Crowdfunding-Plattform Kickstarter Ideen, die deutsche Geldgeber mitreißen

Kickstarter-Chef Yancy Strickler will das Crowdfunding auch in Deutschland salonfähig machen.

(Foto: Kickstarter)
  • Kickstarter, eine der weltweit größten Plattformen für Crowdfinanzierung, startet heute offiziell seine ersten Projekte in Deutschland.
  • International ist das Prinzip ein Erfolg: Auf Crowdfunding-Seiten wurden bereits mehrere Milliarden Euro eingesammelt.
  • In Deutschland ist der Markt wesentlich kleiner - auch weil deutsche Anleger ihr Geld gerne sicher investieren.
Von Christopher Eichfelder

Bei der Bank um einen Kredit mit hohen Zinsen betteln? Innovative Gründer haben das nicht mehr nötig. Sie nutzen stattdessen Crowdfunding-Seiten im Internet. In Deutschland ist das unkonventionelle Finanzierungsprinzip aber noch sehr selten. Ein junges New Yorker Unternehmen will das ändern: Kickstarter, der weltweit prominenteste Anbieter für Crowdfunding geht am 12. Mai auch in Deutschland mit ersten Projekten an den Start. Das Prinzip ist simpel: Unternehmer stellen ihre Idee vor und nennen den Betrag, den sie benötigen, um das Projekt umzusetzen. Unterstützer können dann einen Wunschbetrag festlegen, mit dem sie ein Projekt fördern wollen. Dafür erhalten sie dann eine Gegenleistung, zum Beispiel das Produkt kostenlos.

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Soweit die Idee, doch die Umsetzung brauchte etwas Zeit. "Im Jahr 2005 saßen mein Kumpel Perry Chen und ich in seiner Einzimmerwohnung in Brooklyn und haben nächtelang am ersten Entwurf gearbeitet.", erzählt Mitbegründer Yancey Strickler, inzwischen Vorstandschef von Kickstarter. Über die Idee und ein paar Skizzen kamen sie erst einmal nicht hinaus. Mangels Zeit - und den nötigen Programmierkenntnissen. Zumindest bis Sommer 2008. Da organisierten sie ein kleines Team von Entwicklern, verstreut über die gesamten USA. "Wir haben das meiste über Skype oder E-Mail geklärt." Ein Dreiviertel Jahr darauf wurde aus dieser Gründungslegende eine Erfolgsgeschichte. Und die will Yancey Strickler nun in Deutschland weiterschreiben.

Auch Deutsche nutzten schon Kickstarter - über Umwege

Ein schwieriges Unterfangen, denn das bisherige deutsche Angebot ist noch sehr überschaubar. Startnext, die größte deutsche Community für Crowdfunding ist noch ein kleines Licht. Etwa 20 Millionen Euro gingen dort bisher an Projektgeld ein. Vergangenes Jahr investierte der Schwarm in Deutschland insgesamt 140 Millionen Euro, also nicht einmal zwei Euro pro Einwohner. Trotz allem lohnt sich das Konzept für die Crowdfunding-Plattformen. Vier bis fünf Prozent des eingesammelten Geldes gehen in der Regel an die Webseitenbetreiber. Bei einer Projektfinanzierung über 200 000 Euro streichen die Portale also bereits fünfstellige Beträge ein. Der Expansionsdrang von Yancey Strickler ist gut nachvollziehbar.

Gänzlich unbekannt ist Kickstarter in Deutschland nicht: Über Umwege konnten deutsche Erfinder und Kreative bereits für ihre Projekte werben, allerdings mussten sie ein paar Hürden überwinden. Für die Ausschreibung mussten sie entweder ein ausländisches Bankkonto einrichten oder aber mit ausländischen Partnern zusammenarbeiten. Mit der deutschen Webseite soll das alles wesentlich einfacher über das Lastschriftverfahren funktionieren.

