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Computerspiel "Crysis":Was aus der "Killerspiel"-Debatte wurde

Szene aus "Crysis Remastered"

So sieht das neue Remaster von "Crysis" aus.

(Foto: Crytek)

2012 gewann "Crysis" den Deutschen Computerspielpreis, und Konservative waren entsetzt über die Gewalt. Nun erscheint eine neue Version des Spiels - doch das Verhältnis von Gesellschaft und Games hat sich gewandelt.

Von Matthias Kreienbrink

Bei einer Preisverleihung soll es um Applaus, Ruhm und Preisgelder gehen. Im Jahr 2012 brachte der Deutsche Computerspielpreis aber vor allem Streit. Ein Begriff dominierte die Zeremonie: "Killerspiel". Einen Tag vor der Verleihung hatte die Bundestagsfraktion von CDU/CSU die Nominierung des "Killerspiels" in einer Erklärung verurteilt, sogar die Absetzung der Jury gefordert. Ausgelöst hatte die Debatte der zweite Teil der Computerspielreihe "Crysis", ein Ego-Shooter. Das Spiel erhielt den Preis "Bestes deutsche Spiel des Jahres 2011". Damit wurde die Debatte wieder angeheizt: "Wie gefährlich sind Videospiele wirklich?" - eine Frage, die den Umgang mit Videospielen in Politik und Medien seit Ende der Neunziger Jahren bestimmte.

An diesem Freitag erschien das Remaster des ersten "Crysis" von 2007 , eine aufgehübschte Version des alten Spiels für moderne Plattformen. Das Spiel handelt vom Kampf einer US-amerikanischen Spezialeinheit gegen die nordkoreanische Armee. Es spielt im Jahr 2020 auf einer fiktiven tropischen Insel. Als es vor 13 Jahren erschien, polierte es den Ruf deutscher Spielentwickler in der Branche auf, vor allem wegen seiner fortschrittlichen Technik..

Kann ein neues "Crysis" noch immer solche Reaktionen hervorrufen? Wie entspannt ist die Öffentlichkeit mittlerweile im Umgang mit Videospielen, vor allem mit Ego-Shootern?

Das Wort "Killerspiel" wurde 1999 vom damaligen bayerischen Innenminister Günther Beckstein populär gemacht. Seitdem bemühten es Kritiker immer wieder, wenn es darum ging, die negativen Auswirkungen von Videospielen auf den Punkt zu bringen, nach dem Motto: Die Spiele machen Spieler zu Killern. Nach Amokläufen und Anschlägen mit Tätern, die auch Shooter gespielt hatten, wie etwa dem in Erfurt 2002, bestimmte das Schlagwort immer wieder die Diskussion. Auch nach dem rechtsextremen Amoklauf von München 2016 holte Thomas de Maiziére das "Killerspiel" aus der Schublade.

Ein politischer Preis

Der Deutsche Computerspielpreis wird jährlich vergeben, er prämiert besonders in Deutschland produzierte Spiele. Ausgerichtet wird er vom Verband der deutschen Spielebranche und dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Durch diese Verbindung stehen die Nominierungen unter besonderer Beobachtung - darum auch der Aufschrei, als ein Ego-Shooter nominiert und ausgezeichnet wurde. Teile der Politik standen noch immer unter dem Eindruck, dass ein Spiel, in dem aus der Ich-Perspektive geschossen wird, nur ein "Killerspiel" sein kann.

"Wir waren verwundert über die Reaktionen", sagt Avni Yerli heute über den Streit um den Preis von 2012. Er ist Geschäftsführer von Crytek, des Entwicklerstudios hinter der "Crysis"-Reihe. Auch für sein Team sei die Benutzung des Begriffs "Killerspiel" in Bezug auf ihr Spiel eine Überraschung gewesen, aber: "Rückblickend denken wir, dass sich der Preis durch die Auszeichnung von "Crysis 2" weiterentwickeln konnte."

Yerli ist überzeugt, dass die Nominierung heute keine hohen Wellen mehr schlagen würde. Die Diskussion sei weiter, erkennbar etwa an der USK 16 Freigabe der neuen Version - sie ist nicht mehr ab 18 Jahren freigegeben wie die alte. Dennoch sei noch Arbeit nötig, um die politische und gesellschaftliche Akzeptanz von Games voranzutreiben. "Besonders im Vergleich zu anderen Ländern", so Yerli. In den USA und Großbritannien seien Spiele längst ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, würden gleichberechtigt neben Literatur und Theater im Kulturteil besprochen.

