Süddeutsche Zeitung

Technologie und Corona:Die Gewinner und Verlierer der Krise

Das Virus zeigt: Mobile Endgeräte sind so gut wie alles, was der Mensch braucht. Davon profitieren manche Firmen - aber nicht die prekär Beschäftigten, die die Isolierten versorgen.

Während die Welt vor den Türen dicht macht, ändert sich auch im Internet der Ton. Die Corona-Meme in den sozialen Netzwerken werden weniger und weichen aufrichtiger Sorge und der Frage: Was sollen wir jetzt tun? Die Antwort darauf lautet wohl im Normalfall: So ziemlich das Gleiche wie sonst auch. Denn auch wenn man es nicht wahrhaben will, man lebe ohnehin schon geraume Zeit in einer Art von selbst gewählter Quarantäne hieß es deshalb vergangene Woche im Magazin The Atlantic.

Anstatt auszugehen macht man es sich lieber zuhause gemütlich, schaut was die Streamingportale so in petto haben und bestellt das Abendessen beim Vietnamesen ein Viertel weiter. Das Virus macht einmal mehr bewusst, dass der bläulich leuchtende Bildschirm eines Internetendgeräts so gut wie alles ist, was der moderne Mensch für seine Bedürfnisbefriedigung benötigt. Nicht umsonst bezeichnete das Branchenblog Recode einen Großteil der Angebote aus dem Silicon Valley vor einiger Zeit als "betreutes Wohnen für Millenials". "Hermit-Tech" nennen das die Eingeweihten, Technologie für Einsiedler.

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Alles also wie gehabt, nur dass jetzt davor auch noch ein bisschen Arbeit getan werden muss? Aber auch darauf ist man vorbereitet, ja, man kann sich kaum retten vor lauter mehr oder weniger gut gemeinten Tipps, wie man die Isolation in den kommenden Wochen übersteht. Das treibt bizarre Auswüchse. Da ist das Hipster-Magazin, das dazu rät, morgens in den Arbeits-Pyjama zu wechseln oder das Architektur-Blog, das in Zeiten der Pandemie noch ein paar ansehnliche neue Schreibtische anpreist, selbstverständlich nicht ohne Affiliate-Links zu den Anbietern, um noch ein bisschen Provision einzuheimsen.

In Italien stieg der Internet-Traffic in der vergangenen Woche um 70 Prozent

Überhaupt gibt es eine Menge Krisengewinnler in diesem Feld. "Stay at Home Stocks" nennen Anlageberater mit ausgeprägtem Sprachsinn in dem verzweifelten Versuch angesichts der Krise noch irgendwo Geld zu verdienen solche "zu-hause-bleib-Aktien" mit Potenzial nach oben. Während allenthalben die Leitindizes in den Keller rauschen, ist etwa der Aktienkurs von Zoom, eines Entwicklers von Videokonferenz-Software, innerhalb eines Monats um bis zu 40 Prozent gestiegen. Zu der Gruppe gehören auch die Papiere von Netflix, Facebook, Amazon, die der Chat-App Slack oder die von Peloton, eines Anbieters von High-Tech-Heimtrainern.

Während die Welt nun von zuhause aus streamt, äh, arbeitet, sorgen sich Analysten, ob die Bandbreiten dem Ansturm standhalten. Und dabei sind die wahrhaft futuristischen Dinge wie etwa Virtual-Reality-Anwendungen oder Telepräsenz-Roboter noch gar nicht in die Wahrnehmung miteinbezogen. In Italien stieg der Internet-Traffic in der vergangenen Woche um 70 Prozent und Netzauslastungen, die sonst an einem Sonntagabend normal sind wenn die Welt zuhause auf dem Sofa Serien guckt, werden an einem regulären Vormittag unter der Woche erreicht. Immer öfter muss man auf die HD-Übertragung der Videokonferenz verzichten und setzt auf reine Sprachnachrichten.

Das scheint bislang der größte Komfortverlust zu sein. All das gilt freilich vor allem für den gut ausgebildeten Wissensarbeiter mit beruflicher Anbindung. Wie die New York Times vergangene Woche vermeldete, gibt es einen eher unvorhergesehenen Berufsstand, der durch die eingeschränkte Freizügigkeit leidet: Es sind die unzähligen Travel-Influencer, also die Leute, die von Reiseagenturen und Hotelketten dafür bezahlt werden, bei den Nutzern in ruhigeren Zeiten Fernweh zu wecken.

Für die Leute, die für all die Bequemlichkeit sorgen, sieht die Lage schon dramatischer aus. Es gib eine ganze Reihe von neuartigen systemkritischen Berufen. Doch die Sharing Economy mit ihren prekärst Angestellten von Instant-Lieferservices bis hin zum Privattaxi ist für eine Pandemie nicht ausgelegt. Ihre Angestellten bekommen keine bezahlten Urlaubstage und können nicht schichtweise ins Büro rotieren, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. So werden die Widrigkeiten der Umstände wie üblich nach unten durchgereicht.

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Quelle:
SZ vom 16.03.2020/hij
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