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Contact-Tracing:Neue Features braucht die App

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Der kontaktbeschränkte November wäre eine gute Gelegenheit, der deutschen Corona-Warn-App ein Update zu verpassen. Das könnte die Kontaktverfolgung verbessern und nebenbei die Downloadzahlen erhöhen.

Von Max Muth

Die deutsche Corona-Warn-App ist mittlerweile auf mehr als 20 Millionen Telefonen installiert. Doch wie gut sie funktioniert, also wie stark sie dabei hilft, Infektionsketten nachzuverfolgen, ist derzeit unklar. Es gibt nur einige vage Hinweise. Ein von Privatpersonen betriebenes Dashboard nutzt die verfügbaren Daten, um die ungefähre Zahl zu errechnen, wie viele Personen ihr positives Ergebnis über die App hochgeladen haben. Dort findet sich die Zahl 28 000, das wäre eigentlich eine Hausnummer. Viel interessanter wäre jedoch die Zahl, wie viele dieser Personen einen - positiv ausgefallenen - Test gemacht hatten, weil sie über die App gewarnt wurden. In Deutschland gibt es dazu jedoch keine verlässlichen Zahlen.

In Dänemark schon. Dort hat das Gesundheitsministerium in dieser Woche mitgeteilt, dass 6000 Personen wegen einer Warnmeldung der App Smittestopp zum Corona-Test erschienen. Von diesen wurden schließlich nur 55 positiv getestet. Das ist etwa ein Prozent, ein eher ernüchternder Wert für eine Anwendung, die Situationen mit hohem Ansteckungsrisiko indentifizieren soll. Dass die deutsche App deutlich besser arbeitet, ist nicht zu erwarten. Für den Nürnberger IT-Professor Florian Gallwitz ist der Wert jedoch keine Überraschung. Ihm zufolge war von Anfang an unrealistisch, dass das Messverfahren per Bluetooth LE belastbare Ergebnisse liefern würde. "Alles, was ich mit Bluetooth herausfinden kann, ist, ob ich in Bluetooth-Reichweite bin. Wie weit das ist, ändert sich aber stark, je nachdem wie meine Umgebung aussieht." Ist das Handy in einer Tasche oder in der Hand, wie genau halte ich das Gerät, gibt es metallische Objekte in der Nähe? Das seien alles Faktoren, die die Messung ungenauer machten, so Gallwitz. Viel zitiert wurde zuletzt eine Studie aus Irland, die nachgewiesen haben wollte, dass Messungen in Zügen kaum brauchbare Ergebnisse liefern.

Nicht nur die Nähe ist entscheidend

Gallwitz ist deshalb skeptisch, ob die App jemals einen sinnvollen Beitrag in der Pandemiebekämpfung leisten wird. Optimistischer ist da Henning Tillmann, Software-Entwickler in Berlin, und Mitglied im Vorstand von D64, einem SPD-nahen digitalpolitischen Thinktank. Auch Tillmann glaubt aber, dass eine Weiterentwicklung der App nötig wäre. Seit deren Bau im Frühjahr habe es einige wissenschaftlichen Erkenntnisse gegeben, die auch der App helfen könnten. So sei damals die Rolle von Aerosolen und Superspreadern nicht so im Fokus gewesen. Heute sei klar, dass die Ansteckungsgefahr in Umgebungen mit vielen Menschen deutlich höher ist. Die App könnte das bei gleich hohem Datenschutzstandard recht einfach mitberücksichtigen.

Eine Möglichkeit, wie das ginge, haben Forscher um den Schweizer Epidemiologen Marcel Salathé sowie Linus Neumann vom Chaos Computer Club jüngst skizziert. Teilnehmer eines Geschäftstreffens oder Besucher eines Restaurants könnten sich per Barcode registrieren. Wird später ein Teilnehmer der Zusammenkunft positiv getestet, können andere automatisch und anonym benachrichtigt werden. Nebenbei würde von einer solchen Funktion Gastronomiebetriebe profitieren, die so ihre Kontaktverfolgung per Stift und Zettel vereinfachen könnten.

Um das zu implementieren, müssten jedoch die Entwickler der deutschen App, also Telekom und SAP - und gegebenenfalls auch Google und Apple - aktiv werden. Bei etwa 60 Millionen Euro Kosten für die deutsche App sollte das jedoch drin sein, meint etwa IT-Profi Tillmann.

Neue Features könnten auch die Downloads wieder ankurbeln

Auch abgesehen vom eigentlichen Contact-Tracing gibt es eine Reihe von Features, die der App guttun würden. So könnte man etwa das Corona-Dashboard des RKI in die App integrieren, sie also zu einem zentralen Informationstool für Menschen ausbauen, die sich für die Entwicklung der Pandemie interessieren. Auch eine Art Kontakttagebuch - wie jüngst der Epidemiologe Christian Drosten vorschlug - ließe sich problemlos in die App integrieren. Schon eine optionale täglich Push-Nachricht: "Wollen Sie notieren, mit wem Sie heute Kontakt hatten?" wäre ein Anfang. Tillmann zufolge wäre es eine gute Idee gewesen, für derartige Feature-Entwicklungen von Anfang an ein Team aus Programmieren, Wissenschaftlern und vielleicht sogar Game-Designern zu bilden, die sich konstant Gedanken über eine Verbesserung der App machen.

Denn neue Features hätten noch einen weiteren Effekt. Sie würden die App im Gespräch halten und damit vielleicht nach und nach noch mehr Menschen animieren, sie ebenfalls auf ihr Telefon zu laden.

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