"Es wird wohl immer Leute in der Politik geben, die den Framing-Begriff 'Killerspiel' nutzen, um Videospiele zu verteufeln", sagt Tiemo Wölken, SPD-Politiker und Mitglied des Europäischen Parlaments. Videospiele gehören zu seinem Leben, privat wie beruflich. "Ich spiele derzeit ab und zu "Fall Guys" auf der Streaming-Plattform Twitch und spreche dabei auch über Politik", sagt er. "Fall Guys" ist ein buntes Online-Spiel, in dem es darum geht, durch einen Parcours bis ans Ziel zu kommen.

Wölken sagt, nicht alle Politiker hätten alltäglichen Umgang mit Videospielen. "Es braucht einen Perspektivwechsel in den Parlamenten", sagt er. "Auch während der Pandemie haben wir das wieder erlebt: Statt Anerkennung, dass Games in der Isolation helfen können, da sie Spieler verbinden, wird eine Studie von der Bundesdrogenbeauftragten in Auftrag gegeben, die untersuchen soll, wie schädlich das häufigere Spielen ist", sagt Tiemo Wölken. Die Studie kommt bisher zu dem Zwischenergebnis: 2,7 Prozent der spielenden Kinder und Jugendlichen zeigten ein pathologisches Spielverhalten.

Wölken sieht aber auch weniger ängstliche Beispiele für den Umgang mit dem Medium in der Politik. Vor Kurzem habe er mit dem niedersächsischen Kultusminister gesprochen live auf dem Twitch, dem Streamingdienst, auf dem sich Gamer treffen.

Studien gibt es weiterhin viele zum Thema, die generelle Schädlichkeit von Spielen, die Gewalt darstellen, ist keineswegs gesichert. Das Universitätsklinikum Hamburg stellte etwa 2018 fest, "dass das Spielen von Gewaltspielen am Computer das Aggressionsverhalten der Spieler nicht nachhaltig oder langfristig beeinflusst." Doch allein der Umstand, dass es diese Studien braucht, sage viel über die Stellung von Videospielen in Deutschland aus, meint Tiemo Wölken. Der Blick auf das Medium sei selten ein spielerischer, das Potenzial der Kulturform werde nicht ausgeschöpft.

Kein K-Wort mehr

Das "K-Wort" überdeckt auch wichtige Diskussionen wie die über die Ästhetik von Videospielen, die immer öfter die Inszenierung der Mordvideos von Attentätern inspiriert. Oder die über toxische Games-Communities im Netz, in denen sich rechte und frauenfeindliche Bewegungen organisieren. Auf den Begriff "Killerspiel" folgt zudem stets der Gegenreflex der Gaming-Verfechter: "Die Politik hat keine Ahnung von Spielen" - egal, wie valide die Kritik ist.

Und doch sind Teile der Politik heute sehr viel aufgeschlossener. "Das sogenannte K-Wort verwende ich nicht. Es ist negativ und tendenziös." sagt Dorothee Bär, CSU-Politikerin und Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung. "Wer spricht denn etwa bei blutigen Actionfilmen von 'Killerfilmen?' Niemand." Zu Beginn ihrer Laufbahn sei sie mit ihren Ideen für die Unterstützung der Games-Branche noch weitgehend allein gewesen, sagt Bär. Doch habe sich die Debatte weiterentwickelt, Videospiele würden als Kulturgut und Wirtschaftszweig nun stärker gefördert. "Die Nominierung von "Crysis" für den Deutschen Computerspielpreis würde heute nicht mehr so einen Aufschrei verursachen", sagt auch Bär. Andere Entwicklungen zeigen, wie sehr Computerspielen Mainstream geworden ist. Heute fördert der Bund Games in Bärs Sinne, Universitäten bieten Ludologie-Studiengänge an.

Und das neue "Crysis"? Das Remaster des ersten Teils der Reihe macht zwar noch Spaß, kann in seinen Mechaniken aber nicht mehr mit aktuellen Shootern mithalten. Damals war die Grafik eine Sensation, heute nicht mehr. Die Darstellung von Gewalt hat sich nicht geändert, es fließt Blut, aber nur ein bisschen. Der Unterschied zu 2012: Immer mehr Eltern - darunter auch einige Politiker - können mit ihren Kindern informiert über die Spiele reden, weil sie selbst mit Ego-Shootern - und "Killerspiel"-Debatten aufgewachsen sind.

Das Remaster von" Crysis" ist erhältlich für Nintendo Switch, PlayStation 4, Xbox One und PC.

© SZ/jab/mri
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