Computerspiele Wie Hamburg die Games-Industrie fördert

Berlin ist das Herz der Internet-Industrie, doch die Gaming-Branche bleibt lieber in Hamburg. Das ist kein Zufall, denn die Stadt hilft mit Kontakten, Partys und Unibesuchen.

Von Kristina Läsker

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz ist nicht der Typ, der sich langweilige Sitzungen mit einem Spiel vertreibt. Ist ja auch peinlich, wenn man erwischt wird. So wie Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), der vor kurzem dabei gefilmt wurde, wie er im Bundestag heimlich ein Sudoku löste.

SPD-Politiker Scholz aber hat keine Wahl. Manchmal muss er während seiner Arbeitszeit spielen, ob er will oder nicht. Neulich wieder. Da war der Bürgermeister beim Spiele-Entwickler Bigpoint zu Gast. Kurzerhand wurde Scholz vor den Computer gesetzt und musste Famerama spielen, den Erfolgshit der Firma. Auf einem virtuellen Bauernhof kann jeder Möhrchen pflanzen, Felder düngen, Schweine füttern oder sich sonstwie nützlich machen. Manches ist umsonst, manches kostet Centbeträge. In Summe rechnen sich die Einnahmen.

Es funktioniert", lobte Scholz freundlich. Dabei war er nicht gekommen, um vom Ersten Bürgermeister zum ersten Bauern zu werden. Vielmehr wollte der Politiker der vielversprechendsten Branche der Stadt seine Aufwartung machen: den Online-Spiele-Entwicklern. Zu ihnen hält Scholz regen Kontakt. Mal lädt er die wichtigsten Chefs ins Gästehaus des Senats ein und fragt nach Nöten. Mal besucht er eine Firma persönlich.

Blitzkarriere einer Branche

Das wirkt: Die junge Branche hat in der Hansestadt eine Blitzkarriere hingelegt. In nur wenigen Jahren ist die Stadt an der Elbe zum digitalen Spielplatz Nummer eins geworden. Nirgendwo sonst in Deutschland drängeln sich die Anbieter so dicht wie in Hamburg. Knapp 150 Firmen stellen Spiele her, die sich im Internet spielen lassen - entweder auf dem Computer daheim oder unterwegs auf dem Smartphone.

Es gibt eine Handvoll großer Firmen wie Bigpoint, Innogames, Gamigo und daneben haufenweise Start-ups mit weniger als zehn Mitarbeitern. Die Branche hat etliche Jobs geschaffen. Seit 2005 hat sich die Zahl der Stellen mehr als vervierfacht. Vor sieben Jahren waren es noch 800 Festangestellte, heute sind 3500. Dazu kommen mehr als 500 Freiberufler.

Beim Aufstieg von Hamburg war weniger Glück im Spiel als vielmehr Strategie. "Hamburg war das erste Bundesland, das die Spieleentwickler gefördert hat - und bis heute kümmert sich niemand so intensiv um sie wie die Hansestadt", sagt Stefan Klein vom staatlich finanzierten Projekt Gamecity. Klein ist Wirtschaftsförderer. Er unterstützt die Branche seit fast zehn Jahren und er muss so artige Sätze sagen.

Doch wer bei den Firmen nachfragt, hört ähnlich Gutes. Etwa von Bigpoint-Gründer Heiko Hubertz. "Die Stadt Hamburg hat viel für Gaming-Unternehmen getan", lobt er. Das zahlt sich aus: Die Rückendeckung durch die Politik helfe dabei, Wagniskapitalgeber zu gewinnen, meint Christian Lohr, Geschäftsführer des Handy-Spiele-Entwicklers Fishlabs. "Wenn die Stadt sagt: ,Das sind gute Jungs', ist das viel Wert."

Begonnen hat alles mit einem Messestand. Ein paar Gründer brauchten Hilfe: Sie wollten auf der Leipziger Games Convention ausstellen - damals die wichtigste Messe für interaktive Unterhaltung - und konnten sich keinen Auftritt leisten. Gamecity organisierte einen gemeinsamen schlichten Stand aus Holz und machte viele Jungunternehmer damit glücklicher als mit Geld.

Das ist bis heute so geblieben. Insgesamt steckt die Stadt jedes Jahr etwa 100.000 Euro in die Branche. Das meiste Geld fließt in Messestände - wie den bei der Gamescom in Köln oder bei der G-Star in Seoul - und in lokale Branchentreffs. "Gute Kontakte sind oft wichtiger als finanzielle Zuschüsse", sagt Organisator Klein.

Alle paar Monate lädt Gamecity zur Netzwerk-Party ein. Die Orte sind so hipp und jung wie viele Teilnehmer. Vor kurzem durften in einem Club im Hamburger Schanzenviertel 200 Programmierer, Grafiker und Game-Designer auf Kosten der Stadt netzwerken. Davon hat auch Michael Schade profitiert. Der Jungunternehmer besaß eine kleine Firma, die 3-D-Simulationen für Architekten programmierte.

Bei einer Gamecity-Stehparty lernte er vor einigen Jahren den Chef von Exit Games kennen, einem Hersteller von Handyspielen. Beide vertieften ihr Partygespräch und Schade entwickelte schließlich ein erstes 3-D-Spiel für Mobiltelefone. Das kam so gut an, dass Schade wenige Monate später gemeinsam mit Christian Lohn Fishlabs gründete. Heute hat die Firma mehr als 50 Mitarbeiter.

Fehlendes Personal

Doch Gamecity organisiert nicht nur Partys, die Initiative unterstützt auch die Suche nach neuen Mitarbeitern. Neben fehlenden Wohnungen ist das fehlende Personal das größte Problem. Es scheitert schon an der Ausbildung, passende Studiengänge sind rar. Talentierte Programmierer sind begehrt, auch weil sie in der klassischen Industrie zumeist mehr verdienen.

Auch bei Bigpoint gebe es etliche offene Stellen, erzählt Firmenchef Hubertz: "Wir wollen in diesem Jahr mehr als 200 Mitarbeiter einstellen." Die Initiative Gamecity hilft dabei. Regelmäßig bereist Klein mit einigen Personalchefs die Republik und trommelt an Universitäten für Hamburg. Vor ein paar Wochen war er in Berlin, im Herbst könnte es nach Nord-Holland gehen, das wird gemeinsam entschieden. "Solche Rekrutierungstouren bieten die Chance, künftige Absolventen frühzeitig anzusprechen", sagt Klein.

Doch wer meint, Hamburg habe mit all den Maßnahmen auf ewig den Jackpot geknackt, der irrt. Denn die Stadt gilt als traditionell und weniger flippig als Berlin. Viele junge Kreative ziehen lieber in die Hauptstadt. Auch weil es da günstige Wohnungen, billige Büros und Gleichgesinnte gibt. Diesen neuen Gründern folgt das Geld: Vor ein paar Wochen erst verlagerte der Wagniskapitalgeber Earlybird sein komplettes Hamburger Büro nach Berlin.

"Für uns ist es nur folgerichtig, dass wir den Fokus dahin verlegen, wo am meisten passiert", sagt Earlybird-Gründer Christian Nagel. Wer bei den Spielverrückten in Hamburg nachfragt, ob sie jetzt lieber nach Berlin wollen, trifft auf Gelassenheit. Zu dicht sei hier das Geflecht der Online-Spiele-Entwickler, meint Heiko Hubertz. Zu dicht, um einfach abzuhauen. "Berlin wird das Herz der Internet-Industrie, doch die Gaming-Branche bleibt in Hamburg."