Süddeutsche Zeitung

Schulschließungen:"Es ist ein Bildungsdschungel da draußen"

Auch wenn es keinen Vor-Ort-Unterricht gibt, kann man Wissen vermitteln. Mathe-Youtuber Daniel Jung erklärt, wie das gelingt.

Interview von Julia Hippert

Ab diesem Montag bleiben die meisten Schulen in Deutschland wegen des Coronavirus geschlossen. Die meisten Lehrkräfte stehen jetzt vor der Frage, wie sie ihren Schülern trotzdem Inhalte vermitteln und Unterrichtsmaterialien zukommen lassen können. Daniel Jung betreibt einen Youtube-Kanal, auf dem er seit 2011 Erklärvideos für Mathe zur Verfügung stellt. Sein Kanal "Mathe by Daniel Jung" hat mehr als 600 000 Abonnenten, seine Videos wurden mehr als 200 Millionen Mal angesehen. Er ist außerdem Autor des Buches "Let's Rock Education - Was Schule heute lernen muss".

SZ: Herr Jung, sind die Schulschließungen jetzt die Chance für digitalen Unterricht?

Daniel Jung: Wie immer in Krisen gibt es auch Chancen. Und die Schulschließungen sind eine riesengroße Chance. Vielleicht werden Schulen und Lehrkräfte jetzt proaktiv die digitalen Produkte und Lernmöglichkeiten nutzen, die bereits da sind. Es ist ein Bildungsdschungel da draußen im Internet. Es gibt unglaublich viel, mittlerweile auch qualitativ gute Videos auf Youtube, in denen Inhalte erklärt werden. Die kann man sich ansehen, egal wo man ist.

Geht dabei nicht die soziale Komponente des Unterrichts verloren?

Selbst bei Youtube gibt es einfache Kommentarfunktionen, über die man sich schnell und simpel austauschen kann. Und es gibt verschiedene Plattformen, über die man sich vernetzen oder gemeinsam an Dokumenten arbeiten kann. Dafür muss man noch nicht mal ein großer Tech-Nerd sein. So wird nicht nur passiv Wissen konsumiert.

Werden die Lehrkräfte dann am Ende vielleicht sogar überflüssig?

Ganz im Gegenteil! Es braucht immer jemanden, der den Prozess strukturiert und führt und auch jemanden, der eventuell offen gebliebene Fragen beantworten kann.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Was können Lehrkräfte sich jetzt abschauen von den digitalen Angeboten, die es bereits gibt?

Die Schülerinnen und Schüler sind ja nicht umsonst auf Youtube, Snapchat, Instagram oder Tik Tok unterwegs. Diese Plattformen laufen immer stabil und sind ganz einfach zu nutzen. Da müssen wir die Schülerinnen und Schüler abholen. Wenn nun mal jeder auf Youtube ist, dann lasst uns doch gemeinsam lernen. Durch die Schulschließungen werden die Jugendlichen noch mehr Zeit mit diesen Angeboten verbringen als sie es eh schon tun. Und ich glaube, momentan konsumieren die Jugendlichen dort eher keine Wissensinhalte.

Vielleicht haben Lehrkräfte aber auch Angst. Zum Beispiel davor, Datenschutz-Bestimmungen zu verletzen.

Das ist sicher ein Thema. Gerade weil viele amerikanische Konzerne es nicht so genau nehmen mit dem Datenschutz. Hier braucht es einen Rahmen dafür, dass Lehrkräfte rechtlich auf sicherem Boden stehen.

Sicher möchte sich auch nicht jeder Lehrer oder jede Lehrerin auf Youtube exponieren. Wir alle wissen: Was einmal im Netz ist, geht nie wieder weg.

Es muss nicht jeder anfangen, selbst Youtube-Videos online zu stellen. Es gibt eine Vielzahl von guten Erklärvideos, für jedes Fach. Man kann den Schülern auch auftragen, die anzuschauen. Grundsätzlich freue ich mich aber über jeden Lehrer, der Tutorials anbietet. Je mehr es davon gibt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Nutzer sie in ihrem Feed angezeigt bekommen. Und wenn Lehrer Wissen im Internet vermitteln, können sich die Schüler wenigstens sicher sein, dass der Inhalt stimmt.

Kann man als Lehrkraft oder als Schule davon ausgehen, dass alle Schülerinnen und Schüler zu Hause die nötigen technischen Voraussetzungen haben? Das ist ja durchaus auch ein Privileg.

Nein, das darf man nicht voraussetzen. Wahrscheinlich gibt es immer noch viele, die kein elektronisches Endgerät haben oder nicht den entsprechenden Zugang, um ein Video oder einen stabilen Live-Stream zu konsumieren. Vielleicht muss man auch mal eine Diskussion lostreten, warum überall auf der Welt stabile Internetleitungen und Geräte kein Problem sind, nur wir uns da noch schwertun. Das heißt, da muss jetzt relativ schnell viel passieren.

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