberg eingeweiht werden soll, wurde zuletzt von Digitalkameras aus einem der Nachbarhäuser überwacht. "Was dahintersteckt, ist noch unklar", sagt Kempf in Berlin. "Wir lassen die Hintergründe gerade prüfen."

© SZ vom 17.04.2015/fran

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