Süddeutsche Zeitung

Corona-App:Das Handy-Paradoxon

Die Corona-App wird erst wirklich funktionieren, wenn die Lage wieder ernster werden sollte. Doch dann haben sie viele Nutzer womöglich längst wieder enttäuscht gelöscht.

Kommentar von Kristiana Ludwig

Zu den merkwürdigsten Erkenntnissen dieser Pandemie gehört das sogenannte Präventionsparadox. Während in Brasilien fast jede Minute ein Mensch mit Covid-19 stirbt, haben in Deutschland die Schutzmaßnahmen gegriffen. Hier kann wieder öffentliches Leben stattfinden. Und schon fragen sich viele, ob es das Virus überhaupt gegeben hat. Ihr Eindruck: So schlimm war es nicht.

Am Dienstag will die Bundesregierung nun eine App präsentieren, die Bürgern und Gesundheitsämter dabei unterstützen soll, Infektionsketten ausfindig zu machen. Wer einem Covid-19-Patienten begegnet ist, soll dann - im Idealfall - eine Warnung von seinem Handy erhalten. Das halbe Kabinett wird auftreten, um die neue Software zu preisen und eine massive Werbekampagne in Gang setzen. Je mehr Menschen sich für die App entscheiden, desto besser, so lautet die Botschaft.

Doch selbst wenn Umfragen zufolge etwa die Hälfte der Bevölkerung der Corona-App aufgeschlossen gegenüber steht: Auch dieser Technik könnte in absehbarer Zeit eine ähnliche Stimmung entgegenschlagen wie vielen anderen Corona-Schutzmaßnahmen, nämlich Skepsis.

Die App soll Menschen warnen, die sich für eine gewisse Zeit neben einem Infizierten aufhielten. Die Entwickler haben viel Mühe in eine datenschutzgerechte Methode gesteckt, damit Bürger sie guten Gewissens nutzen können. Doch auch wenn sich nun viele die App herunterladen: Warnen wird sie erst einmal die wenigsten von ihnen. Schließlich ist wegen der niedrigen Infektionszahlen auch das Ansteckungsrisiko geringer.

Hier setzt das Paradox ein: Sollte die App nicht spürbar zur Virus-Eindämmung beitragen, ist es auch nicht gerechtfertigt, dass sie Daten erhebt und Steuergeld kostet. Der Datenschutzbeauftragte hat schon eine Überprüfung angekündigt. Diese Software wird aber erst wirklich funktionieren, wenn die Lage wieder ernster werden sollte. Doch dann haben sie viele Nutzer womöglich längst wieder enttäuscht gelöscht.

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Quelle:
SZ vom 15.06.2020/cku/jab
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