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Smartphone-App:Pepp-PT - diese App soll das Virus stoppen

Coronavirus Smartphone

Smartphones können ein wirksames Mittel sein, um die Ausbreitung von Covid-19 zu verlangsamen - dafür braucht es gar keine Bewegungsdaten.

(Foto: Joeal Calupitan/AP)

Ein neues Projekt setzt auf Handynutzer, um Kontaktpersonen zu warnen. Die größte Herausforderung: 50 Millionen Menschen sollen die App installieren. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Der Name ist komplizierter als die Idee: "Pan European Privacy-Protecting Proximity Tracing", kurz Pepp-PT, heißt eine neue Plattform, die helfen soll, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Dahinter steht ein internationales Team aus mehr als 130 Wissenschaftlern und IT-Experten. Das Projekt ist der bislang größte und ambitionierteste Versuch, die Pandemie mit moderner Technik zu bekämpfen - ohne in die Privatsphäre der Nutzer einzugreifen. Wenn genug Menschen mitmachen, könnte Pepp-PT ein wichtiger Baustein werden, um Covid-19 einzudämmen. Statt allgemeine Ausgangssperren zu verhängen, wäre es möglich, Erkrankte und ihre möglichen Kontaktpersonen gezielt zu isolieren. Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Wer entwickelt die Plattform?

Seit Wochen tüfteln Forscher und Mitarbeiter von mehr als zwei Dutzend Instituten, Universitäten und Unternehmen an Pepp-PT. Beteiligt sind aus Deutschland unter anderem das Robert-Koch-Institut (RKI), das Heinrich-Hertz-Institut (HHI) und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Auch der Bundesdatenschutzbeauftragte begleitet die Entwicklung und Soldaten der Bundeswehr helfen bei den Tests.

"Es sind seltsame Zeiten, und der Druck ist unglaublich groß", sagt der IT-Unternehmer Chris Boos, der das Projekt mit angestoßen hat. "Einige haben sich entschieden, getrennt zu arbeiten, wir bündeln unsere Kräfte lieber." Die Gruppe habe fast ununterbrochen gearbeitet, um den Wettlauf gegen das Virus zu gewinnen. "Ich habe noch nie ein derart kooperatives Projekt gesehen, bei dem einzelne Egos keine Rolle spielen", sagt der Schweizer Epidemiologe Marcel Salathé. Bislang sind Forscher und Institute aus acht Ländern an der Entwicklung beteiligt: Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Spanien und die Schweiz.

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Wie funktioniert das System?

Pepp-PT ist ein Software-Gerüst, auf dem Apps aufsetzen können. "Wir brauchen nicht noch eine App, wir brauchen einen einheitlichen Rahmen", sagt Boos. Das Problem: Wenn es viele einzelne Ansätze gibt, die jeweils nur ein kleiner Teil der Bevölkerung nutzt, kann das Konzept nicht aufgehen. Deshalb soll eine gemeinsame Grundlage entstehen, die möglichst schnell eine kritische Größe erreicht.

Das System ist ein Gegenentwurf zu den teils repressiven und invasiven Ansätzen anderer Länder. Statt massenhaft sensible Standortdaten zu sammeln, Nutzer zu überwachen oder Infizierte an einen digitalen Corona-Pranger zu stellen, soll Pepp-PT komplett freiwillig und datenschutzfreundlich sein. Die Identität der Nutzer bleibt zu jedem Zeitpunkt geschützt, weder Ärzte noch die Betreiber der Plattform können Einzelpersonen identifizieren.

"Die einzige Möglichkeit, das exponentielle Wachstum zu bremsen, ist es, die Übertragung von Mensch zu Mensch zu verhindern", sagt Salathé. Social Distancing und andere Maßnahmen könnten helfen. Genauso wichtig sei es jedoch, Kontaktpersonen von Infizierten frühzeitig zu warnen. Wenn sie Symptome zeigen, ist es meist zu spät, dann haben sie das Virus bereits weitergegeben. An dieser Stelle kommt Pepp-PT ins Spiel, das nach einer positiven Diagnose alle Handybesitzer benachrichtigt, deren Geräte in der Nähe des Erkrankten waren.

Wie funktionieren die Apps?

Das Herzstück des Systems bilden Apps, die Nutzer auf ihrem Smartphone installieren. Deren Entwickler integrieren die Pepp-PT-Technik, in Deutschland arbeiten RKI und HHI an einer solchen Anwendung. Die Apps weisen jedem Gerät einen zufällig generierten Zifferncode zu, der sich in regelmäßigen Abständen ändert und keinen Rückschluss auf die Identität des Nutzers zulässt.

