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Tiktok-Trend: "Sea Shantys":Flaschenpost voll Sehnsucht

Untergang der "Pamir"

Undatiertes Archivbild eines Viermasters der deutschen Handelsmarine. Wenn man länger hinguckt, hört man die Matrosen singen.

(Foto: DPA/DPAWEB)

Auf Tiktok singen derzeit Millionen Menschen gemeinsam Seemannslieder. Es wird Zeit, dass endlich Land in Sicht kommt.

Von Philipp Bovermann

Matrosenarbeitslieder, sogenannte Shantys, waren die Memes jener Zeiten, als die Menschen noch nicht ständig auf ihre Handys guckten, sondern mit handfesten Problemen des Daseins (Piraten, Skorbut, Seeungeheuer, etc.) zu kämpfen hatten. Entlang der Seehandelsrouten verbreiteten sich die simplen, eingängigen Melodien, in die jeder noch so schlechte Sänger bei den gemeinsamen Arbeiten an Bord einstimmen konnte. In den Kneipen der Hafenstädte vermischten sie sich miteinander, wurden umgedichtet, variiert und in neue Sprachen übersetzt - heute würde man sagen: Sie gingen viral. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis einige der Songs die Distanz der Jahrhunderte überwinden und in die digitalen Ideenhandelsrouten von Tiktok eintreten würden. Jener Plattform, die Menschen aus der ganzen Welt über wechselnde Mitmachtrends miteinander interagieren lässt.

Es begann mit dem "Wellerman". Ende Dezember stimmte Nathan Evans, ein 26-jähriger Briefträger aus Schottland, das aus dem 19. Jahrhundert stammende Lied an. Es erzählt von den Mühsalen des Zerlegens von Walkadavern und der Hoffnung auf das Kommen des "Wellermans", also eines Schiffs des Unternehmens Wells Brothers, das "Zucker und Tee und Rum" bringt. Inzwischen hat der Hashtag #seashanty über 77 Millionen Treffer. In astronomischer Geschwindigkeit haben sich weitere Shantys und Matrosenlieder verbreitet, diese wiederum in unterschiedlichsten Interpretationen. Von null zum globalen Trend innerhalb weniger Tage - es ist eine dieser Geschichten, wie sie so nur Tiktok schreibt.

In Nathan Evans ursprünglicher "Wellerman"-Interpretation begleitete er sich noch selbst. Die Strophen sang er als Solostimme, bei den Refrains legte er mehrere Aufnahmen übereinander. Jemand fügte eine Tenorstimme hinzu, ein anderer eine Bassstimme. Schon war ein Chor geboren. Das geschah über die sogenannte Duett-Funktion, mit der man ein fremdes Video neben das eigene stellen kann. Die beiden laufen dann parallel bei geteiltem Bildschirm, auch die Tonspuren überlagern sich - wodurch etwas Neues entsteht. Und natürlich kann man auch Duette von Duetten machen.

"Shantytok" nennen die Nutzer den Teil der Plattform, auf dem nun a capella gesungene Geschichten von der stürmischen See, betrunkenen Matrosen und schlechtem Essen zirkulieren. Man kriegt diese Melodien nicht mehr aus dem Kopf, wenn man einmal eingesunken ist in Shantytok. Vor allem der verdammte "Wellerman", herrje. Der Fuß wippt mit, während man E-Mails beantwortet. Er wippt mit, während man unter der Dusche steht, in Videokonferenzen seriös auszusehen versucht. Man entkommt den Seemannsliedern nicht. Elon Musk postete am Mittwoch ein Meme, das einen Priester zeigt, mit zum Gebet gefalteten Händen, die Nase nobel in die Höhe gestreckt, die Augen geschlossen, damit er nicht den nackten Hintern der jungen Frau neben sich sieht, den sie für ihn entblößt. "Ich beim Versuch, ein normales, produktives Leben zu führen", steht in weißer Schrift über dem Priester; "Sea Shanties" über dem Hintern.

Shantys wurden erfunden, damit die Matrosen zum Beispiel im gleichen Takt - hau ruck! - die Segel einholen können. Die Energie, die damals gebraucht wurde, flutet nun das Netz. Was für ein Zeitpunkt dafür! Draußen ist die Welt gefroren, statisch, parzelliert. Und drinnen? "Shantytok" ist die zweite Stimme aus dem Netz, die mit der Corona-Winter-Wirklichkeit zusammenklingt. In der Überlagerung hört man Ahnungen über die Gegenwart. Man hört das Meer rauschen, wenn man genau lauscht, die unterdrückten Sehnsüchte pulsieren, die Meerjungfrauen unter den Wellen rufen. Ach, wenn der "Wellerman" doch endlich käme, mit Zucker und Tee und Rum!

© SZ/mxm
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