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Erfolgsquote: 38 Prozent

Kickstarter ist der große Name auf dem Crowdfunding-Markt - einer der zieht. Nach eigenen Angaben hat der Anbieter bisher mehr als 82 000 Projekte finanziert - im Gesamtwert von mehr als 1,5 Milliarden Euro. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass jedes Projekt zum Selbstläufer wird, nur weil es auf der Kickstarter-Seite online geht: Die Erfolgsquote liegt bei etwa 38 Prozent, auch finanzierte Projekte haben ihre Ausfallrisiken. Lars Hornuf vom Institut für Arbeitsrecht und Arbeitsbeziehungen in der Europäischen Union bleibt daher auch skeptisch: "Amerikaner sind viel begeisterungsfähiger, sowohl als Gründer wie auch als Investoren. Den deutschen Investoren wird Crowdfunding aber nicht das Geld aus der Tasche locken."

140 Millionen Euro

So viel Geld kam im vergangenen Jahr mit deutschen Crowdfundings zusammen, wie eine Studie der Unternehmensberatung EY zeigt. Etwa zehn Prozent davon gingen allein an Projekte der Internetplattform Kickstarter, noch bevor diese in Deutschland offiziell startete; Kickstarter ist auf Projektfinanzierung spezialisiert. Deutschland liegt mit dieser Zahl im weltweiten Vergleich deutlich zurück. Besser machen es etwa die Crowdfunder in Großbritannien: Letztes Jahr wurden dort 2,34 Milliarden Euro schwarmfinanziert. Ein Grund dafür ist unter anderem die restriktive Kreditpolitik der dortigen Banken während der Finanzkrise. Mangels Alternativen versuchten Unternehmen vermehrt, über Crowdfunding an Kapital zu gelangen - mittlerweile ein nachhaltiger Trend. Christopher Eichfelder

In den USA sieht das ganz anders aus. Innovative Ideen finden dort unzählige Geldgeber. Die Smartwatch der US-Gründung Pebble zum Beispiel. Die wurde mit fast 30 Millionen Euro von der Kickstarter-Crowd finanziert. Selbst in Hollywood haben sie mit Schwarmfinanzierung in Millionenhöhe schon von sich hören lassen: Der Dokumentarfilm Inocente wurde teilweise über die Crowd finanziert - und 2013 sogar mit einem Oscar prämiert. "Man muss zugeben, dass viele amerikanische Gründer es einfach verstehen die Crowd mitzureißen", sagt Professor Lars Hornuf. "Und die Crowd sich dort auch mitreißen lässt."

Wegen dieser starken Wechselwirkung drängt Kickstarter immer wieder in die Öffentlichkeit. Oftmals sind das aber nur kurzzeitige Hypes, glaubt der Finanzierungsberater Peter Barkow von Barkow Consulting. Er beobachtet den Markt seit Jahren. "Die mediale Präsenz des Crowdfundings ist auch in Deutschland aktuell noch deutlich größer als die effektive Bedeutung. Es ist die schiere Größe, die Kickstarter so dermaßen erfolgreich in die Medien bringt."

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Ob Kickstarter dem deutschen Markt auf die Sprünge helfen kann? Eigentlich spielt einer der ganz großen Namen in der Crowdfunding-Szene bereits auf dem deutschen Markt mit: Indiegogo. Auch dort wurden bereits Millionenprojekte realisiert. Das Deutschland-Geschäft verläuft aber nach wie vor eher schleppend. Und in die Medien schaffte es Indiegogo ausgerechnet mit einer Negativschlagzeile. 2013 wollte der Linux-Großhändler Canonical ein eigenes Smartphone über Crowdfunding finanzieren. Doch die angestrebten 32 Millionen Dollar für das "Ubuntu Edge" wurden weit verfehlt. Dass die Crowd allerdings schon 12,8 Millionen Dollar beigesteuert hatte, geriet viel zu schnell in Vergessenheit. Auch, dass ein Großteil der Unterstützer aus Deutschland kam.

Eigentlich verwunderlich, denn "tatsächlich sind deutsche Anleger nach wie vor sehr risikoscheu", sagt Barkow. Bei aller grundsätzlichen Skepsis glaubt er aber dennoch, dass "beide Plattformen den deutschen Markt deutlich verändern werden."

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