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Tech-Konzerne und Covid-19:Die Amazonifizierung der Gesellschaft

Amazon logistics center in Lauwin-Planque

Nicht nur Amazons Liefergeschäft boomt in der Krise.

(Foto: REUTERS)

Endlich keiner mehr draußen: Die Corona-Pandemie erfüllt zumindest temporär die sehnlichsten Wünsche der großen Tech-Konzerne.

Raumkrankheit bezeichnet das Unwohlsein, das Astronauten erleben, bis sich ihr Körper an die Schwerelosigkeit gewöhnt hat. Wenn man so will, hat ein Großteil der Weltbevölkerung in den letzten Wochen der Selbstisolierung nachfühlen können, wie es den Raumfahrern im Orbit ergeht. Das Online-only-Dasein mit den beständig einprasselnden Nachrichten-Updates und Livetickern über das Seuchengeschehen erzeugt Schwindelgefühle und Desorientierung beim Nutzer.

Dabei ging es zu Beginn der Quarantäne doch gut los. Man empfand die Existenz vor den Bildschirmen noch als, wenn schon nicht erfüllend, doch wenigstens adäquaten Ersatz für das echte Leben. Mit der Zeit begannen die Menschen der technischen Behelfsmaßnahmen überdrüssig zu werden. Videokonferenzen, egal, ob mit den Kollegen oder mit Freunden, fühlten sich nicht mehr futuristisch an, sondern waren nur noch ermüdend. Selbst die Netflix-Nutzung sinkt inzwischen wieder.

Anders bei den Astronauten, deren Gleichgewichtsorgan überfordert ist, entsteht die Raumkrankheit bei den Erden- oder besser Netzbewohnern durch Abwesenheit. Die Welt ist flach geworden, Messaging-Apps sind nur bunte aufeinander gestapelte Wortblasen, ein Videoanruf zeigt doch nur ein Gesicht in einem Rechteck. Es fehlt die dritte Dimension. Während die Menschen unter diesem Mangel leiden, profitieren jene Unternehmen, deren Geschäftsmodelle ohnehin mit physischer sozialer Isolierung verzahnt sind. Als Katastrophen-Kapitalismus bezeichnete die Globalisierungskritikerin Naomi Klein die Tendenz der liberalisierten Wirtschaft, Krisenzeiten dafür zu nutzen, breit angelegte Privatisierungsmaßnahmen durchzusetzen und bestehende Ungerechtigkeiten zu festigen. Als Auslöser zählen nicht wie in der Vergangenheit nur Wirbelstürme oder Erdbeben, sondern auch eine Pandemie.

Die Quarantäne ist genau jene Utopie, die sich Tech-Konzerne für ihre User wünschen

Selbst wenn es in Zeiten von scheinbar unbegrenzt fließenden Staatsgeldern kontraintuitiv klingt, gibt es eine Menge Anzeichen dafür, dass der Desaster-Mechanismus auch jetzt wieder greift: Während die Arbeitslosenquote in den USA in die Höhe schnellt, stellt Amazon prekär Beschäftigte in sechsstelliger Zahl ein. Während die Leitindizes in den Keller rauschen, steigen die Aktienkurse so gut wie aller großen Tech-Firmen während Corona an. Während viele kleine Einzelhändler, Buchläden oder Restaurants sich wohl nie von der Corona-Krise erholen werden, stehen die per App ansteuerbaren Plattformen schon bereit, die Lücke zu füllen. Als "Amazonifizierung" der Gesellschaft bezeichnet das Tech-Blog One Zero diesen Prozess. Die Welt, in die man sich jetzt stürze, schrieb Naomi Klein vergangene Woche in The Intercept, "während die Leichen sich noch immer stapeln, betrachtet die vergangenen Wochen der Isolation nicht als schmerzhafte Notwendigkeit, um Leben zu retten, sondern als Live-Labor für eine permanente - und hochprofitable - No-Touch-Zukunft".

Die Zeit der Quarantäne beschreibt ziemlich genau die Utopie, die viele Tech-Konzerne für ihre Nutzer vorgesehen haben. Es ist schließlich ihr Versprechen, eine vollkommen klick- und durchsuchbare, datengetriebene Realität zu schaffen. Für den Komfort dieser Realität nahmen die Menschen auch schon bisher mehr oder weniger begeistert in Kauf, dass der von ihnen genutzte Raum schrumpft. Wenn nun das Draußen vor der eigenen Tür durch die Pandemie in eine lebensgefährliche Welt umgewidmet wird, wird die Rolle der Tech-Plattformen als Mittler zwischen Nutzer und Realität noch weiter gestärkt.

Bleibt die Frage, wie lange wir das aushalten. Astronauten gewöhnen sich an die Raumkrankheit. Auf der Erde scheint das nicht der Fall zu sein. Es kommt sogar zu schweren Verläufen bis zur Hysterie. Anders kann man es sich kaum erklären, dass so viele Menschen gegen vergleichsweise harmlose Kontaktbeschränkungen protestieren.

© SZ vom 11.05.2020

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