Mit Bluetooth-Funktechnik scannen die Apps die Umgebung und erfassen, welche anderen Smartphones sich in Reichweite befinden - Voraussetzung ist aber, dass deren Besitzer ebenfalls eine App nutzen, die auf dem Pepp-PT-System aufsetzt. Wenn sich zwei Geräte näher als zwei Meter kommen, speichern die Apps die temporäre ID des jeweils anderen Handys. Die Daten bleiben zunächst verschlüsselt auf dem Smartphone, niemand kann darauf zugreifen.

Um Fehlalarme zu reduzieren, haben die Forscher alle weit verbreiteten Handymodelle untersucht und die Signalstärke der Funktechnik gemessen, die sich teils unterscheidet. Soldaten der Bundeswehr haben geholfen, die Technik so zu kalibrieren, dass sie etwa erkennt, ob zwischen den beiden Kontaktpersonen eine Glasscheibe oder andere Hindernisse waren, die eine Übertragung des Virus verhindern.

Auf dem Smartphone entsteht also eine Liste mit IDs, hinter denen sich Personen verbergen, die man selbst angesteckt haben könnte, oder von denen man Viren erhalten haben könnte. Wer an Covid-19 erkrankt ist, übermittelt die bis dato lokal gespeicherte ID-Liste an einen zentralen Server. Dann erhalten die Kontaktpersonen eine automatische Push-Benachrichtigung auf ihrem Smartphone und werden aufgefordert, sich testen zu lassen. Die IDs enthalten einen Länder-Code, das System funktioniert also grenzübergreifend.

Warum bleiben Nutzer komplett anonym?

Die temporären, zufällig erzeugten IDs funktionieren als Pseudonyme, die die Identität aller Beteiligten zuverlässig schützen. Niemand kann im Nachhinein herausfinden, welche Person sich hinter einem solchen Code verbirgt. Pepp-PT speichert keine Daten, die eine De-Anonymisierung ermöglichen. Dazu zählen etwa Standortdaten oder einzigartige Gerätekennungen wie die IMEI-Nummer des Smartphones.

"Wir messen nur, wie lange und wie nahe sich zwei Personen begegnet sind", sagt Thomas Wiegand, der das HHI leitet. Wo das Treffen stattgefunden habe, sei dem Virus egal. "Das sind die einzigen Informationen, die epidemiologisch von Bedeutung sind." Nach 21 Tagen werden die Daten automatisch gelöscht. Statt auf Tracking setzt Pepp-PT auf Tracing - es sollen nicht die Bewegungen von Menschen verfolgt, sondern nur ihre Kontakte nachverfolgbar werden.

Wie soll Missbrauch verhindert werden?

Wer sich selbst als infiziert meldet, alarmiert schlagartig Dutzende Menschen - das ist eine Einladung für Trolle. Deshalb müssen Ärzte, Labore und Gesundheitsbehörden die Meldung bestätigen. Es braucht also zwingend eine positive Diagnose. Die Schnittstelle soll verschlüsselt und geheim funktionieren, sodass die Identität der Erkrankten geschützt bleibt. Der genaue Ablauf unterscheidet sich von Land zu Land.

Wie viele Menschen müssen Pepp-PT nutzen?

Um Infektionsketten wirksam zu unterbrechen, streben die Forscher eine Nutzerbasis von 60 Prozent der Bevölkerung an - in Deutschland wären das 50 Millionen Menschen. Bei einem komplett freiwilligen System ist das eine große Hürde. Bislang gibt es in Deutschland keine App, die nicht auf Smartphones vorinstalliert ist und bewusst heruntergeladen werden muss, die so viele Nutzer hat. Allerdings könnte auch ein geringerer Anteil helfen, die Ausbreitung zumindest zu verlangsamen.

Erschwerend kommt hinzu, dass nur etwa 80 Prozent der Menschen in Deutschland ein Smartphone besitzen. Normale Handys und ältere Geräte unterstützen den nötigen Bluetooth-Standard noch nicht. Insbesondere Senioren, für die das Virus besonders gefährlich ist, können nur zum Teil gewarnt werden. Deshalb denken die Forscher darüber nach, künftig auch Bluetooth-Armbänder oder andere Wearables zu verteilen.

Umfragen zufolge wäre ein Großteil der Bevölkerung in Deutschland bereit, einen Teil ihrer Privatsphäre aufzugeben, um das Virus zu stoppen. Das wäre in diesem Fall gar nicht nötig. Sie müssen nur eine App installieren. Die Pepp-PT-Plattform soll am 7. April fertiggestellt werden. RKI und HHI wollen die App für deutsche Nutzer etwa eine Woche später veröffentlichen.

© SZ.de/mxm/mri

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