bedeckt München 32°

Computerspiel Watch Dogs:Die Hauptfigur als Manko des Spiels

Szene aus Watch Dogs

(Foto: PR)

Mit echtem Hacking hat das, was Aiden Pearce mit seiner Umwelt veranstaltet, wenig zu tun. Der Spieler nutzt die Fähigkeiten eher wie eine Superkraft. Aber die Inszenierung von Computerangriffen stellt ja auch Hollywood-Filme regelmäßig vor eine kreative Herausforderung mit häufig grotesk anmutenden Ergebnissen.

Ein tatsächliches Manko des Spiels ist die Hauptfigur. Aiden Pearce ist ein extrem unsympathischer Kerl, was die schlechtesten Voraussetzungen sind, um ihn über eine Spieldauer von mindestens 20 Stunden durch die ostamerikanische Metropole zu begleiten. Pearce funktioniert prima als Vehikel für die unterschiedlichen Multiplayer-Missionen, in denen man etwa inkognito das Spiel eines anderen Spielers infiltriert und ihn zu einem Katz-und-Maus-Spiel herausfordert. Aber er ist kein Robin Hood, nicht einmal ein kriminelles Mastermind.

Sein menschlichster Charakterzug: ein schlechtes Gewissen, weil die kleine Nichte bei einem Unfall starb und die Schwester gleich zu Beginn der Geschehnisse von einem alten Kumpel als Faustpfand entführt wird. An beidem ist unser vermeintlicher Held nicht ganz unschuldig. Fortan bringt der Hacker mit dem Mantel nicht nur arglose Passanten um ihre Ersparnisse, sondern er geht selbstgerecht über Leichen.

Von moralischer Überlegenheit keine Spur

Vielleicht ist der Vergleich mit Grand Theft Auto V unfair. Aber wo Rockstar Games mindestens zwei spannende Hauptfiguren und unzählige aberwitzige Nebencharaktere bietet und sich in Wortwitz und ironischer Distanzierung überschlägt, redet Aiden Pearce mit heiserer Batman-Stimme von Rache. Er bietet weder moralische Überlegenheit, an der sich der Spieler festhalten könnte, noch innere Zerrissenheit, die ihn zum tragischen Helden machen würde.

Watch Dogs ist ein guter Open-World-Titel, von den Spielmechaniken ein Best-Of aus den bereits etablierten Spielereien von Ubisoft, allen voran Assasin's Creed und FarCry. Die Hoffnungen, das mit Spannung erwartete und bereits vor Release mehrfach ausgezeichnete Spiel könne so etwas wie das "1984" unter den Computerspielen werden, ein "Grand Theft Data" als hochbudgetierte Systemschelte, erfüllt sich jedoch nicht. Aber substanzielle Kritik durch ein Triple-A-Spiel wäre wohl auch ein Widerspruch in sich. Aiden Pearce hat einfach nicht genug Profil, um als Hacker-Posterboy zu dienen. Er ist nur eine Actionfigur mit einem Super-Smartphone.

© Süddeutsche.de/pauk/rus
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB