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Computerspiele:"Hey, wir haben echte Panzer!"

Auch Fabian Kugler (Name geändert) beschäftigt sich viel mit Panzern. Er ist Panzergrenadier, und im Gegensatz zu Richter war der 28-Jährige noch nicht im Einsatz. 2008 startete er seine Grundausbildung, später unterbrach er für ein Bachelorstudium, Wirtschaftsrecht. Den Master will er nächstes Jahr machen. Wenn seine Kameraden ihre Freundinnen besuchen oder Sport machen, nutzt er die Zeit zum Lernen.

Am liebsten spielt Kugler War Thunder. Eine Flug- und Panzersimulation, bei dem man sich in Clans zusammenschließen und mit mehreren tausend Spielern weltweit kleine Gefechte auskämpfen kann. Seine Ausbildung bei der Bundeswehr und sein militärisches Fachwissen bewirkten, dass er viele Aspekte des Spiels anders angehe: "Taktik, Funktionsweisen, Mechanismen in den Abläufen, wie gehe ich mit einem Fahrzeug im Gefecht vor."

Das Faible junger Menschen für Games will die Bundeswehr auch nutzen, um Nachwuchs zu gewinnen. Seit Jahren ist sie auf der Gamescom in Köln präsent, der weltweit größten Messe für Videospiele, mit einem Stand, aber auch echten Panzern und echten Waffen. "Krieg ist kein Spiel", sagen Kritiker. Zu ihnen gehört auch der Politologe und Autor mehrerer Bücher über die Bundeswehr, Michael Schulze von Glaßer. "In Halle 10 steht das Spiel Battlefield, sagt mir 'Krieg ist geil'. Daneben steht die Bundeswehr: 'Hey, wir haben die echten Panzer, komm' und unterschreib!'" Auf einer Videospiel-Messe habe reales Militär nichts verloren. Die Bundeswehr wolle junge Leute mit ihren Panzern begeistern. Die seien aber eben nicht nur dazu da, um über Hügel zu fahren.

Schulze von Glaßer glaubt, dass die meisten jungen Leute beurteilen können, dass reales Militär doch etwas anderes sei als in ihren Spielen. "Aber ein Auftritt auf der Gamescom macht das nicht transparent, genauso wenig wie ein IT-Recruiting-Camp, das mit einem 'Command and Conquer'-Match lockt."

Die Bundeswehr streitet ab, schon ganz junge Zocker anlocken zu wollen. "Die Bundeswehr konzentriert sich lediglich auf ihre Hauptzielgruppe im Alter von 19-25 Jahren", erklärt Bundeswehr-Sprecher Matthias Gebler. Präsenz auf öffentlichen Veranstaltungen, darunter der Gamescom oder der Technik-Messe Cebit in Hannover, diene nur dazu, diese Zielgruppe zu erreichen.

Rechtfertigt ein Nachwuchsproblem alles?

Fest steht: Seit die Wehrpflicht ausgesetzt wurde hat die Bundeswehr ein Nachwuchsproblem und braucht dringend Konzepte, um für junge Leute attraktiv zu werden. Jede Maßnahme wird genauestens beobachtet. Die Bundeswehr sei immerhin kein normaler Arbeitgeber, sie bilde Soldaten auch zum Töten aus, unter Gefahr für ihr eigenes Leben, sagt etwa Michael Leutert, Politiker der Linken. Er ist Fachmann für den Verteidigungsetat im Haushaltsausschuss des Bundestages. In dem stünden Diskussionen über die Nachwuchswerbung der Bundeswehr immer wieder auf der Tagesordnung. "Die Ministerin meint, es ist ein Beruf wie jeder andere. Das ist Quatsch", sagt Leutert, "es wird Kanonenfutter gesucht." Die Bundeswehr sei kein Pfadfindercamp, trotzdem wolle sie junge Leute mit Outdoor-Spaß, Technik und Action locken.

Reservist Fabian Siegismund versteht die Sorgen der Bundeswehr um die Nachwuchsgewinnung: "Ich beneide die Bundeswehr nicht um ihre Grätsche: Nachwuchs anwerben, aber trotzdem nicht vertuschen wollen, wie es wirklich aussieht." Im Rahmen der Gamescom halte er das aber für schwierig. "Da geht es um Fun and Games, nicht um echte Kriege."

Dennoch kann er die Strategie der Bundeswehr nachvollziehen: "Hinter verschlossenen Türen würde ich sagen: 'Natürlich gehen wir auf die Gamescom. Die Leute sollen idealerweise aus der Vorführung für das neue Call of Duty rausstolpern, direkt über unseren Schützenpanzer und dann sollen die sagen 'Super, ich nehme mir direkt paar Infoblättchen mit'. Aber das traut sich die Bundeswehr nicht zu sagen."

Die Soldaten in den Sesseln des Offizierheims sehen die Werbestrategie der Bundeswehr entspannt. Panzergrenadier Kugler sagt, dass die Armee in seinen Augen Orte wie die Gamescom vor allem zur Selbstdarstellung nutze. Aber eines sollte doch jedem bewusst sein, der Videospiele spielt: "Spiele haben nicht den Anspruch, die Realität abzubilden, sondern nur zu unterhalten." Spätestens in der Grundausbildung werde jedem klar, was der Beruf bedeutet, da sind sich die befragten Soldaten einig.

Kugler sagt außerdem: "Wie bei jedem anderen Unternehmen, ob SAP, Siemens oder BMW, muss man wissen, dass immer eine Werbestrategie dahintersteckt." Nur dass sich die Bundeswehr als Arbeitgeber von den anderen eben etwas unterscheidet.

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Anm. d. Red.: In einer vorherigen Version des Artikels wurde "World of Tanks" als "Browser-Game" bezeichnet. Das ist nicht korrekt.